„Drecksau"-Inserat gegen Ahmadinedschad

Kopenhagener Streetart-Kollektiv agitiert gegen Diktatoren
stefan-biro

Am Mittwoch erschien auf Seite fünf der iranischen Tageszeitung Tehran Times ein ominöses Inserat: ein Bild von Präsident Mahmud Ahmadinedschad, darunter fünf devote Slogans, zum Beispiel „Unterstützt seinen Kampf gegen Bush" und „Iran hat das Recht, Atomenergie zu produzieren". Absender sind die „Dänen für den Weltfrieden“. Auf den ersten Blick himmelschreiende Arschkriecherei, für die Redaktion der konservativen Zeitung ein Akt der Solidarität mit dem Iran sowie eine Wiedergutmachung für die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung 2005.

Liebeserklärung an Mahmud Ahmadinedschad: "Du Drecksack!" Was die Macher der Tehran Times übersehen haben: Von oben nach unten gelesen ergeben die Anfangsbuchstaben der Slogans das Wort „Swine“, auf Deutsch „Drecksau". Als Urheber des Verbalattentats hat sich das Künstlerduo Surrend zu erkennen gegeben. Für 2100 Euro hatte Surrend eine halbe Seite eingekauft. Nachdem das Geld überwiesen war, dauerte es einen Monat, bis die Anzeige erschien. Erst nach eingehender Prüfung waren die Zeitungs-Verantwortlichen von der vermeintlichen Gutartigkeit des Textes überzeugt, der Zensurapparat überlistet. Der Plakatkünstler Jan Egesborg (42) ist das Hirn von Surrend. Die Kunde von der Bösartigkeit der Anzeige habe sich binnen weniger Stunden im Internet verbreitet, so Jan im Gespräch mit [i]jetzt.de[/i]. Der Text richte sich aber keineswegs gegen das iranische Volk, sondern ausschließlich gegen den „Tyrannen“ Ahmadinedschad.

Serbien im April 2006: "Wir wissen, wann du Sex hast!" Surrend, das sind Jan Egesborg und die Journalistin Pia Bertelsen (33). Mit Plakaten und Stickern bekleben die beiden alles, was Oberfläche hat und für die Öffentlichkeit sichtbar ist. Sie entlarven die Macht der Übermächtigen. In manchen Ländern – im Iran etwa – droht bei solchen Aktionen der Knast, dann belassen sie es bei subversiven Zeitungsannoncen. Wo immer Jan und Pia „Diktatoren, absurde Konflikte oder extreme Ideologien“ verorten, leeren sie ihren Spottkübel, sie machen sich lustig über die platte Propaganda der Politik. So wollen sie „Tyrannen zur Aufgabe einladen“. Daher auch der Name des Kollektivs: Surrend kommt von Surrender, auf Deutsch Kapitulation.


Plakat-Ode an den weißrussischen Dikator Alexander Grigorjewitsch Lukaschenko: "You run the sun, the moon and the corruption!" Im März 2006 waren Jan und Pia auf der Beerdigung des serbischen Kriegsverbrechers Slobodan Milosevic, sie wollten sich selbst ein Bild vom Personenkult um den Toten machen. „Das war eine spontane Aktion. Wir waren schockiert, wie hündisch die Serben Milosevic verehren, aber auch Ratko Mladic, den die serbische Regierung doch längst an die Vereinten Nationen ausliefern wollte. Leider gibt es in Serbien nach wie vor einen starken Rückhalt für Mladic, daher ist es schwer, diesen Typen aufzugreifen. Wir dachten uns: Vielleicht können wir die Leute ein Stück weit inspirieren, auch mal gegen die Bösen auf die Barrikaden zu gehen. Halb Belgrad ist zugekleistert mit Mladic-Plakaten. Wir haben diese Plakate mit ironischen Stickern beklebt, zum Beispiel “Wir wissen, wo du bist!” oder „Wir wissen, wann du Sex hast!“, um zu zeigen: „Junge, deine Zeit ist abgelaufen!“ Das hat zwar viele Passanten provoziert, aber wir wollen ja auch, dass die Leute nachdenklich werden. Offensichtlich haben wir auch ein paar Menschen erreicht, denn bei unserem nächsten Trip nach Serbien konnten wir ganz ähnliche Protestaufkleber entdecken.“

Referenz auf die taz-Satire: "Deutsche Kartoffeln sind schöner als polnische Kartoffeln." Ähnliche Projekte hat Surrend in Weißrussland, Polen, Sri Lanka, in der Türkei und auf den Faröer Inseln durchgeführt. Zur nächsten Aktion hält sich Jan bedeckt, denn „wenn wir jetzt darüber sprechen würden, könnte das Ganze mit Sicherheit nicht stattfinden.“

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