Es gibt sie in genau zwei Ausführungen: Entweder klingen Plattenrezensionen nach kostenloser und vor allem völlig wahloser Werbung für CDs oder nach angestrengt-subjektivem Geschwurbel von unausgelasteten Kulturschaffenden. Beiden ist gemeinsam, dass sie eher selten eine wirkliche Hilfestellung für kaufwillige Konsumenten sind. Über Musik schreiben ist sehr schwierig und scheitert oft. Warum also sich überhaupt die Mühe machen, ein Album anzuhören, bevor man darüber schreibt? Sabine Müller und Max Nuscheler hatten genau diesen Gedanken: Sie haben 48 Autoren gebeten, einfach mal eine Platte nicht anzuhören und anschließend darüber zu schreiben. Herausgekommen sind dabei wunderbar aufschlussreiche Rezensionen unter anderem von Wiglaf Droste, Sonja Eismann und Linus Volkmann. Und allen gemein ist, dass man nach der Lektüre dieser unerhörten Rezensionen eigentlich genauso viel Ahnung von der Platte hat, wie nach einer regulären.

"Kopfhörer - Kritik der ungehörten Platten" Herausgegeben von S. Müller und M. Nuscheler ist im Verlag Salon Alter Hammer erschienen und kostet 11,90 Euro Das können wir auch!, dachte sich die jetzt.de-Redaktion und hat gleich mal vier aktuelle Alben besprochen, die am Freitag erscheinen. Selbstverständlich haben sie die Platten ausschließlich nach dem Cover und eigenen Vorurteilen bewertet.


Calvin Harris - I Created Disco (Megaphon Importservice) Wer hört sich das an? Das sind Menschen, die gerne mal austicken und die im Austicken schon einige Erfahrung haben, weil sie das Aus-Sich-Heraustreten schon zelebrieren, seit sie 14 sind. Die haben angefangen mit Sachen wie "Killing in the name of" von "Rage against the Machine" und sich über Beastie Boys auch Hiphop erhört und stehen jetzt auf experimentellere Elektroniksachen. Der klassische "Calvin-Harris"-Hörer ist in Stuttgart aufgewachsen und lebt in Berlin oder in Hamburg Schanze und macht was mit Werbung. Er ist zwischen 25 und 35 Jahren alt und ein im Allgemeinen recht aufgeschlossener Typ mit Drogen-Erfahrung und überdurchschnittlicher Bildung. Sein Geschmack, was Kleidung, Musik und Wohnung betrifft, ist aber in einem coolen, aber letztlich doch oberflächlichen Mainstream steckengeblieben. Manchmal juckt ihn das. Wie hört sich das? An den besten Stellen klingt Calvin Harris wie Senor Coconut, an den schlechten wie eine Disco-Version von Limp Bizkit. Die Musik oszilliert zwischen selbstironischem Electro und postpubertärem Gitarrengedresche. Unter dem Strich überwiegt aggressives Geschrammel leider gegenüber ausgefeilteren und überlegteren Klängen. Insider-Tipp, den nur Musikredakteure wissen: Calvin Harris ist kein unbekannter. Anfang der Neunziger machte der gebürtige Albaner ironische Punkmusik, in der er Londoner Punks dazu aufforderte, Aktien im großen Stil zu kaufen, um so "das System von innen zu ficken". So wurde die britische Formation "KLF" auf ihn aufmerksam und lud ihn am 23. August 1994 dazu ein, einem Kunstprojekt, der Verbrennung von einer Million Pfund, beizuwohnen. Calvin Harris ist in deswegen auch in dem Dokumentarfilm „Watch The K Foundation Burn A Million Quid“ zu sehen. johannes-siebold


Gasoline - The New Discipline (Sopot Reco/ ALIVE) Wer hört das an? Die Dorfjugendlichen, die in die große weite Welt gezogen sind. Aufgewachsen in 500-Einwohner-Orten mit einer Haupt- und fünf Querstraßen, die erste Zigarette an der Schulbushaltestelle mit 14, man kennt sich. Nach dem Abitur auf dem Gymnasium in der Kreisstadt geht's zur Uni. Nach Berlin, München, Hamburg. Wohnen in einer WG, eins der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer studieren und die eigene Jugendzeit reflektieren, dabei kiffen. Ab und zu. Wie hört sich das an? Gasoline hat zwar einen explosiven Namen, bietet dem Hörer aber Schmusemusik für die ganz, ganz ruhigen Stunden am Abend. Aber die Band beschränkt sich nicht auf Kerzenschein-Kuschelrock mit Akustik-Gitarre, sondern experimentiert. Nicht alle Stücke sind betextet, warum auch. Die Dänen klingen oft nach Ich-schaue-auf-den-Fjord-und-bin-glücklich-Pop. Nach Sigur Ros also. Manchmal etwas zu geklaut. Insider-Tipp, den nur Musik-Redakteure wissen können Produziert wurde das Teil von Metallica-Drummer Lars Ulrich. Der wohnt zwar irgendwo in Kalifornien, ist aber Däne und beschäftigt sich seit langer Zeit intensiv mit der skandinavischen Musik. Er hält Gasoline für die talentierteste Gruppe seit Roxette und Mando Diao. Auf dem mit Spannung erwarteteten nächsten Metallica-Album haben Gasoline-Musiker einen Gastauftritt. andreas-ernst


V.A. - Bar Beats Red (Daredo/Kju) Wer hört sich das an? Klar, nicht jeder muss sich großartig mit Musik auskennen. Das ist keine Schande, das ist ganz normal. Und für diese Menschen werden Compilations wie diese hier massenhaft auf den Markt geschmissen. Im Drogerie-Markt ihres Vertrauens durchsuchen sie dann das Regal mit den Best-Of-CDs und entscheiden sich für die mit dem "stylishsten" Cover und dem okayesten Preis-Leistungs-Verhältnis. Daumen hoch für so viel Entscheidungsfreude Wie hört sich das? Wie ein Schaumbad bei Kerzenlicht und Sekt aus dem Kristall-Glas. Wie eine schöne Tasse Tee Abends auf dem Sofa, eingehüllt in eine kuschelige Decke. Wie ein langes Wochenend-Frühstück. Sprich: erstaunlich angenehm. Auch wenn die Rezensentin kein bisschen Lust hat, auf eine dermaßen billig produzierte Scheibe reinzufallen, es ist ihr nicht gelungen, dem zu entgehen. Und woran liegt das? Gute Musik lässt sich eben nicht kaputt machen. Und hervorragende Männer wie „Fonka Delix“, Lukas Greenberg und „nor elle“ machen eben hervorragende Tracks. Auch die Mischung der zweiteiligen Compilation ergibt erstaunlich viel Sinn. Die erste Scheibe ist randvoll mit Deep House, die zweite noch ein bisschen chilliger mit Soulful Lounge. Insider-Tipp, den nur Musikredakteure wissen Die Plattenindustrie macht mit Compilations wie diesen (neben Schlager-CDs) den größten Umsatz. Und weil sie sich ein bisschen dessen schämen, gründen sie immer wieder kleine Sub-Labels, unter deren Schein-Namen sie diese Peinlichkeit veröffentlichen. Skandalös! christina-waechter


Portishead - Third (Island /Universal) Wer hört sich das an? Autofahrer! Ganz klar, wer seine Musik mit einem Parkplatz-Schild versieht, weiß um die beglückende Wirkung, die ein freier Stellplatz auf die Autofahrer-Seele hat. Musik zum Autofahren muss aber natürlich auch zu dieser Fortbewegungsmethode passen, sie muss Uptempo-Stop-and-Go liefern, aber an den entscheidenen Stellen auch langsam machen können. Genau das gelingt der Band, die offenbar P3 heißt oder auf Parkdeck 3 ihr Auto abgestellt hat Wie hört sich das an? Klar sind auch bei P3 die Einflüße der großen Vorbilder erkennbar. Die Platte schreibt sich konsequent in die Gedankenwelt der Vorgänger ein, ohne dabei nicht auch an den entscheidenen Stellen mit ihr zu brechen oder sich zumindest an den großen Vorbildern zu reiben. Insider-Tipp, den nur Musikredakteure wissen ... Die Jungs von P3 sind schon zusammen in die Schule gegangen (in der schönen britischen Stadt Portishead, übrigens) und haben sich kurz vor dem Abschluss alle in die gleiche Frau verliebt. Die wohnt jetzt anonym im Norden Londons und unterhält eine lesbische Beziehung zu Lily Allen. Die P3-Jungs haben sich von ihr losgesagt, trauern ihr aber insgeheim immer noch nach. dirk-vongehlen