Die Typologie der Frühlingsputzer

Sonnenschein - höchste Zeit, einmal gescheit durchzufeudeln. Doch wer ist wer, wenn er putzt? Eine praktische Einteilung
therese-meitinger

Der Idealist


Wie der Name schon sagt: Der Idealist hat auch beim Putzen hohe Ideale. Um das Wohl seiner Wohnung und der vielen holzhaltigen Möbelstücke darin ist er sowieso immer rührend besorgt. Sobald die Frühlingssonne nun seinen Kopf bescheint, brennt sein Verlangen nach dem Schönen, Wahren, Staubfreien. Ganz aufgekratzt schwingt er sich dann auf sein Hollandrad. Er fährt zu Manufactum und kauft Unentbehrliches wie mehrere Rosshaar-Spinnfeger, literweise Silberpolitur und einen Zuber aus Lärchenholz. Beim Heimradeln pfeift er gern Motive aus Carmen und gönnt sich ein Bourbon-Vanilleeis. Zuhause bekommt sein Hochgefühl jedoch einen empfindlichen Dämpfer: Savon rotatif hat er nämlich vergessen und alle anderen Mittel bringt sonst immer die Putzfrau mit. Auch fällt ihm jetzt ein, dass er ja eigentlich gar kein Silberbesteck hat. Halbherzig ordert er noch einen Seifenkraut-Universalreiniger bei Waschbär, aber eigentlich macht das keinen Spaß mehr. Und als der Postbote zwei Tage später das Paket bringt, ist er längst für blaue Pferde von Franz Marc entbrannt.
Der Frühjahrsputz interessiert jetzt nur noch die Putzfrau.

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Der Analyst


Anders als der Idealist brennt der Analyst nicht – er kalkuliert. Gegen äußere Reize wie Blütenduft und Vogelgezwitscher ist er deswegen auch weitestgehend immun. Der Putzimpuls wird bei ihm alljährlich durch den 21. März ausgelöst, den kalendarischen Frühjahrsbeginn. Ist es so weit, informiert ihn Outlook darüber, dass er das kommende Wochenende mit „Staubbeseitigung und generellen Putznahmen" verbringen wird. Der Analyst hat das spätestens an Weihnachten eingetragen und entwickelt jetzt – Zimmer für Zimmer – einen genauen Putzplan. Komischerweise macht ihm das sogar richtig Spaß. Er holt auch nicht ungern den Putz-Overall vom Speicher, wechselt den Beutel im Tischstaubsauger und stellt die Stühle auf den Tisch.
Der General Bergfrühling und ich sind irgendwo ein gutes Team, haha, denkt er, während er den Plan akribisch abarbeitet. Nach jeweils drei Putzeinheiten à 45 Minuten macht der Analyst eine Pause. Er blickt dann zufrieden auf den nassen Boden, lächelt vor sich hin und trinkt eine Limo. Frühjahrsputz kann glücklich machen.

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Die Verträumte


Sobald sie den Frühling wittert, macht die Verträumte die Augen zu und hält ihr Gesicht in die Sonne. Einerseits, weil sie ganz schlimm frühjahrsmüde ist, anderseits, weil sie möglichst schnell Sommersprossen haben mag. Putzen interessiert sie eher peripher, nur wenn das Wasser im Kübel nach Apfel riecht und sie viel mit Putztüchern arbeiten kann, findet sie Putzen irgendwo okay. Und sie braucht davor einen kleinen Spaziergang, von dem sie Essigreiniger und ein Duft-Tannenbäumchen mitbringt. Zuhause legt sie Gisbert von Knyphausen in den CD-Player. Dann mischt sie Apfelessig ins Wasser und putzt ein paar Fenster. Die Streifen von den Fenstern macht sie mit Zeitungspapier weg, das hat ihr ihre Oma gezeigt, als sie noch gelebt. Überhaupt ihre Oma ...
Die Verträumte zündet sich eine Zigarette an. An Weihnachten hat ihre Oma noch kategorisch einen Rollator abgelehnt und jetzt ist sie ganz schnell gestorben. So schnell kann das gehen. Die Verträumte bringt den Müll nach unten und kratzt ein bisschen an den Herdplatten rum. Irgendwie hat sie ein bisschen Hunger auf ein Sandwich. Sie macht sich eines. Dann spritzt sie etwas Badreiniger in die Dusche. Eistee wäre auch super, jetzt. Ist aber keiner mehr da. Doof. Eigentlich soll sie ja putzen. Widerwillig schüttelt sie das Bett auf. Aber sie hat doch so Durst! Die Verträumte spaziert zum Supermarkt und kauft sechs Liter Eistee. Während sie auf dem Rückweg einen Flohmarkt entdeckt, wird zu Hause das Apfelputzwasser endgültig kalt.

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Der Verweigerer


Der Verweigerer hatte es nicht leicht im Leben. Seine Kindheit war schwer, später hatte er dann viel Pech und einige falsche Entscheidungen getroffen. Vielleicht ist er heute arbeitslos, vielleicht dick und sehr alleine, auf jeden Fall hat der Verweigerer keine Lust mehr. Er mag sich selbst nicht mehr und sieht überhaupt nicht ein, warum er seinem Vermieter einen Gefallen tun und die Wohnung instand halten sollte. Deswegen hat er auch irgendwann aufgehört, aufzuräumen und zu putzen. Interessiert ja eh keinen. Er wäscht nur noch sporadisch die Wäsche, nimmt dann aber besonders viel Waschmittel. Haben seine Teller anfangen zu schimmeln, kauft er statt Zigaretten ein Fläschen Spüli und spült ab. Sonst gibt er sich keine Mühe mehr. Nur manchmal, manchmal beschleicht ihn eben doch ein ungutes Gefühl. Zum Beispiel, wenn er RTL schaut und „Wohnen nach Wunsch: Das Messie-Haus" kommt. Wenn er überlegt, dass er doch gerne einmal eine Freundin hätte. Oder wenn im Frühling die Sonne auf sein Elend scheint.

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Die Pragmatikerin


Die Pragmatikerin sieht Putzen so, wie vieles in ihrem Leben: leidenschaftslos. Es ist etwas, das nicht groß Spaß macht, das aber sein muss – und weil es sein muss, wird es auch gemacht. Wenn also die Tage wieder heller und länger werden, sieht die Pragmatikerin das mit gemischten Gefühlen: Sie weiß, dass mehr Sonne nicht nur gut ist für ihre Serotoninausschüttung, sondern dass man so auch den Staub besser sieht. Sie muss also ran. Mittelbegeistert sagt sie also ihrem Freund am Freitag, dass sie sich morgen erst um 16 Uhr treffen können, und stellt sich den Wecker auf 6 Uhr. Am Samstag verflucht sie zwar ihr Über-Ich, steht aber ohne weitere Umschweife auf. Sie isst ihr Energie-Müsli, trinkt Kaffee und klickt schon einmal die Playlist an, die sie sich für die Putzaktion aus Ärzte-Alben zusammengestellt hat (irgendwas muss schließlich lustig sein). Dann holt sie ökologisch korrekte Mittel aus dem Schrank und putzt los. Routiniert, effektiv und ohne die nächsten drei Stunden damit aufzuhören. Alles andere wäre ja auch Gift für den Workflow. Damit die Motivation nicht wegbricht, erlaubt sich die Pragmatikerin um 10 Uhr ein Stück Apfelstrudel und um 13 Uhr einen Döner (Belohnungsprinzip). Um 15.30 Uhr – sie macht gerade den letzten Feinschliff – bereut sie den Döner jedoch heftig. Sie ruft ihren Freund an, damit er ihr Kaugummi mitbringt. Und hofft, dass eine blitzende Wohnung Knoblauchatem eine Weile überblenden kann. 

Text: therese-meitinger - Illustration: Katharina Bitzl

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