Die spinnen, die Finnen!

Ob Eurovision Songcontest oder PISA-Studie - Finnland entwickelt sich langsam zum Klassenstreber Europas. Höchste Zeit, den russischen Vorgarten mal ein bisschen auf den Teppich zu holen.
michele-loetzner

1. Der Pisatest Deutschland ist doof und die Finnen sind schlau. Das ist totaler Blödsinn. Das Bewertungs- und Testsystem von Pisa (Programme for International Student Assessment) ist hochkompliziert. An einem kleinen Beispiel lässt sich allerdings zeigen, wie schwachsinnig es ist, das deutsche oder irgendein anderes mit dem finnischen Bildungssystem zu vergleichen. Die Finnen sind super im Diktat und im Vorlesen ihrer eigenen Sprache. Da Finnisch eine sehr phonetische Sprache ist, man also alles so schreibt, wie man es spricht, ist es wissenschaftlich bestätigt viel einfacher für finnische Kinder die Transferleistung „Wort im Mund“ zu „Wort auf Papier“ zu erbringen als etwa für französische Schüler. Deswegen sind Finnen auch leider meistens Idioten, wenn sie Fremdsprachen an der Schule lernen. Das finnische Schulsystem hat nämlich noch eine Besonderheit in petto: wer eine Fremdsprache lernt, muss ihrer auf dem Papier mächtig sein, mündliche Prüfungen werden nicht verlangt. Nicht mal an der Uni, dort ist lediglich eine mündliche Sprachfertigkeitsprüfung gegen Ende des Studiums vorgesehen. Eine! Deswegen erkennt man Finnen in Deutschland ganz leicht an ihrem „Seisse“.

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Illustration: Julia Schubert

Finnischer Rockminister: Matti Vanhanen (im Anzug) ist der finnische Premierminister und ein guter Rocker. Hier empfängt er die Grand-Prix-Gewinnerband "Lordi" in Helsinki. Foto: dpa 2. Alkohol Dass man in Finnland dem Alkohol zugeneigt ist, ist im Rest Europas kein Geheimnis. Der Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alkohol ist in Deutschland mit 10,2 Liter zu 7,8 Liter zwar höher, doch das Trinkverhalten ist der ausschlaggebende Unterschied. Während fast alle anderen Einwohner Europas sich gerne langsam mit Bier, Cocktails und Wein zunebeln, muss in Finnland sofort das harte Zeug auf den Tisch. Das Schnapstamperl ist in Finnland die beliebteste Gläserform, gesoffen wird, wann immer es geht und Happy Hours von 9 Uhr bis 11 Uhr morgens (!) sind in finnischen Bars ganz normal. Wer glaubt, dass ein Deutscher oder ein Engländer auf Malle peinlich ist, hat noch nie einen Finnen auf einer Fährfahrt ins preiswerte, benachbarte Estland erlebt. 3. Gastfreundschaft Wer die finnische Staatsbürgerschaft erhalten will, muss Auflagen erfüllen, deren Seitenumfang „Krieg und Frieden“ als Reclamheftchen erscheinen lassen. Finnen fühlen sich wohl, wenn sie unter sich bleiben. Man verhält sich zwar Ausländern gegenüber freundlich, ist aber ganz froh, wenn sie wieder verschwinden. Gewohnheiten, Speisen und Traditionen aus anderen Ländern werden generell belächelt und danach mit einer Aufzählung quittiert, warum die finnische Variante die Bessere ist. Grundsätzlich bekommt man als Ausländer von Finnen zu hören: „Yes, that`s nice, but in Finland we have…“ Dinge, die die fünf Millionen Finnen mögen, werden allerdings sofort adaptiert und als traditionell finnisch ausgegeben. „You know, we always drank coffee and we had the idea to mix it with milk first.“ – Klar, und die Italiener und Spanier haben es sich dann von den Finnen abgeschaut? Das finnische Selbstbewusstsein bleibt von Widersprüchen unberührt. 4. Essen Speisen und ihre Vorliebe dafür ist eine sehr subjektive Geschichte, trotzdem hat man sich irgendwann flächendeckend darauf geeignet, dass Gewürze eine ziemlich coole Erfindung sind. Aber pah, die Finnen brauchen das nicht. Gewürze sind vollkommen out in Finnland, schon immer. Überhaupt, alles, was schmecken könnte, wird aus der finnischen Küche verbannt. Salat wird ohne Dressing serviert und der gemeine Finne kippt ihn deswegen meist direkt auf seine Hauptmahlzeit und mischt alles ordentlich durch. Finnische Nationalgerichte werden zwar ordentlich mit Alkohol aufgepeppt und mit Süßspeisen kann man dort auch ganz gut über die Runden kommen, aber als Nudelsoße deklariertes Ketchup und Teigtaschen mit Reis gefüllt, hauen wirklich keinen vom Hocker. Und das viel gepriesene Knäckebrot oder die hoch gelobten Gemüsesuppen sind 1A aus Schweden und Russland geklaut. 5. Musik Musikalisch ist Finnland eine Wüste und das nicht erst seit Lordi. Aber was will man von einem Land erwarten, dessen Helden The Rasmus, Nightwish oder HIM heißen? Was Musik betrifft, sind Finnen auch mal wieder extrem stur. Gehört wird nur, was aus dem eigenen Land kommt, alles von außerhalb wird misstrauisch beäugt. Wahrscheinlich haben deswegen die meisten Bands aufgehört, durch Finnland zu touren. Auf Konzerten wird still getrunken und still gestanden. Dafür kann man sich seine Master Card mit der Tante von Nightwish bedrucken lassen – übrigens der Verkaufsschlager in Helsinki im Winter 2005. Über Lordi muss im Moment nicht mehr viel gesagt werden, aber wer einmal den Wohnort Rovaniemi des Sängers Tomi besucht hat, versteht, warum das ein armer Mann ist und er Verkleidungen gerne hat. Gibt ja sonst nix dort! 6. Städte Bleiben wir gleich bei Rovaniemi, dem Kaff direkt auf dem Polarkreis. Für die Finnen ist es das Mekka der heiligen Weihnacht. Ganz in der Nähe des grauschwarzen Industrieorts liegt das Weihnachtsmannmuseum, der Inbegriff von Kitsch und Abzocke. In einem kleinen Hüttchen wird 12 Monate im Jahr Weihnachtskrims verkauft und Finnland brüstet sich mit der weltweit schönsten Weihnachtsdekoration. Wer einmal den Christkindlesmarkt in Nürnberg besucht hat, kann sich ein spöttisches Kichern ob der fünf Lämpchen in der Innenstadt von Helsinki nicht erwehren. Ein bisschen Lametta macht eben noch lange kein Weinachten. Aber wir waren ja bei Städten. Genauer gesagt EINER Stadt. Finnland hat nämlich nur eine: Helsinki. Was eine Stadt sein will, braucht eine bestimmte Einwohnerzahl pro Quadratkilometer. Dummerweise erfüllt das eben in Finnland nur Helsinki, alle anderen sind offiziell „Dörfer“.

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