Die Streber da oben! Das Skandinavien-ABC

Kopenhagen, Nobelpreise, Swedish-Bikini-Team - irgendwie hat Skandinavien dauernd die Nase vorn. Höchste Zeit für ein klärendes ABC.
max-scharnigg

A wie Alkohol Großes Thema im Norden. Kaum ein Bericht eines Nordland-Fahrers kommt ohne die Schilderung von Bierhumpen aus, die sagenhafte zehn bis hundert Euro gekostet hätten. Dieses sportliche Trinken ist auch deshalb doppelt schwierig, weil das Bier in Schweden zum Beispiel nur als Leichtbier im Supermarkt zu kaufen ist - mit 3,5%. Auch die veritable Sauflust vieler Einheimischer ist damit nur schwer zu befriedigen. Richtigen Alkohol bekommt man zwischen Malmö und Falun nur in Spezialgeschäften, die Apotheken nicht unähnlich sind. Fähren nach Deutschland oder Osteuropa sind deswegen bis unters Dach mit trinklustigen Schweden beladen, die günstigen Alkohol auf kleinen Schubkarren importieren – und unterwegs auch schon mal verkosten. B wie Blond Überhaupt kein Klischee: die sind wirklich fast alle blond. Während die ganze restliche Menschheit zunehmend dunklere Haarfrisuren bekommt, halten die Finnen und Schweden weiterhin ein helles Köpfchen hoch. Schön. Nur schade, dass sie es die meiste Zeit des Jahres unter einer Mütze verstecken müssen. C wie Camping Das Jedermannsrecht wirkt für alle Menschen in normal besiedelten Ländern, wie ein allzu großzügiges Geschenk der Naturgötter. Es besagt, dass es jedem freigestellt ist, zu übernachten wo er möchte, so lange es nicht direkt in der Einfahrt eines Einheimischen ist. Klingt dufte, sieht in der Realität aber meistens so aus, dass man nach einer Woche wahrgenommenen Jedermannsrecht sehr genau weiß, warum andere Menschen feste Häuser, Wasserleitungen, Heizung und Herd haben und sich nicht einfach mit dem Schlafsack in die Wiese legen.

D wie Dunkelheit Um diese Zeit im Jahr beginnt es in Stockholm gegen halb drei massiv zu dämmern und spätestens um vier hat man Lust auf Abendessen. Die lange Winterdunkelheit führen viele als Grund gegen ein Leben in Skandinavien an, dabei haben die Skandinavier das ganz gut im Griff. Nahezu jedes bewohnte Haus hat Kerzen in den Fenstern, die besten Lichtdesigner hocken in Södermalm und werfen jedes Jahr bildschöne Steh-, Pendel und Gesichtslampen auf den Markt, alles soll hellholzig, hellflauschig und klar sein. Die Nordländer sind zudem gemeinschaftssüchtig - damit keiner in der Dunkelheit alleine hockt, wird ständig zusammen gesungen, Kaffee getrunken und sich angefasst. Zu Letzterem beachte man die Kinderwagendichte in Stockholms In-Viertel, die jeden Berliner Kiez noch mal in die Tasche steckt. E wie Essen Wegen des Essens muss man nicht bei Flensburg über die Grenze fahren. Alles, was dahinter so in die Kochtöpfe kommt, ist in den allermeisten Fällen zu süß, zu farbig oder eben nur von irgendwo anders importiert. Klar, kann man in den Küstenländern gelegentlich gut Fisch essen, aber schon bei den 45 Methoden Fisch in Dosen einzumachen, geht dem südlicheren Gaumen der ewige Zimt/Kardamon/Karamellzusatz auf die Nerven. Die roten dänischen Pölser-Würste lehnt man dagegen schon grafisch ab, der blaue, grüne und sehr sehr gelbe Käse, den die Schweden in der Kühltheke haben, zeigt man am besten niemals einer echten Kuh, das könnte Identitätskrisen auslösen. Die als Köttbullar (sprich: Schötbullar) bekannte schwedische Spezialität ist abzüglich der Preiselbeersauce nichts als ein sehr festes und sehr geschmackloses Hackfleischkügelchen. Einzige echte kulinarische Errungenschaft: Kanelbullar, Zimtkringel, die es in Schweden an jedem Kiosk und sogar im Zug gibt. Eine nationale Umfrage erbrachte vor einigen Jahren, dass das Lieblingsgetränk der Schweden zu diesen Zimtkringeln Milch ist. Süß, oder? F wie Fjord Ein Fjord ist ein Tal das randvoll mit Meer ist. Außerdem ist es die massive Sehnsucht sämtlicher ZEIT-Abonnenten, einmal in ihrem Leben auf, neben und in so einem Fjord zu sein, weil es nämlich majestätisch, erhebend und sehr nordisch ist. Die Bildungsbürgerreise schlechthin ist deswegen auch die Hurtigruten-Fahrt, bei der man mit einem Orginal-Postschiff an der norwegischen Küste entlang tuckert und ganz viel hiervon sieht: Wasser, Granit, Nebel. Ist trotzdem so teuer, als würde man bis in die Südsee fahren.


G wie Gemütlich Gemütlich sind sie wirklich, die roten Häuschen mit den weißen Fensterahmen und den Elchen im Vorgarten. Drinnen kann man das ganze Holz verfeuern, das ebenfalls im Vorgarten steht und zwar in einem dieser schwedischen Holzöfen, die allesamt aussehen wie U-Boote aus Porzellan. Das Gegenteil von gemütlich sind allerdings die Chemietoiletten im Garten, die zu vielen dieser idyllischen „Fritidshus“ gehören. Dafür sollte IKEA mal was erfinden: Geruchskeulen, Flauschunterlagen und bunte Kacktassen zum Beispiel. H wie H&M Ein wirkliches Verdienst der Schweden ist ihr Ansinnen, die ganze Welt für kleines Geld einigermaßen anständig zu kleiden. Ganze Industrie-Landstriche Großbritanniens fanden auf diese Weise wieder Anschluss an die westliche Gesellschaft. Nur schade, dass diese modische Großmacht erst mit Billiglohnarbeit und globalem Logistikwahnsinn möglich wurde. Ja, IKEA, das gilt auch für dich. I wie Insekten Schweden und Finnland haben etwa geanu so viele Seen wie Einwohner und dazu soviel Schilf, dass man das ganze Saarland zwei Jahre lang damit ernähren könnte. Klar, dass sich die Mücken da wohlfühlen und klar, dass sie sich über die zarten deutschen Menschenhäute freuen, die mitten im Schilf ihr Zelt aufschlagen und Boot fahren oder Angeln wollen. Über das mitgebrachte Autan lächelt diese aggressive und muskulöse Nord-Spezies nur – deshalb sollte man unbedingt im nächsten Angelgeschäft (immer etwa 200 Kilometer entfernt) nach dem einheimischen Gegenmittel fragen. Das ist meistens ein Gebräu, das mit Abschreckung durch olfaktorische Grausamkeit arbeitet. Damit hat man wenigstens eine Erinnerung an diesen einen Schweden-Urlaub, in dem man keinen einzigen Fisch gefangen hat. J wie Jul Schwedisch für Weihnachten und wie viele andere Feste in Schweden auch, eine Zeit, die mit lustigem Brauchtum gespickt ist. Nicht nur, dass der Weihnachtswichtel im Garten versorgt werden muss (mit Bratapfel zum Beispiel), zwei Wochen vor Weihnachten stehen selbst die hippsten Hipster früh auf, um beim Lucia-Umzug einem kleinen Mädchen mit Lichterkrone zuzujubeln. Anschließend wird im Kreis unmäßig lang und feierlich gesungen, wie zu fast allen Feiertagen im Norden. Diese Lucia-Lichterkronen gibt’s übrigens mit Batterie in jedem Supermarkt, genau wie den gigantischen Julschinken, der geräuchert, gekocht und gesalzen auf den Tisch kommt. K wie Königshäuser Neben all den anderen Großartigkeiten haben die Skandinavier für die Romantiker unter uns Erdenmenschen auch noch viele schöne Königreiche mit schmucken Prinzen und Prinzessinnen, deren Liebesgeschichten mit bürgerlichen Partnern die Klatschblattleser bestens unterhalten. Da wäre der etwas Kernig-Bergsteigermäßiges ausstrahlende Haakon von Norwegen, der die blonde Partymaus Mette-Marit zur Prinzessin machte und deren unehelichen Sohn auch gleich an Kindes statt annahm. Ein großzügiger, sympathischer, gutaussehender Mann und eine ebensolche Familie, zu der mittlerweile auch die gemeinsamen Kinder Ingrid und Sverre gehören. Die Schweden haben keine glückliche Ehe, dafür aber eine sehr schöne Kronprinzessin mit überwundener Essstörung namens Victoria zu bieten. Die wird sich demnächst mit dem gelernten Fitnesstrainer Daniel Westling vermählen – die beiden sind immerhin schon acht Jahre liiert. Typisch für die Dänen – hätte man fast vergessen, dass die ja ebenfalls ein Königshaus haben und auch einen Kronprinzen, nämlich Frederik. Der ist mit der Australierin Mary verheiratet, die er bei den Olympischen Spielen in Sydney kennengelernt hat. Die beiden haben sich selbstverständlich auch schon brav fortgepflanzt – Christian und Isabella heißen die Kinder. Nur die Finnen mit ihrer Extrawurst mal wieder haben kein Königshaus, sondern leben in einer astreinen Republik. L wie Literaturnobelpreis Kein Mensch weiß eigentlich, warum ausgerechnet ein paar schwedische Gelehrte den besten Schriftsteller der Welt küren dürfen. Aber sie tun es mit jener unerschrockenen Trotzigkeit, mit der sie auch alle anderen Sitten in ihrem Land alljährlich wiederholen. Wenn also der Generalsekretär in einer komischen Dramaturgie durch die Flügeltüre im oberen Stockwerk der Schwedischen Akademie tritt und in früher fünf jetzt drei Sprachen und ziemlich dürren Worten einen Namen verkündet, hält brav die ganze literarische Welt den Atem an und hört zu. Dem Gewinner winken ultimativer Ruhm und ein dicker Scheck, der sich aus den Zinsen des Dynamit-Imperiums von Alfred Nobel speist. Als kleine Rache dafür, müssen die Gewinnern aber nicht nur eine Rede halten und ein stocksteifes königliches Dinner über sich ergehen lassen, nein, es wird auch erwartet, dass sie bei der traditionell anschließenden Party, die von Studenten organisiert wird, etwas vorsingen. Und am nächsten Tag werden sie im Grand Hotel von wüsten Lucia-Kindern (siehe "Jul"), mit Kerzen auf dem Kopf geweckt.

M wie Mode Siehe H&M. Daneben gibt es aber auch noch eine erschreckende Anzahl von jungen Modelabels, die fast alle in Stockholm sitzen und fast alle mit Jeanshosen bekannt wurden, für die man Beine mit dem Durchmesser eines Spazierstocks braucht. Dass es solche Beine gibt, beweisen die Einwohner der Viertel, in denen die Modelabels sitzen, auf eindrucksvoll schwankende Weise.


N wie Nationalheld Wenn man bei YouTube nach

sucht, könnte man den Eindruck gewinnen, der 32-Jährige spiele für eine Mannschaft namens "Calvin Klein". Denn Karl Fredrik genannt Freddie Ljungberg ist der vermutlich einzige Fußball-Profi, der in seinem Wikipedia-Eintrag die Berufsbezeichnung "Fotomodell" vorweisen kann. Neun Jahre lang spielte der schwedische Fußballer für den britischen Spitzenklub FC Arsenal, wirklich bekannt wurde er aber durch Fotos, die offenbar in der Kabine eines Fußballstadions entstanden: Ljungberg trägt darauf lediglich eine Unterhose und einen sehr muskulösen, leicht glänzenden Oberkörper. Im Internet findet man den Schweden, der mittlerweile in Seattle kickt, auch wenn man nach Sexy Freddie sucht. Nun ja. O wie Öl Öl bedeutet für Norwegen Wohlstand, Bohrplattformen, sichere Jobs für Geologen, Hubschrauberpiloten und Greenpeace-Besatzungen. Öl bedeutet für Schweden Niedergang, Bierplattformen, sichere Jobs für Bierbauchspezialisten, Hubschrauberpiloten und Studenten.

P wie Piratenpartei Piraten scheinen Skandinavien nicht nur wegen der Nähe zum Wasser zu mögen. Auch online sind sie hier sehr aktiv. Zum Jahreswechsel 2006 gründete Rickard Flakvinge in Stockholm die Piratenpartei, die Macher des BitTorrent-Trackers Pirate Bay standen hier vor Gericht und auch der Verein Piratbyrån ist hier Zuhause. Vielleicht liegt es an der guten Versorgung mit schnellen Internet-Anschlüssen oder daran, dass Schweden besonders fortschrittlich sind, jedenfalls nahm die Piratenbewegung hier ihren Anfang. Bei den Europawahlen 2009 errang die junge Partei sogar einen Sitz im Europaparlament und auch in Deutschland erzielten die Piraten bei der Bundestagswahl beachtliche Erfolge. R wie Reisen Die Skandinavier sind Reiseweltmeister. Kaum einer will so gerne weg wie sie. Überall auf der Welt sitzen sie in der Sonne und denken kein bisschen an den eisigen Fehmarnbelt. Wenn man ihnen dann erzählt, dass man ein Jahr in Uppsala studiert hat, freiwillig, dann rennen sich lachend weg. S wie Sauna Wer je mit einem Finnen eine der in Deutschland so beliebten finnischen Saunas besucht hat, durfte vermutlich ein interessantes Schauspiel erleben, nämlich ein ganz unnordisches Entsetzen. Richtig ist zwar, dass in Finnland sogar die Telefonzellen einen angebauten Saunaraum haben und dass man dort gut und gerne jeden Tag sauniert. Anderes als hierzulande geschieht das aber nur in Ausnahme- oder Familienzusammenhängen gemischtgeschlechtlich. Das überfreizügige Nacktgewusel das wir hier mit Verweis auf die gesunden Nordvölker praktizieren, geniert diese total. Denkt mal drüber nach, Lustgreise! Über die Temperaturen, das fehlende Birkenreisig (das man in Finnland sogar im Supermarkt tiefgefroren kaufen kann) und die medizinische Ernsthaftigkeit, mit der hierzulande geschwitzt wird, können sie hingegen nur lächeln.


T wie Tiere Die nordische Tierwelt ist ein Exportschlager. Zumindest ihr prominentester Vertreter, der Elch, der auf jedem Volvo zwischen Garmisch und Hamburg klebt (okay, manchmal ist es auch ein Apple-Apfel). Diese teutonische Elch-Begeisterung wundert die Menschen in den Elchländern zu Recht – ein hässlicheres, langweiligeres und dümmeres Tier lässt sich auf Gottes weitem Erdenrund kaum finden. Selbst als Salami schmeckt es eher mittelmäßig. Für Unterhaltung sorgen die schlecht austarierten Tiere stets nur im Herbst, wenn sie nämlich am Boden vergorene Früchte fressen und dann betrunken in Kleinstädten für Terror sorgen. Manchmal kippen sie auch einfach besoffen zur Seite um oder rennen gegen einen Baum. Niedlich, oder? U wie Uppsala Ist neben Stockholm und Göteborg die dritte schwedische Stadt, die man kennt. V wie Vorbild Ganz ehrlich, ein bisschen nervt das Vorbildhafte der Nordländer doch auch: Die schönen Menschen, das gute Design, die sichersten Autos, die liberalsten Gesellschaften, jede Pommesbude ist rollstuhlgerecht, jede Minderheit hat ihr eigenes Gebäck, das dann alle solidarisch und gerne essen. Und jetzt auch noch Klimagipfel und Obama-Ranschmiss, ihr blöden Streber! Andererseits kann man sich immer vorsagen: Dänisch klingt wie Bröckchenhusten, die schwedischen Atomkraftwerke haben mehr Pannen als alle anderen, der Politikermord wurde gewissermaßen in Schweden perfektioniert und dauernd kommen Menschen mit Astrid-Lindgren-T-Shirts zu Besuch. Die haben es also auch nicht leicht. Und außerdem gibt es da auch so eine Nazi-Vergangenheit, eine ganz kleine… W wie Wallander Eine Seltsamkeit. Einerseits gibt es wenige Länder, die so sackfriedlich sind wie Dänemark und Schweden. Andererseits übertreffen die beiden sich mit Krimiproduktionen und Stories von Massemördern, die in Ferienhäusern oder auf Stateoil-Parkplätzen herummorden. Während die dänischen Krimis dabei auf hochtechnisierte Spezialeinheiten setzen, die man in so einem kleinen Käseland am wenigsten vermutet, müssen es in Schweden immer schwer angeschlagene, ältliche Kommissare richten, die den ganzen Fall über kaum den Mund aufkriegen. Als Leser und Zuschauer gruselt man genüsslich mit – so lange, bis man eines Tages in Nähe von Ystad in diesem herrlichen kleinen Ferienhaus hockt, es draußen stockdunkel ist und man komische Geräusche aus Richtung der Tür vernimmt. Z wie Zuwanderung Nicht erst seit im deutschen Fernsehen permanent Auswanderer in der Nähe des Polarkreises eine Würstchenbude eröffnen und dabei ständig mit dem Hintern an ihren acht Kinder festfrieren, wissen wir: Schweden ist eine offenes Land. Zumindest für alle, die Ingenieure, Atomphysiker und Tischler sind. Jede noch so schäbige Ortschaft hat für sie an der Dorfeiche einen Tisch mit Prospekten aufgestellt, die das Niederlassen ebendort schmackhaft machen sollen. Kostenlose Sprachkurse und viele lächelnde Gesichter sollen Heimatmüde davon überzeugen, die Staatsbürgerschaft zu wechseln. Dabei brauchen die doch nur jemand, der in den entlegenen Landstrichen zwischen Tundra und Ostsee mal durchlüftet und den Boden besenrein hält. Der Schwede selber verpflanzt sich nämlich im Alter lieber schön nach Spanien, so wie alle anderen Völker auch.

Text: max-scharnigg - Illustrationen: katharina-bitzl

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