Die Unbeschriebenen

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Immer, wenn ich „abgefahren“ sage oder wenn ich „hart“ als verstärkendes Adjektiv vor andere Adjektive stelle, also: „hart geil“, „hart scheiße“ oder „hart lustig“, wird mir wieder einmal klar, dass ich leider auch ein bisschen jemand bin, der ich eigentlich auf keinen Fall sein möchte. Nämlich ein Mitläufer. Ich habe mir die Worte bei irgendjemandem abgeguckt, wahrscheinlich in der Uni. Wenn ich „hart geil“ sage, klingt das ziemlich teeniemäßig, pubertär und nach Jugendwortlexikon, und ich finde, dass das eigentlich alles gar nicht so gut zu mir passt. Aber ich habe wie so oft keinen großen Einfluss auf meine Adaptionsangewohnheiten, es passiert mir einfach.

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Illustration: Julia Schubert



Und so geht es, glaube ich, 98 Prozent meiner Freunde und Bekannten. Immer wieder schleichen sich bei ihnen so Universalverhaltensweisen und Sprachgewohnheiten ein, die mich befremden, weil ich sofort weiß: Das hat die jetzt von ihrer Mutter und ihren Kaffeefreunden übernommen. Oder: So sind die gerade alle in ihrem neuen Dunstkreis aus der Arbeit. Oder: Das hat die doch aus ihrem Auslandsjahr mitgebracht. Die allermeisten aber imitieren regel- bis mittelregelmäßig das, was sie in amerikanischen Filmen und Serien sehen. Sie kultivieren „Uptalk“, das Hochziehen des Tons am Ende des Satzes, so dass jede Aussage wie eine Frage klingt. Oder formen ihre Lippen zu einem „Oh my god“ und reißen dabei affektiert die Augen auf wie Reese Witherspoon, Oprah Winfrey oder meinetwegen Will Farrell. Es gibt dann immer diejenigen, bei denen so eine Imitation ganz okay wirkt, weil die entsprechenden Personen vielleicht musikalisch sind oder gute Schauspieler, aber bei vielen klingt die Adaption sehr hölzern und unecht. Das ist dann immer ein bisschen beschämend, weil die Hilfosigkeit des Auch-so-sein-Wollens so deutlich wird. Oft denkt man sich: Du wärst viel schöner und interessanter, wenn du einfach du selbst wärest und deine eigenen Ausdrücke finden würdest.  


Dabei sollte ja an dieser gegenseitigen Imitation nichts besonders schlimm sein, immerhin ist das Nachahmen und Aneinanderanpassen die Grundlage unserer Kommunikation. Im Kleinen, auf Cliquenebene oder im Berufsleben nennt man einen gemeinsamen Slang auch „Soziolekt“. Man entwickelt eine gemeinsame Sprachtonleiter, bedient sich an einem gemeinsamen Wortschatz, lacht über einen gemeinsamen Humor und imitiert sogar Gestik und Mimik.

Ich kenne vielleicht vier, fünf Menschen, denen es gelingt, einfach nur sie selbst zu sein. Ich nenne sie in meinem Kopf immer die „Unbeschriebenen“. In einem Kreis von 25 Leuten ist vielleicht eine Person eine solche unbeschriebene Person. Sie entzieht sich dem ganzen Aneinanderanpassen auf mysteröse Art. Wie durch eine unsichtbare Hülle ist sie vor den übergreifenden Verhaltensweisen der anderen geschützt. Sie benutzt keine Saisonworte, guckt sich keine Gestiken ab und plappert einem nie nach dem Mund. 

Eine von ihnen ist eine meiner Schwestern. Als wir nach Bayern zogen, war sie vielleicht fünf Jahre alt. Während meine anderen Geschwister, die älter waren, meine Mutter und ich ziemlich schnell anfingen, mehr oder weniger glaubwürdig eine bayerische Farbe in unsere Sprache zu integrieren, geschah es bei ihr einfach nicht. Dabei hätte sie als eine der jüngsten die allererste sein müssen, die den Dialekt des neuen Umfeldes adaptiert. Bis heute aber sagt sie am Ende einer Frage "ne?", statt "ge?" - während ich, die damals zehn war, schon nach drei Monaten nur noch "ge?" sagte.

Ich beneide sie immer wieder für diese Souveränität. Sie zieht sich durch ihr gesamtes Wesen. Alles, was sie tut, tut sie mit Bedacht. Obwohl sie immer stilvoll gekleidet ist und sich von weitem nicht besonders von Mädchen in ihrem Alter unterscheidet, sind es vor allem die winzigen Sachen, die sie eben doch sehr von diesen anderen unterscheiden. Sie würde sich nie die Haare zu einer Mitte-Zwiebel auf den Kopf knödeln, weil es gerade cool ist. Nie würde sie trinken, nur weil sich gerade alle ein Bier aufmachen. Nie essen, nur weil gerade alle essen, nie Slangworte benutzen, nur weil andere sie benutzen. Und trotzdem ist sie kein Spießer, Spielverderber oder nerviger Kontrollfreak. Sie findet einfach nur in jeder Hinsicht ihre eigene Sprache. Sie hat auch ihr ganz eigenes Erstaunt-Sein-Gesicht, während ja die meisten anderen, wie bereits erwähnt, nur noch auf eine einzige Weise erstaunt gucken, und zwar auf diese All-American-Reese-Witherspoon-Art. 
 
Die Unbeschriebenen sind keine auffälligen „Freaks“. Es sind nicht die himmelschreienden Exzentriker, die zwar gern „individuell“ und „authentisch“ wären, deren Lautstärke aber meistens doch nur große Anerkennungssucht unterm Deckmantel der Unantastbarkeit ist. Die Unabhängigen, die ich meine, sind die sehr bestimmten, klugen und unaufgeregten Menschen, still, reduziert und sehr konkret in ihrem gesamten Auftreten. In ihrer Nicht-Durchlässigkeit sind sie für mich geheimnisvoll, ich beneide sie. Ich denke, dass sie sich ihrer Sache stets sehr sicher sein müssen. Dass sie relativ angstlos sein müssen. Denn Anpassung ist ja immer auch ein Versuch zu gefallen und einer eventuellen Ablehnung vorzubeugen. Ich glaube leider, dass man sich nicht so sehr dafür entscheiden kann, so jemand zu sein.

Fragt man den Sozialpsychologen Dieter Frey von der LMU München, wieso einige Menschen weniger anfällig für die Imitation ihrer Mitmenschen sind, sagt er zuerst, das habe viel mit dem inneren Halt zu tun. Die Undurchlässigeren hätten meist ein größeres Selbstvertrauen als andere, wahrscheinlich weil ihnen schon früh durch glaubwürdige Personen in ihrem Umfeld Halt vermittelt wurde, oder ein ganz klares Wertesystem. Außerdem, sagt er, seien diese Menschen oft reflektierter. Sie setzten sich ganz einfach mehr mit der Frage auseinander, wer sie sind, was sie können und wer sie sein wollen. Sie beobachten sich genauer. Und erkennen früher, was sie für sich als stimmig und was als künstlich empfinden. Andere wiederum nehmen diese Personen dann auch als gefestigte Persönlichkeit wahr, schenken ihren Worten mehr Gewicht, weil sie auch glaubwürdiger rüberkommen.   

Sehe ich mir meine Schwester an, denke ich: Naja. Ich weiß nicht so richtig, ob ihr wirklich so viel mehr Halt vermittelt wurde als all uns anderen Geschwistern. Freys zweites Argument kommt mir da schon schlüssiger vor. Tatsächlich ist meine Schwester sehr viel zurückhaltender und ruhiger, und daher vielleicht auch reflektierter als ich. Sie sieht sehr genau hin, durchschaut, wie die Menschen funktionieren, weil sie sich selbst gar nicht so sehr in den Mittelpunkt stellt. Sie ist Betrachterin, nicht Darstellerin. Denke ich an die anderen Unbeschriebenen, die ich kenne, stelle ich bei allen von ihnen diese eine Gemeinsamkeit fest: Sie sind Betrachter.

Ich hingegen, mit meiner schnellen Anfälligkeit, irgendwo herum zu kumpeln, bin öfter mitten im Geschehen als am Rande, und sehe die Welt in so einem Moment sehr subjektiv. Ich nehme mich immer erst später heraus und betrachte das Vergangene aus einer allumfassenderen, rationaleren, objektiveren Warte. Es gefällt mir nicht, dass ich wahrscheinlich eher auf der anderen Seite stehe, selbstdarstellerischer und egomaner unterwegs bin. Es macht mir Angst. Bin ich jemand, den ich selbst doof fände? Bin ich zu laut und zu aufdringlich, zu naiv-unreflektiert?   

Gern würde ich lernen, ein bisschen mehr so zu sein wie die Unbeschriebenen. Oft wache ich nach Abenden mit viel Wein und Menschen auf und schäme mich, schon wieder so viel und laut gequatscht zu haben, von hier nach da geschwirrt zu sein, aufgedreht gewesen zu sein. Abende, an denen die anwesenden Unbeschriebenen in irgendwelchen Ecken standen und bei sich geblieben sind. Nicht so viel getrunken haben. Früher gegangen sind. Sie selbst geblieben sind.

Andererseits: Bin ich nicht auch einfach ich, nur eben nicht so kontrolliert? Kann das nicht auch eine Gabe sein? Frey zum Beispiel sagt: klar. Die Anpasser seien nicht automatisch die blöderen oder schlechteren. Oft hätten sie durch ihre Anpassungsfähigkeit auch einen Vorteil: Sie sind offener, weniger befangen, können sich schnell auf Menschen einlassen, sie eben ankumpeln und sich in einem neuen System viel schneller einleben. Auch: schneller umswitchen. Ihre fehlende Verwurzelung ist in dieser Hinsicht auch eine Bereicherung. Sie stecken nicht so schnell irgendwo fest und kommen viel eher raus aus ihrer Haut. 
 
Ergibt es also überhaupt Sinn für mich, eine Unbeschriebene werden zu wollen? Offenbar bin ich ja nicht so. Wahrscheinlich ist das einzige, was mir übrig bleibt, mich ab und zu daran zu erinnern, nicht zu viel zu adaptieren. Meinen Slang, meine Angewohnheiten zu reflektieren: Fühlen die sich wirklich richtig an? Oder hab ich mir die jetzt nur angeklebt, um jemand anderem zu gefallen?

Mir hat mal jemand gesagt, ein gutes Rezept gegen zu viel unreflektierte Verausgabung (die den Unbeschrieben seltener passiert, weil sie besser bei sich bleiben) sei mal darauf zu achten, zu 70 Prozent die anderen Menschen reden zu lassen, und nur zu 30 selbst.

Zuhören lernen also. Dann stellt sich die Selbstreflektion vielleicht von selbst ein, jedenfalls ein bisschen. Und es bleibt ein bisschen mehr Zeit sich zu fragen, ob all das, was man da gerade selbst erzählen wollte, wirklich erzählenswert ist. Und ob die Art, wie man es tut, wirklich so gut zu einem passt. Oder ob es auch einfach reicht, mal kurz an den Rand zu treten, durchzuatmen und einen eigenen Ton zu finden. Mit dem man auch am nächsten Tag noch glücklich ist.


Text: martina-holzapfl - Foto: pencake / photocase.com

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