Die sind doch nicht zusammen, oder?

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Die Siamesischen Da gehen die Hosen gar nicht mehr zu, so frisch verliebt ist dieses Paar. Zumindest sollen das die Umstehenden glauben. Die fühlen sich angesichts des verknoteten und ordinär verschränkten Doppelwesens sowieso schon sehr halbwertig feat. genervt. Wer ist schon gern Geräuschkulisse für einen Porno, in dem andere die Hauptdarsteller sind? Ewige Frage hinter den Siamesischen ist also: Warum müssen die überhaupt auf ein Konzert oder in einen Club gehen, wo ihr Sichtfeld doch über die Augenbrauen des anderen nicht hinauskommt? Auch wenn sich die Siamesischen an Gemeinschaftsaufgaben beteiligen, also etwa Getränke holen, Minigolf spielen und Gespräche mit zufällig anwesenden Singles beginnen, demonstrieren sie ihre Unersättlichkeit in Form von innig verstrickten Handflächen und schmachtenden Blicken. Dieser Zustand der gegenseitigen Enthobenheit, dieses Signal, dass alles andere warten muss, weil die Liebe so stark ruft, gehört zu den unerträglichsten Symptomen der Liebe. Wenn man selbst davon betroffen ist, fällt einem das zum Glück nicht immer gleich auf. Sehr häufig entsteht zärtlich-siamesisches Verhalten auch bei Menschen, die sich gerade erst auf der Tanzfläche kennen und knutschen gelernt haben. Diese In-Vitro-Romanze des Abends lassen sie sich dann um keinen Preis mehr aus den Händen nehmen. Wörtlich gesehen.


Die Schüchternen Ach, daheim im eigenen Zimmer ist das Turteln und Schnurteln so einfach und schön, aber sobald mal frische Luft zwischen die Liebenden kommt, wird alles irgendwie krampfig. Die eine geniert sich, weil sie den Eindruck vermeiden möchte, sie wäre ein schwaches weibliches Kuschelwesen. Der andere ist gehemmt, weil ihm das Herumzärteln nicht recht männlich vorkommt und es ihn auch bei anderen unangenehm berührt. So belassen sie es bei schüchternen Gesten: Händchenhalten in dunklen Unterführungen, in die Seite knuffen, schmaler Kuss auf die Wange zum Abschied. Den anderen fällt das natürlich auf und es hagelt gleich indiskrete Fragen, vor allem von anderen Familienmitgliedern und besten Freundinnen: "Habt ihr Angst voreinander? Jetzt gib’ ihr doch mal einen Kuß, Ingo!" Das macht es nicht gerade einfacher. Dann wird schnell und ungestüm und zum Beweis ein bisschen in den Arm genommen und gegenseitig nach Art eines Haustieres gestreichelt. Exzessives Knutschen in der Öffentlichkeit? Nur wenn einer von beiden in ein Fass mit Zaubertrank bzw. Weißweinschorle gefallen ist. Dann aber bricht meist sofort eine akutes Nähebedürfnis aus, in dem sich das ganze „Nichtdürfen“ entlädt. Auch wieder schwierig.


Die Lässigen Wir haben es hier mit den Großmeistern der Coolness zu tun. Dass die beiden zusammengehören, merkt man als Außenstehender erst, wenn man eine Einladung zur ironisch gebrochenen Hochzeit im Briefkasten findet. Dieses Pärchen kommt grundsätzlich getrennt zu Partys und verlässt sie selbstverständlich auch getrennt. Wenn überhaupt, unterhalten sich die beiden nur im Vorübergehen oder wenn sie zufällig nebeneinander an der Bar zum Bierholen anstehen. Und dann mit einem schiefen Grinsen im Gesicht. Sie finden, ihr Privatleben geht niemanden etwas an. Und außerdem sind fremde Menschen tendenziell unterhaltsamer, als der langjährige Partner, dessen Geschichten man auch schon auswendig kennt. Diese Taktik sieht auf den ersten Blick und von außen zunächst ziemlich lässig und unangepasst aus. Aber wenn man die ganze Angelegenheit mal zu Ende denkt, dann wird dem Betrachter klar, dass das Leben solcher Mimikry-Paare ganz schön anstrengend sein muss. Den anderen mal kurz umarmen und dabei mitteilen, dass er doch bitte daran denken soll, am nächsten Morgen zwei Liter Milch zu besorgen – geht aus Coolness-Gründen nicht. Dem anderen in der Öffentlichkeit einen Kuss geben, weil einem gerade danach ist -unmöglich! Man hat schließlich ein Image in der Öffentlichkeit zu wahren, spontane Gefühlsäußerungen sind da ganz und gar nicht opportun. Üblicherweise geht die Ansage zur strikten Trennung von Tisch und Bett von der in der Beziehung dominanteren Person aus. Der andere fügt sich dieser Chefansage und hofft, dass diese nicht aus Fremdgeh-Taktik erteilt wurde, sondern weil es so länger romantisch und aufregend bleibt. Eine fromme Hoffnung...


Das Pärchenhandschuh-Paar Selbst in der vollsten vorweihnachtlich verstopften Fußgängerzone wird es diesem Paar nie passieren, dass es nicht für ein solches gehalten wird, sondern – Gott bewahre! - für zwei Individuen. Zwar hat dieses Pärchen schon vor langer Zeit aufgehört, sich im Privaten oder in der Öffentlichkeit gegenseitig zärtlich anzufassen, trotzdem ist es ihm weiterhin ein großes Bedürfnis, sich der Umwelt als zusammengehörig zu präsentieren. Man hat schließlich lange genug am Fortbestehen der Beziehung gearbeitet, ist gemeinsam durch tiefe Krisen-Täler geschritten, hat sich etwas aufgebaut und wurde im Laufe all dieser Abenteuer zu einem perfekt aufeinander eingespielten Team. Beide können die Sätze des Partners beenden und gehen sich nur dann tierisch auf den Wecker, wenn sie länger als 48 Stunden ohne Fernsehgerät auskommen müssen. Sie wissen durchaus, dass sie in ihrer Paarhaftigkeit eine gewisse Asexualität ausstrahlen. Und das ist auch der Grund, warum ihnen die Manifestation ihres Beziehungsstatus so wichtig ist: sie tragen einander ergänzende Herzhälften um den Hals, sie kaufen Pärchen-Handschuhe, weil das gleichzeitig „süß“ und „witzig“ ist und an einer sehr intimen Stelle haben sie sogar die Initialen des Partners tätowiert. All das signalisiert sowohl nach innen, als auch nach außen ihre Zusammengehörigkeit und dient ihnen als ständige Versicherung der Wahrhaftigkeit ihrer Beziehung.

Text: fabian-fuchs - Illustrationen: katharina-bitzl

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