Dominieren wohlhabende Studenten die Geisteswissenschaften?

Eine Studie in England gibt Anlass, über den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Studienfach nachzudenken.
peter-wagner

Immer wenn man über Bildung redet, geht es gleich um Chancengleichheit. Und zumindest theoretisch macht es Spaß, darüber zu reden, weil unser Bildungssystem offener und durchlässiger wird. Handwerksmeister dürfen unter bestimmten Bedingungen an die Hochschule, Fachhochschüler dürfen unter bestimmten Bedingungen promovieren und bald soll es mehr Stipendien geben, die auch Menschen mit weniger finanziellem Rückhalt von Zuhause ein Studium ermöglichen. All das ist die Theorie, in der Praxis sieht es immer ein bisschen anders aus. In der Praxis des Bildungssystems funktionieren die am Schreibtisch ausgedachten Balancen nicht so recht. Dazu ein junges Beispiel. In England haben gerade ein paar Menschen aufgeschaut, weil der Guardian über die „Gentrifizierung“ kunst- und geisteswissenschaftlicher Studiengänge schrieb. In einer neuen Studie steht demnach, dass 31 Prozent all derer, die vor zwei Jahren in England in Geschichte oder Philosophie einen Hochschulabschluss gemacht haben aus der Gesellschaftsgruppe mit dem höchsten Einkommen stammen. Die Überschrift ist fast schon dramatisch: „Arts degrees become the preserve of the wealthy“. Werden die Geisteswissenschaften tatsächlich von „reichen“ Studenten dominiert? Wandern jetzt die mit weniger Geld ausgestatteten Hirne in die Fächer mit besseren Berufsaussichten ab? Gar so schlimm ist es vielleicht noch nicht, denn wenn man Text und Studie weiterliest, erfährt man, dass an Englands Universitäten über alle Fächer hinweg immerhin auch 27 Prozent aller Studierenden aus der Gesellschaftsgruppe mit dem höchsten Einkommen stammen. In Deutschland gibt es eine ähnliche Studie schon. Für die aktuelle Ausgabe der sogenannten Sozialerhebung wurden mehr als 16.000 Studenten nach ihrer Herkunft oder nach ihrer finanziellen Situation befragt. Dr. Elke Middendorf vom Hochschulinformationssystem, kurz HIS, hat die aktuelle Sozialerhebung, die im April erschienen ist, mit verfasst. Sie schüttelt den Kopf, wenn man sie nach der „Gentrifizierung“ der Geisteswissenschaften fragt. „Für Deutschland ist das nicht so“, sagt sie kurz und knapp. Das stimmt, im Grunde. Aber die zugehörige Grafik aus der Sozialerhebung verführt zu einem intensiven Studium. Es tauchen darin Studenten aus zwei Gesellschaftsgruppen auf. Zur Gruppe „hoch“ gehören Studenten aus Familien mit hohem Bildungs- und Einkommensniveau. Zur Gruppe "niedrig" gehören Studierende aus Familien mit eher geringem Bildungs- und Einkommensniveau. (Im Methodikteil der Sozialerhebung ist die Einteilung genauer erläutert.)

Schlägt nun ein Balken nach links aus, heißt das, dass die jeweilige Gruppe in dem Fach unterrepräsentiert ist. Schlägt er nach rechts aus, heißt das, dass die Gruppe in dem Studiengang überproportional vertreten ist. So lernt man, dass Fächer wie Musik und Medizin in Deutschland in der Hand der Studenten sind, die aus der sozialen Herkunftsgruppe "hoch" stammen. Es gibt also durchaus einige Fächer, die vor allem einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe zuzuordnen sind. Wolf Wagner wundert das nicht. Er war einst Chef der Fachhochschule Erfurt und Professor für Sozialwissenschaften. Seit der 66-Jährige aus dem Hochschulbetrieb draußen ist, hat er Freude daran, zu einer Reform desselben aufzurufen. Er liest eine Botschaft aus der obigen Grafik, die zumindest ein bisschen zu der Nachricht aus dem Guardian zu passen scheint. Wagner interpretiert die Ergebnisse der Sozialerhebung nämlich so, dass sich Kinder vermögender und gebildeter Eltern häufig von den Ingenieurwissenschaften weg orientieren. In einem Beitrag für das Magazin des Deutschen Studentenwerks (kann man hier downloaden) schreibt er: „Studierende mit hoher sozialer Herkunft sind in der Medizin und Zahnmedizin, in den musischen Wissenschaften, in der Psychologie und in den Literaturwissenschaften sowie in Jura überrepräsentiert. Gerade unter Medizinern und Juristen ist der Anteil derjenigen, deren Eltern schon Jura oder Medizin studiert haben, traditionell sehr hoch. Der Bildungsaufstieg führt also tendenziell weg von den Ingenieurwissenschaften.“ Wagner schreibt, dass das Bildungssystem in Deutschland auf die „Reproduktion der bestehenden Eliten“ ausgerichtet sei. Ein Argument, das zu dieser Grafik aus der Sozialerhebung passen könnte:

Tatsächlich weist Wagner darauf hin, dass ein höherer Bildungsstand der Elterngeneration ganz still und leise den Berufsweg der Kinder lenkt - hin zum Studium und dort dann weg von den Ingenieurswissenschaften, hin zu vermeintlichen Elitefächern wie Jura und Medizin. Nun ist diese Interpretation kein Beleg für die Zahlen aus England, aber vielleicht ein Hinweis darauf, wie sich Fächervorlieben entwickeln. Wolf Wagner zitiert nämlich auch aus einer Studie der RWTH Aachen, nach der von 189 Professoren an der RWTH zwei Drittel aus einer Familie kamen, in der vorher niemand studiert hatte. Da Wagner in seinem Beitrag den Fachkräftemangel in Deutschland beheben will, zieht er eine Schlussfolgerung: Wer mehr Schüler nach ihrem Abschluss in die sogenannten MINT-Fächer Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik bugsieren wolle, müsse vor allem Kindern aus bildungsfernen Familien eine Chance auf ein Studium geben. Weil: Wer in seiner Familie zum ersten Mal studiert, schreibt sich häufig für ein MINT-Fach ein. Warum das eigentlich so ist? Das wäre dann der Stoff für die nächste Studie.

Text: peter-wagner - Screenshots: www.sozialerhebung.de

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