Die süßen schiefen Mädchen von Glasgow

Wie sehen die denn aus? Über den Kulturschock beim Betrachten des britischen Ausgeh-Stils
fiona-webersteinhaus

Beim Schlendern in der Münchner Innenstadt im vergangenen Sommer habe ich mich verguckt. In ein dunkelblaues schlichtes kleines Etwas - eins von diesen Kleidern, das meist nur mit hohen Absätzen passabel aussieht. Schweren Herzens hörte ich auf, über den schönen Stoff zu streichen und hing das Kleid zurück. Nicht nur wegen der 199 Euro auf dem Preisschild. Wann soll ich so etwas denn anziehen, fragte ich mich. Zu Cocktailpartys wurde ich bislang nie eingeladen. Beim Ausgehen trage ich, wie die meisten Besucher in meinen bevorzugten Lokalitäten, die gleichen Klamotten, die ich auch in der Uni oder auf der Arbeit anziehen würde. Damit bin ich zu 90 Prozent durchaus zufrieden. Aber die Anlässe, zu denen sich alle schick herausputzen könnten nach meinem Geschmack durchaus mannigfaltiger sein.

Im schottischen Glasgow ist das anders. Morgens sitzen die Mädels in Jogginghosen und Kapuzenpulli in der Vorlesung. Abends werden die kurzen Röcke angezogen und die Haare hochgebunden oder mit dem Glätteisen glatt gezogen. Das Ausgehen wird zelebriert. Die Mädchen brezeln sich auf und steigen in Stöckelschuhe; egal, was das Thermometer anzeigt. In Kleidchen und Ballerinas im Regen auszugehen ist genauso normal wie im Tanktop durch den Schnee zur nächsten Party zu laufen. In der ehemaligen Industriestadt scheinen vor allem Mädchen gerne zu experimentieren - manchmal an der Grenze des guten Geschmacks. 

Weggeh-Impressionen aus Glasgow.

Innerhalb der vergangenen drei Monate habe ich zum Beispiel viermal unfreiwillig Mädchenschlüpfer erblickt: Ein Mädel fiel betrunken vom Barhocker, zwei bückten sich, um ihre Zigarette aufzuheben. Der Rock der Vierten war so kurz, dass man ihre blumenbedruckte Unterhose auch von vorne sehen konnte. Ähnlich fragwürdig ist die Art der Britinnen, einen braunen Sommerteint zu erlangen: In den Sonnenstudios gibt es Sprühkabinen, in denen man von der Fußsohle bis zum Scheitel mit Selbstbräuner eingenebelt wird. Auch ich habe es ausprobiert und meine Lektion gelernt. Mit Hilfe der Kabinensprühdüse werde ich zwar nicht rot, dafür aber orange und fleckig. Überdurchschnittlich viele Hände, die sich in der Glasgower U-Bahn, der „Clockwork Orange“, an die Haltegriffe klammern, sind an der Innenfläche orange gefärbt.



Meine (äußerst subjektive) Liste der britischen Stil-Sünden könnte noch ewig fortgeführt werden: Plastik-Felljacken. Röcke in Größe 34 statt 42, so dass sich der Bauchspeck über dem Saum zusammenrollt. Zu enge Tops, aus denen die Oberweite droht, herauszuplatzen. Leggings mit Ugg Boots. Aber: Gerade diese Vielfalt, inklusive der modischen Fehltritte, scheint viele Mädchen zu animieren, fröhlich und unbekümmert verschiedene Klamottenstile zusammenzuwürfeln. Tagsüber mischen die Nicht-Jogginghosen-Mädchen ihre Garderobe von Primark – das modische Äquivalent zum Kik-Textil-Discount - mit Vintage-Kleidchen aus den zahlreichen Second Hand-Läden im Glasgower Westend und schickeren Teilen. Barbour-Wachsjacken zum Beispiel, in Deutschland meist vom Landadel und Golfclub-Mitgliedern bevorzugt, werden hier mit zerrissenen Strumpfhosen oder Stiefeln kombiniert. Die traditionell britisch-grünen Gummistiefel der Marke Hunter (mit dem Qualitätssiegel „Approved by her Majesty the Queen“), werden jeden Tag zuhauf von meist weiblichen Trägerinnen ausgeführt. (Dies ist zur Abwechslung ein Kleidungsstück, welches wetterfest und praktisch ist – angeblich regnet es in Glasgow an mehr als 200 Tagen im Jahr.) Leggings sind hier noch immer an der modischen Tagesordnung. Inzwischen dominiert die Glitzerversion, die an rhythmische Sportgymnastinnen erinnert. Dass das enge Beinkleid meist nur den Langbeinigen steht, ignorieren viele Mädchen in Glasgow.



Ich habe mich inzwischen auch angepasst. Ein blaues kurzes Kleid, ähnlich wie das teure aus München, hängt nun bei mir im Schrank (in einer Länge, dass man die Unterhose nicht sehen kann). Und meine hohen Schuhe warten in ihrem Karton darauf, dass ich sie ausführe. Das wird aber erst passieren, wenn die Temperaturen mich nicht mehr zum Schal- und Handschuh-Tragen ermahnen. So hart gesotten und kälteunempfindlich wie die echten Schottinnen bin ich nicht. Noch nicht.

Text: fiona-webersteinhaus - Fotos: privat

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