Die Selbstverständlichkeit aus dem Hahn

Zugang zu sauberem Trinkwasser für alle Menschen, dieses Ziel ist es wert, sich dafür einzusetzen. Ein Weltwassertag im Weltwasserjahr in der Weltdekade des Wassers scheint vielleicht etwas zu viel des Guten zu sein, doch die Probleme sind akut.
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In Deutschland redet man beim Thema „Wasser“ im Moment fast ausschließlich von dem umstrittenen Vorschlag der EU-Kommission zur Richtlinienänderung der Vergabe von Dienstleistungskonzessionen im Bereich Trinkwasserversorgung. Stichwort: Wasserprivatisierung. jetzt.de sprach bereits im Januar mit einem Vertreter der Bürgerinitiative „right2water“, der die wichtigsten Fragen beantwortete. Mittlerweile konnte die Initiative die angestrebte Million Unterschriften knacken. Das hatte den zuständigen EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier zur einer Stellungnahme gedrängt, in der er bezüglich seines Vorschlags etwas zurückruderte. Ob der Antrag, der dem Parlament zur Abstimmung vorgelegt wird, aber wirklich korrigiert wird, ist noch nicht sicher. Die Bürgerinitiative läuft indes weiter. Nächstes Ziel: Unterschriften aus sieben Nationen der EU bis September. Die aktuell 1,3 Millionen Stimmen kommen hauptsächlich aus Deutschland, Belgien, Österreich, der Slowakei und Slowenien. Aber erst wenn sieben Nationen zu einem gewissen Teil an der Gesamtzahl beteiligt sind, ist die Kommission gezwungen, sich mit dem Anliegen der Europäischen Bürgerinitiative auseinanderzusetzen.

Für uns ist Wasser selbstverständlich - aber das kann sich ändern.

Die Privatisierungsdebatte soll am Weltwassertag der Vereinten Nationen aber nicht alleine im Mittelpunkt stehen. Das Motto in diesem Jahr ist „Wasser und Zusammenarbeit“. Es gehe darum, den multidisziplinären Aspekt des Wassers ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rufen, sagt Lutz Möller, Fachbereichsleiter Wissenschaft der Deutschen UNESCO Kommission. „Bildung, Sozialwissenschaften, Kultur, das alles hängt mit dem Thema Wasser zusammen und beeinflusst den Umgang damit. In manchen Kulturen ist das Wasser einfach selbstverständlich, in anderen wird es als Gottheit verehrt. Für uns ist es normal, Abwasser aufzubereiten, für andere kommt das noch nicht in Frage“, erklärt er.

Oft ist uns gar nicht bewusst, was alles mit dem Wasser zusammenhängt. In Deutschland ist der Wasserbrauch ein vergleichsweise kleines Thema. Aber den wenigsten ist bewusst, dass unser tägliches Konsumverhalten einen riesigen Teil davon ausmacht und auch den Wasserverbrauch in anderen Ländern verursacht. Um zum Beispiel das Obst das wir essen zu produzieren, müssen Pflanzen bewässert werden. Und vieles importieren wir Gebieten, in denen Wasser ein knappes Gut ist.

In diesen Ländern ist „Water Grabbing“ oft ein großes Problem. Christian Wiebe, Sprecher des Vereins „Viva con Agua de St. Pauli“ erklärt die Form der radikalen Privatisierung folgendermaßen: Das „Land Grabbing“ ist bereist ein gängiger Begriff dafür, dass Konzerne sich – häufig in Entwicklungsländern – Grundstücke sichern, zu zweifelhaften Zwecken und häufig mit illegalen Mitteln. „Land grabbing“ ist aber ohne Wasser nichts wert, weil es alleine industriell und landwirtschaftlich nicht nutzbar ist. „Water Grabbing“ bedeutet also, dass den Bewohnern nicht nur das Land, sondern auch das Wasser und damit oft ihre Lebensgrundlage weggenommen wird.

All diese Probleme sind hoch aktuell, aber nicht wirklich neu. Der Weltwassertag ging aus diesen Gründen schon 1992 aus der UN-Weltkonferenz über Umwelt und Entwicklung hervor. Darüber hinaus befinden wir uns gerade offiziell im Weltwasserjahr und das liegt auch noch in der „Weltdekade des Wassers“, zu der die UN-Generalversammlung den Zeitraum zwischen 2005 und 2015 erklärt hat.

Man kann daran zweifeln, was das alles an den Problemen ändern soll und sich auch fragen, ob es nicht auch irgendwann einmal gut ist mit den Thementagen-, jahren und –jahrzenten. Aber Vereine wie Viva con Agua de St. Pauli sind der Meinung, es kann gar nicht genug von ihnen geben, denn sie dienen dazu, der Öffentlichkeit die Missstände ins Bewusstsein zu rufen und dort zu halten. Noch immer haben 783 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und 2,5 Milliarden Menschen verfügen über keine sanitäre Grundversorgung.

Damit möglichst viele Menschen darauf aufmerksam werden, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, die aus dem Hahn kommt, gibt es jedes Jahr am 22. März auf der ganzen Welt Aktionen, Proteste und Veranstaltung. In Berlin zum Beispiel wird #LassLaufen zu einem sechs Kilometer langem Demonstrationsweg aufherufen. Das ist die durchschnittliche Entfernung, die Menschen in Entwicklungsländern zur nächsten Wasserstelle zurücklegen müssen.

Text: teresa-fries - Foto: dpa

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