Die Zurückgewinner: Wie rettest du deine Beziehung?

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[b]1. Der öffentliche Aktionist[/b] Der Aktionist ist ein später, lauter Nachfahre des unter dem Balkon Liebesverse flüsternden Cyrano de Bergerac. Er lässt nichts unversucht, seine verflossene Liebe zurückzugewinnen. Dabei sind ihm viele Mittel recht – Hauptsache, er gewinnt Aufmerksamkeit für sein Anliegen. Der Aktionist beginnt zunächst relativ harmlos mit stetigen, flehenden SMS, Anrufen und Briefen. Es folgen Gedichte und (oft vergebliche) Hausbesuche, er hinterlässt üppige Sträuße aus roten Rosen oder bunten selbstgepflückten Sommerblumen – je nachdem, was der verflossenen Liebe mehr gefällt. Er schreibt glühende Liebesschwüre, fleht und vergießt heiße Tränen, denn ohne die geliebte Person hat sein Leben keinen Sinn. Persönliche Aufopferung und erschöpfender Kampf sind für den Aktionisten die wichtigsten Mittel, um die glückliche Liebe in sein Leben zurückzuholen. Das lässt er auch all seine Freunde und Bekannte wissen. Fruchten all diese Mittel nicht, folgt der nächste Schritt in größere Öffentlichkeit. Er schaltet teure, großflächige Inserate im Stadtmagazin und bewegt sich manchmal durchaus am Rande der Legalität. In Nacht-und-Nebel-Aktionen pinselt oder sprüht er „SANDRA, I LOVE YOU“ mit Baumarktfarbe oder Spraydose an Autobahnbrücken, Häuserfassaden oder Bushaltestellen, an denen die geliebte Person auf jeden Fall vorbeikommt. [b]Neidfaktor:[/b] Andere Zurückgewinner beneiden den Aktionisten heimlich um seinen romantischen Mut – aber das würden sie niemals öffentlich zugeben. Doch so nobel sein bedingungsloser Einsatz ist – in seinem glühenden Eifer läuft der Aktionist Gefahr, blind für sein eigentliches Anliegen zu werden. Die Rückgewinnung gerät in den Hintergrund, sein Aktionismus wird zum Selbstläufer. Ohne jede Selbstreflexion und Selbstachtung stolpert der Aktionist hinein in einen dramatischen, letzten Akt seiner eigenen Inszenierung, um in einer Supernova der Peinlichkeit zu verglühen – mit einem selbst geschriebenen (und selbst gesungenen!) Song bei „Nur die Liebe zählt“. [b]So reagiert der Umworbene[/b]: Lässt sich schon früh vom mutigen Einsatz des Aktionisten beeindrucken und überzeugen – oder schämt sich fremd, ist peinlich berührt und wechselt die Telefonnummer – und im Extremfall auch die Stadt. [i]Auf der nächsten Seite: Der beharrliche Techniker[/i]


[b]2. Der beharrliche Techniker[/b] Der beharrliche Techniker geht die Rückgewinnung seiner Liebe deutlich rationaler an. Er stellt sich auf einen langwierigen Überzeugungsversuch ein und bringt dafür auch die nötige Geduld auf. Mit fast schon stoischer Gelassenheit verfolgt er sein Ziel. Die Zurückgewinnung ist für den Beharrlichen ein sorgsam geplantes, logistisches Unterfangen. Er begegnet der Herausforderung mit einem ausgeklügelten Projektmanagement, an dessen Ende die erfolgreiche Wiedervereinigung steht. Zwar ist auch er schrecklich traurig, doch kommuniziert er diesen Sachverhalt meist in eher rationalen Worten. Der Beharrliche schreibt vor allem seitenlange Briefe, weil er seine Gedanken im Schriftverkehr besser ordnen und formulieren kann. Darin werden die aufgetretenen Trennungsgründe bis ins Detail analysiert. Ist- und Soll-Zustand werden definiert und gegeneinander abgewogen. Dabei ist er durchaus selbstkritisch und emotional, Kopf und Bauchgefühl liefern sich einen erbitterten Kampf. Trotzdem weint der Beharrliche heimlich, still und allein – maximal im Kreis der allerbesten Freunde. [b]Neidfaktor:[/b] Andere Zurückgewinner beneiden den Beharrlichen um seine Kondition und seine Versiertheit. Doch der wandelt oft auf einem schmalen Grat zwischen Verkopftheit und Verbohrtheit – auch, wenn er sich das ungern anmerken lässt und behauptet, diese Interpretation erscheine ihm unlogisch. [b]So reagiert der Umworbene:[/b] Findet die Analyse des Technikers entweder absolut einleuchtend, genau wie dessen Lösungsansatz – oder bricht entnervt den Kontakt ab, weil der verdammte Technokrat seine Gefühle nicht artikulieren kann. [i]Auf der nächsten Seite: Der subtile Mixtaper[/i]


[b]3. Der subtile Mixtaper[/b] Der Mixtaper lässt Musik und Cover sprechen. Wo er selbst keine Worte findet, platziert er gekonnt fremde Menschen, die passende Liebeszeilen in das Ohr der angebeteten Person flüstern oder schreien, je nach musikalischer Orientierung der Zielperson. Ist der Mixtaper ein Anhänger der Indie-Szene, dann handelt es sich unter Wahrung des Retro-Kodexes natürlich um eine Kassette. Andere Menschen greifen hier oft etwas pragmatischer zur selbst gebrannten CD. Besondere Beachtung findet aber in beiden Fällen das Cover des Tonträgers. Es ist persönlich gestaltet und mit mehr oder weniger subtilen Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit gespickt, zum Beispiel aufgeklebtem Atlantik-Sand aus dem ersten Urlaub, Abrissen von Konzertkarten, schwarz-weiße, gemeinsame Passfotos aus dem Fotoautomat in der Kastanienallee, damals, in Berlin. Mit größter Sorgfalt werden auch Auswahl und Reihenfolge der Lieder festgelegt, die dann in Schönschrift konzentriert auf das Papier gebracht werden. [b]Neidfaktor:[/b] Andere Zurückgewinner beneiden den Mixtaper um seine Kreativität und sein liebesgetränktes Kunstwerk. Trotzdem läuft der Mixtaper Gefahr, sich in zu großer Detailverliebtheit zu verlieren. Mit Cover-Kleber an den Fingern und der Qual der Musikwahl fehlen ihm dann manchmal doch die richtigen und persönlichen Worte, um zurückzugewinnen, was er verloren hat. [b]So reagiert der Umworbene:[/b] Schließt gerührt den Bastelhelden in die Arme und erkennt Mühe und Engagement an – oder winkt ab, weil das infantile Bastelkind es nicht schafft, seine Gefühle offen auszusprechen. [i]Auf der nächsten Seite: Der lethargische Emo[/i]


[b]4. Der lethargische Emo[/b] Der lethargische Emo wird vom Gewicht des Trennungsschmerzes tief in die Kissen seines Bettes gedrückt. Die stahlharte Faust der Einsamkeit auf seiner Brust raubt ihm die Luft zum Atmen und Sprechen. Er ist nicht fähig, sich zu rühren, während stumme Gedankenstürme in seinem Kopf toben. Der Emo ist dem Aktionisten in Fragen der Empfindsamkeit sehr ähnlich, jedoch findet er kein befreiendes Artikulationsventil. Sein großes Herz ist tief verletzt, er fühlt sich unverstanden und alleingelassen. Trotzdem weiß er oft um seine eigenen Fehler, die ihn dann noch trauriger machen. Er schreibt lange, traurige und ehrliche Briefe und Songs, die er jedoch nicht abschickt oder veröffentlicht. Manchmal ist auch nicht ganz klar, ob er nicht eher an sich selbst schreibt. Kann der Emo seinen Gefühlen doch mal freien Lauf lassen, dann findet er in seinem Freundeskreis geduldige Zuhörer – und vor allem Verständnis. Sonst liegt der Emo eher passiv auf dem Bett und sehnt sich danach, gerettet zu werden. Er hofft auf ein Einsehen der geliebten Person, auf deren Rückkehr und die alles erfüllende Liebe. [b]Neidfaktor:[/b] Andere Zurückgewinner beneiden den Emo um sein großes Herz, seinen Idealismus und die Fähigkeit, seine Empfindsamkeit öffentlich zu zeigen. Ist diese Empfindsamkeitsfixierung aber zu groß, kann sich der Schmerz zu einem chronischen Leiden zementieren, wobei dann schon das Fehlen des veganen Brotaufstrichs im Kühlschrank zu Tränen führen kann. [b]So reagiert der Umworbene:[/b] Ist vom gleichen Temperament und leidet mit, um sich mit dem Anderen dann unter glühenden Worten und heiligen Schwüren zu versöhnen – oder ist vor lauter Gefühlsduseligkeit total genervt und sucht wortlos das Weite. [i]Auf der nächsten Seite: Der realistische Pragmatiker[/i]


[b]5. Der realistische Pragmatiker[/b] Im Gegensatz zum lethargischen Emo hat der realistische Pragmatiker seine Untätigkeit selbst gewählt. Er ist der Zurückgewinner, der am wenigsten dafür tut. Bestenfalls hält er losen Schreibkontakt zur verflossenen Liebe, um zumindest ein kontinuierliches Lebenszeichen zu senden. Der Pragmatiker kann Situationen ohne zu große emotionale Belastung aussitzen. Er folgt der Prämisse: „Wenn’s sein soll, dann soll’s sein“. Er glaubt an Fügung des Schicksals: Konstellationen funktionieren – oder eben nicht. Das ist für ihn wie ein Naturgesetz. Er ähnelt in Facetten damit dem beharrlichen Techniker. Zwar sticht ihn die Trennung in schwachen Momenten manchmal ins Herz, doch gewinnt er, auch durch geballte Verdrängungskompetenz, bald die Fassung zurück. Wenn die Liebe zurück kommt, dann von selbst – oder sie wird zu einem abgeschlossenen, geschichtlichen Baustein in seiner Biographie. [b]Neidfaktor:[/b] Andere Zurückgewinner beneiden den realistischen Pragmatiker um seine Gelassenheit und die Ruhe, mit denen er der Trennung begegnet. Das suggeriert persönliche Stärke. Trotzdem läuft der Pragmatiker Gefahr, Liebe und deren Rückgewinnung in zu starre Formen zu pressen. Andere Zurückgewinner halten ihm vor, dass Liebe keinen Gesetzmäßigkeiten folgt. [b]So reagiert der Andere:[/b] Ärgert sich zunächst maßlos über das vermeintliche Desinteresse des Pragmatikers. Kommt anschließend dann selbst reumütig angekrochen – oder schießt den gefühlskalten Klotz mit verständnislosem Kopfschütteln einfach in den Wind.

Text: johannes-graupner - Illustration: Katharina Bitzl

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