Die Unerzogenen: Wenn ich groß bin, werde ich Spießer

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Wenn jemand ein Buch oder einen Film über seine Eltern schreibt, wird es in den seltensten Fällen freundlich. Meist geht es dabei um eine Abrechnung. Um das, was Mutter oder Vater verbockt haben. In letzter Zeit waren es oft die Kinder der anti-autoritären 68er, die ihre Erziehung oder vielmehr Nicht-Erziehung an den Pranger gestellt haben. Die Regisseurin Pia Marais hat sich auch dieses Themas angenommen: Sie hat einen Film gedreht über eine 14-Jährige, die an ihren verantwortungslosen und kriminellen Eltern verzweifelt. Titel: „Die Unerzogenen“. Marais selbst ist das Kind von Hippies. Eines der Hauptmotive für ihren Film, sagt sie, sei ein Gefühl des „überbordenden Chaos“ gewesen.

Pia Marais (ganz links) bei der Preisverleihung der "Tiger Awards" des Filmfestivals Rotterdam Foto: Pandora Film Marais wirkt sehr klein und blass, wie sie vor der Leinwand in dem riesigen Kinosaal in Rotterdam steht. Das Internationale Filmfestival gilt als Europas wichtigstes Forum für Independentfilme. „Die Unerzogenen“ ist als einzige deutsche Produktion im offiziellen Wettbewerb für die „Tiger Awards“ im Rennen. Noch weiß die Filmemacherin nicht, dass sie bald einen der Preise in Händen halten wird. Sie weiß in dem Moment nur, dass sie jetzt hunderten von Menschen erklären muss, was sie sich bei ihrem Film gedacht hat. Die junge Frau sieht aus, als bräuchte sie ein Geländer, an dem sie sich festhalten kann. Fehlender Halt, fehlende Grenzen – darum geht es in den „Die Unerzogenen“: Die 14-jährige Stevie hat nie Sicherheit erfahren – seit sie denken kann, zieht sie mit ihren Eltern, diversen Freunden und Schnorrern durch Europa. Die Mutter ist alkoholkrank und lebensuntüchtig, der Vater gerade aus dem Knast entlassen worden. Die Familie strandet im Haus des verstorbenen Großvaters in einem Kölner Vorort. Das Bürgerheim verwandelt sich schnell in eine Kommune. Bierflaschen und Joints stapeln sich. Während der Vater bereits den nächsten Drogendeal vorbereitet, schlägt Stevie ihren Eltern hilflos vor, es doch mal als Makler zu versuchen, „dafür braucht man keine Ausbildung“. Ihren Freunden erzählt sie, die Eltern seien Diplomaten in Brasilien. „Wahrscheinlich will man als Kind immer das, was man nicht hat“, sagt Marais. „Ich weiß noch, die Kinder aus anderen Familien fanden meine Eltern ganz toll.“ Marais’ beschreibt das Leben ihrer Eltern folgendermaßen: „In WGs gewohnt, gekifft und gefeiert bis zum Abwinken.“ Eine Abrechnung mit ihrer Kindheit soll ihr Film jedoch nicht sein. „Im Gegenteil“, sagt sie, „auch wenn das jetzt vielleicht komisch klingt, aber er ist eine absolute Liebeserklärung an meine Eltern.“ Auf die Frage, ob diese denn auch zur Premiere zum Filmfestival nach Rotterdam gekommen seien, verneint Marais. „Als Kind war es mir immer am wichtigsten, dass meine Eltern nirgendwo auftauchten“, sagt sie. „Das hab ich bis heute noch nicht ganz abgelegt, deshalb sind sie auch nicht hier.“ Mehrmals betont Marais, ihre Eltern seien „natürlich ganz anders als die im Film“. Der Vater, ein Südafrikaner, sei ein „verrückter Schauspieler“ gewesen, die Mutter, eine Schwedin, zuständig für die „Gesundheit in meiner Erziehung“ – sie schickte die Tochter auf die Waldorfschule.

Wenn ich groß bin, werde ich Spießer: Céci Chuh spielt die 14-jährige Stevie Foto: Pandora Film Wenn man Marais’ Biografie anschaut, sieht man, dass sie einige Zeit gebraucht hat, um zu wissen, was sie wirklich will. Eigentlich, so sagt sie, wollte sie nie einen so unsicheren Job wie Filmemacherin ausüben. Architektin oder Industriedesignerin wollte sie werden. „Aber mein Professor an der Kunsthochschule sagte mir: ‚Du musst Bildhauerei machen.’ Das hab ich dann eben gemacht.“ Später wechselte sie zur Photografie und merkte schließlich, dass sie mit ihren Bildern Geschichten erzählen wollte. Sie lernte an der Deutschen Film- und Fernseh-Akademie (DFFB) in Berlin, drehte einige Kurzfilme und arbeitete anschließend als Casting-Agentin und Regieassistentin. „Die Unerzogenen“ ist ihr erster Spielfilm. „The Unpolished“ heißt der Titel auf Englisch – ungeschliffen, unpoliert. Eigentlich die bessere Beschreibung für den Film – denn er ist alles andere als glatt, hat auch einige dramaturgische Schwächen. Was ihn dennoch so packend macht, ist die treffsichere Zeichnung der Charaktere: Auf der einen Seite das Mädchen Stevie, das sich ihre eigene heile Welt bastelt, indem sie auf geklaute Familienfotos mit Klebstoff die Köpfe ihrer Eltern montiert. Auf der anderen Seite die verblühende, süchtige Mutter, die in der Tochter mehr eine Konkurrentin sieht als eine Schutzbefohlene, und der kriminelle Vater deponiert kiloweise Haschisch in Stevies rotem Kinderkoffer. Marais zeigt „unpolierte“ Menschen, bei denen jedoch immer etwas von ihrer ursprünglichen Zartheit, ihren Ängsten und Sehnsüchten durchschimmert. Marais’ Eltern haben den Film bisher nur auf DVD gesehen. „Ich denke, sie mochten ihn“, meint sie mit leisem Lächeln. „Mein Vater fand zwar das Mädchen toll, aber er hat gesagt, er hätte sich ein paar Action-Szenen gewünscht“, erzählt sie. „Meine Mutter konnte mehr mit dem Film anfangen. Sie war immer diejenige, die sich mit allen Dingen auseinandergesetzt hat, mein Vater hat sich eher dagegen geschützt. Vielleicht ist seine Reaktion auch deshalb so ausgefallen.“ Marais scheint eher zu den Menschen zu gehören, die sich mit den Dingen auseinandersetzen. Dennoch klingt sie immer ein bisschen ambivalent, wenn sie über ihre Eltern spricht. Auf der einen Seite sagt sie: „Meine Eltern waren immer ehrlich, sie haben mir nie etwas verheimlicht. Als Kind fand ich das manchmal schlimm, aber nachträglich kann ich ihnen nichts vorwerfen.“ Doch wenn sie sagt: „Zuhause ist, wo Familie ist“, meint sie damit ihren Freundeskreis in Berlin, nicht ihre Eltern. Vielleicht gehört diese Ambivalenz einfach zum Kind-Sein, auch wenn man längst erwachsen ist. Und wie würde sie selbst einmal ihre Kinder erziehen? Marais denkt lange nach: „Ich glaube, ich würde sie überbeschützen – genau umgekehrt wie im Film.“ Dann lacht sie und meint: „Aber ich habe ja auch gedacht, ich würde nie so leben wie meine Eltern. Und genau das tue ich jetzt mehr oder weniger!“ ++++ Ein deutscher Starttermin für "Die Unerzogenen" steht bislang noch nicht fest.

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