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Foto: 89 Millimeter Belarus liegt zwischen Polen, Litauen, Russland und der Ukraine. Zehn Millionen Menschen leben in dem Land, das Präsident Alexander Lukaschenko seit 1994 in einen Polizeistaat umgebaut hat. Die EU hat alle Beziehungen eingefroren und nicht nur US-Außenministerin Condoleeza Rice nennt Belarus – oft als Weißrussland bezeichnet – die „letzte Diktatur Europas“. Wie gestalten junge Weißrussen ihr Leben in einer Diktatur? Sebastian Heinzel, 26, der heute an der Filmakademie in Ludwigsburg studiert, reiste fünf Mal in den Osten und drehte dort den Dokumentarfilm „89 Millimeter“ , der heute in die Kinos kommt. Wie kamst du darauf, einen Film über Belarus zu drehen? Ich habe 2002 ein Praktikum in Berlin gemacht. Wir waren neun Leute und sollten gemeinsam ein Projekt verwirklichen. In unserer Gruppe war ein junger Weißrusse und da wir anderen gar nichts über das Land wussten, beschlossen wir, eine Woche nach Belarus zu fahren. Wir wohnten dort bei Studenten, trafen Leute von der Widerstandsgruppe „Subr“ – das heißt auf deutsch: Bison – und recherchierten. In Deutschland produzierten wir einen kurzen Film und schrieben Artikel über die politische Situation. Außerdem organisierten wir eine Ausstellung, wo ich meinen späteren Produzenten Stefan Kloos getroffen habe. Ich habe dann ein Konzept geschrieben und bin neun Monate später wieder in die Hauptstadt Minsk gefahren. Was hat dich denn so gereizt an diesem Land? Dort gibt es eine große zwischenmenschliche Wärme in den Familien und unter Freunden und zugleich eine enorme Härte im Alltag. Das Durchschnittseinkommen beträgt nur etwa 180 Euro. Ich wollte herausfinden, worin die Unterschiede liegen, ob man im Osten oder im Westen aufwächst. In Minsk kann man alle CDs und DVDs kaufen, die es hier auch gibt und Adidas oder Puma sind genauso gefragt. Aber natürlich sind die Unterschiede riesig, weil es in Belarus keine Meinungsfreiheit gibt. Das sollte auch der Filmtitel deutlich machen: Die Gleise in Belarus sind 89 Millimeter breiter als in Westeuropa, weshalb an der Grenze neue Fahrgestelle unter dem Zug montiert werden. 89 Millimeter – das ist eigentlich nicht viel, aber es kann entscheiden, ob man seine Träume verwirklichen kann oder nicht. Was ist denn anders an den jungen Weißrussen? Sie wirken erwachsener und haben eine Entschlossenheit, die ich bei Deutschen meiner Generation vermisse: Alexander von der Widerstandsgruppe „Bison“ war 21 Jahre alt, als ich ihn das erste Mal traf. Er ist von der Uni geflogen, weil er für Demokratie ist und wurde 30 oder 40 Mal verhaftet. Und er macht weiter! Es hat mich sehr beeindruckt, dass er seine Karriere aufgibt, weil er fest an etwas glaubt. Wie hast du die Protagonisten des Films kennengelernt? Alexander und die Journalistik-Studentin Ludmilla kannte ich von der ersten Reise. Andere haben wir über Bekannte getroffen. Pavel und den Soldaten Igor haben wir einfach auf der Straße angesprochen – mein Kameramann Eugen Schlegel spricht glücklicherweise Russisch. Ein festes Drehbuch gab es nicht, ich suchte einfach nach möglichst unterschiedlichen Leuten in meinem Alter. Wir wollten wissen, was Freiheit für sie bedeutet. Woran sieht man, dass Belarus eine Diktatur ist? Jemand, der sich aus allem heraus hält, wird nur wenig Druck spüren. Die Diktatur äußert sich subtil: In Minsk stehen vor jedem Eingang zur U-Bahn Polizisten oder Soldaten und die Menschen huschen mit gesenktem Blick vorbei. Zusätzlich gibt es noch jede Menge unsichtbare Spitzel: Wir haben Alexander begleitet, wie er Anti-Lukaschenko-Sticker an die Wände klebte. Zehn Minuten später kamen wir zurück und alle Aufkleber waren weg! Wenn die Opposition eine Demo veranstaltet, werden die Teilnehmer nicht vor Ort verhaftet, sondern auf dem Weg nach Hause. Es gibt kaum Zugang zum Internet und nur noch eine unabhängige Tageszeitung. Wer an der Universität etwas Kritisches über Lukaschenko schreibt, der wird exmatrikuliert. Wie kommen die jungen Leute in der Diktatur zurecht? Jeder hat sich seine Nische erkämpft, in der er sich frei fühlen kann. Olga ist ausgebildete Tänzerin und findet in ihrer Gruppe Halt, auch wenn sie ihr Geld als GoGo-Tänzerin in einem Nachtklub verdienen muss. Der Soldat Igor, der nichts Schlechtes an der Lage in Belarus findet, entspannt sich bei seiner Familie auf dem Land, wo er Schweine schlachten und zur Jagd gehen kann. Und Pawel, der als Fassadenstreicher immer genau die Gebäude anstreichen muss, an denen der Präsident vorbei fahren wird, fährt hinaus in die Natur. Viele blenden aber die Politik ganz aus ihrem Leben aus: „Es ist in diesem Land gefährlich, sich für Politik zu interessieren“, sagt Pawel einmal. Aber auf ihre Art ziehen alle zu 100 Prozent ihr Ding durch, das hat mich fasziniert. Sie leben in einem Gefängnis und fühlen sich trotzdem frei. Träumen die jungen Weißrussen davon, ins Ausland zu gehen? Viele reden davon, doch es ist sehr schwierig und teuer, ein Visum zu bekommen. Das haben auch alle gemeinsam: Sie sind stolz auf Belarus und wollen, dass sich die Situation in ihrem Land verbessert. Igor, der Soldat, und Alexander bezeichnen sich beide als Patrioten. Alexander kämpft gegen Lukaschenko, weil der Präsident seiner Meinung nach gegen Belarus ist. Ich dachte immer, Widerstandskämpfer seien linke, wilde Rebellen – aber die „Bison“-Leute sind sehr nationalistisch und straff organisiert. Im Film versteckt ihr einmal Material der Opposition im Auto. Wie kam es dazu? In das „Bison“-Büro wurde eingebrochen und bevor sie die Polizei rufen konnten, musste das ganze Material verschwinden. Alexander hat uns gefragt, ob wir einige Sachen mitnehmen und da haben wir nicht lange überlegt und „ja“ gesagt. Hattest du in diesen Situationen keine Angst? Belarus gilt als eines der gefährlichsten Länder für Journalisten. Nicht wirklich, aber es war natürlich ein seltsames Gefühl, mit diesen Sachen durch Minsk zu fahren. Wir haben ohne Drehgenehmigung gefilmt, weil wir sonst einen Aufpasser bekommen hätten. Wenn wir kontrolliert wurden, haben wir uns als Architekturstudenten ausgegeben, die ihren Diplomfilm über stalinistische Bauten drehen. Schwierig war es auch, weil uns keiner sagen konnte, was verboten ist und was nicht. Ein bisschen Risiko war schon dabei, aber ich glaube, dass man als Ausländer noch geschützter ist als die Bewohner selbst. Aber keinem der Hauptdarsteller ist bisher etwas passiert. Wie haben die Hauptdarsteller denn auf dich als Westeuropäer reagiert? Sie waren sehr interessiert an Deutschland. Aber sie dachten schon, dass wir reich sind und uns alles kaufen können. Ich habe versucht, nicht als westlicher Journalist aufzutreten und viel von mir selbst erzählt. Ich wollte zeigen: Ich bin ein junger Mensch in eurem Alter, ihr könnt mir vertrauen. Es hat sicher geholfen, dass mein Kameramann Eugen und ich insgesamt fünf Mal dort waren, so dass die Porträtierten gemerkt haben, dass wir es ernst meinen. Du bist in dieser Szene sowie bei anderen Stellen selbst im Film zu sehen. Der Zuschauer sieht deine Reaktion und hört oft deine Fragen… … wir haben im Schnitt lange darüber diskutiert, ob wir mich zeigen oder nicht. Wir haben uns schließlich dafür entschieden, um klar zu machen, dass der Film aus der Perspektive eines jungen Deutschen gedreht ist. Ein Weißrusse hätte sicher einen kompletten anderen Film gedreht. Mit Eitelkeit hat das nichts zu tun. Wie waren die Reaktionen auf den fertigen Film? Erstaunlich gut! Ich dachte nie, dass sich Leute für dieses Thema interessieren würden. Wir haben „89 Millimeter“ auf Festivals gezeigt und in Kooperation mit Amnesty International in 15 Städten präsentiert. Mich freut es sehr, dass der Film in die Kinos kommt, weil es auch ein Lohn ist für meinen Produzenten. Er hat das Projekt komplett vorproduziert, ohne dass ein TV-Sender oder eine Filmförderungsanstalt im Boot war. Was sind denn deine nächsten Projekte? Ich werde einen türkischen Busfahrer aus Ludwigsburg porträtieren. Er wurde in der Türkei gefoltert und saß im Gefängnis. In Deutschland hat er einen Film über die Militärdiktatur gedreht, der auf dem Filmfestival in Cannes gezeigt wurde. Und heute fährt er einen Bus durch Ludwigsburg. Das andere Projekt hat wieder mit Osteuropa zu tun: Ich möchte einen kurzen Spielfilm in der Ukraine drehen. Es ist die Verfilmung einer Erzählung, die ein Weihnachtsfest in der Tschernobyl-Zone beschreibt. Die Reaktorkatastrophe jährt sich 2006 zum 20. Mal. Im März 2006 will sich Präsident Lukaschenko für eine weitere Amtszeit wählen lassen und hat deshalb extra die Verfassung geändert. Glaubst du, dass dort eine Revolution passieren könnte wie in Georgien oder in der Ukraine? Ich kann mir leider nicht vorstellen, dass so etwas wie die orange Revolution in Minsk passiert. Die wenigen Widerstandskämpfer sind zwar sehr aktiv, aber der Staat hat alles unter Kontrolle und in der Gesellschaft herrscht eine große Stagnation und eine Lethargie. Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Ich hoffe, dass der Westen sich stärker für Belarus interessiert, denn seit einem Jahr ist die deutsch-polnische Grenze eine Außengrenze der EU.