Drum teste, was sich ewig bindet

Immer mehr Unis bieten Studieninteressierten online ein "Self Assessment" an. Was bringen solche Tests?
nadja-schlueter



Entscheidungen zu treffen ist oft nicht einfach und es gibt Situationen, in denen es besonders schwer fällt, weil viel davon abhängt. So zum Beispiel im letzten Schuljahr oder nach dem Abi, wenn man schon weiß, dass man studieren möchte, aber noch nicht weiß, was. Um den Studienanwärtern das schwierige Abwägen von Fähigkeiten und Interessen abzunehmen, führen immer mehr Universitäten „SelfAssessments" ein: online zu bearbeitende Tests zur Selbsteinschätzung. Einen solchen gibt es zum Beispiel vom Verbund Norddeutscher Universitäten, der die Unis Bremen, Greifswald, Hamburg, Kiel, Oldenburg und Rostock vereint, oder von der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Die Studenten sollen in den 90- bis 120-minütigen Testläufen die Anforderungen eines Studiums kennenlernen und sich mit ihnen auseinandersetzen, ihre Vorstellungen und Erwartungen überprüfen und ihre Fähig- und Fertigkeiten testen. Anschließend bekommt jeder Teilnehmer eine Auswertung, die ihm im Test gezeigte Stärken und Schwächen zusammenfasst. Das Ergebnis richtet sich natürlich auch danach, ob man ein SelfAssessment zu einem bestimmten Fach oder einer bestimmten Fächergruppe oder ein reines „Orientierungs-SelfAssessment" gemacht hat – entweder wird einem die Eignung für die eigene Fachwahl dargelegt oder man bekommt Tipps, in welchem Studiengang man mit den eigenen Interessen und Fähigkeiten am besten aufgehoben ist. Entwickelt wurde diese Methode der Studienwahl bereits vor zehn Jahren von Lutz Hornke, Professor für Personal- und Organisationspsychologie an der RWTH Aachen.

An der Aachener Uni ist die Teilnahme am SelfAssessment sogar verpflichtend: Nach dem Aufgaben- und Einschätzungsmarathon kann man sich eine Teilnamebestätigung zuschicken lassen, die man bei der Einschreibung vorlegen muss - das macht zunächst stutzig, weil das SelfAssessment ja keine Aufnahmeprüfung ist. Doch die Ergebnisse spielen für die Einschreibung zum Glück keine Rolle, somit ist es auch möglich, sich einfach stumpf durch den Test zu klicken, um an die Bestätigung zu kommen. Das Ganze soll also immer noch ein Service für zukünftige Studenten und keine Prüfung auf Herz und Nieren sein. Oder soll über dieses System nicht im Vorhinein doch ein wenig ausgesiebt werden?

Zwei freundliche studentische Avatare führen einen durch das SelfAssessment der RWTH Aachen für den Fachbereich Psychologie. Dabei wechseln sich Fragen zur Selbsteinschätzung, wie etwa Konzentrationsvermögen, Ehrgeiz und Interessenlage, und zu bearbeitende Aufgaben ab: Der Test gliedert sich in Lesetexte, Studienmotivation, Rechenoperationen, Eigeninitiative/Engagement und Tabellen und Grafiken. Die Abschnitte zur Selbsteinschätzung kommen einem aus jeder gängigen Studien- oder Jobcenter-Beratung bekannt vor und führen meist nur zu einem Ergebnis, das man sowieso schon kennt: die eigenen Interessen. Die konkreten Aufgaben allerdings, die der Beschreibung nach „auf typische Anforderungen abzielen, die laut Professoren, Dozierenden und Studierenden im Bereich Psychologie besonders wichtig zu Beginn eines Studiums sind", richten sich an die eigenen Fähigkeiten und machen einem allein darum schon ein wenig zittrige Knie. Das Aufgabenpensum ist dann auch recht opulent und anspruchsvoll. Im Leseteil muss man auf den vorgegebenen Text bezogene Aussagen als „eindeutig wahr", „eindeutig falsch"oder „nicht eindeutig" bewerten. Im Rechenteil sind Aufgaben von der klassischen Gleichung bis hin zur komplexen Textaufgabe zu lösen – klassisches Schulwissen also. In einem Interview mit der Zeit plädierte der Testentwickler Prof. Hornke dann auch dafür, dass man sich spätestens in der 12. Klasse über die Studienwahl Gedanken machen sollte. Eine Version des Tests sei sogar auf Schüler der 11. Klasse zugeschnitten, damit diese vor dem Studienbeginn noch Zeit hätten, etwaige Lücken in bestimmten Wissensbereichen zu schließen.

Damit man auch versteht, warum man in einem Test für das Psychologiestudium die Durchschnittsnote einer imaginären Prüfung errechnen muss, wird vor jedem der Teilabschnitte erklärt, warum auch die mathematischen Fähigkeiten im Wunschfach eine Rolle spielen. So auch vor dem letzten Testteil, „Tabellen und Grafiken", in dem es einen am ärgsten trifft: Die Masse an in Listen geführten Zahlen und zu vergleichenden Graphen zerrt ganz schön an den Nerven und deckt sich in etwa mit dem Gefühl, das Psychologiestudenten im Grundstudium aussenden, wenn sie sich gerade mit Statistik herumschlagen.

Das Ganze führt also einigermaßen nah an die Studienrealität heran, mit dem gewünschten Ergebnis, dass jeder den Platz im richtigen Hörsaal findet. Doch manch einen mit geringer Frustrationstoleranz verschrecken Test und Ergebnis eventuell und sorgen so für ein paar Studenten weniger an den überfüllten Universitäten. „Aber wer die nötige Frustrationstoleranz nicht mitbringt", könnte man nun sagen, „der sollte sowieso nicht studieren und würde nach dem ersten Semester ohnehin der Uni den Rücken kehren." Dabei hätte man aber einen wichtigen Aspekt einfach außer acht gelassen: Dass man an der Uni Menschen trifft, die das Studieren zu etwas Schönerem machen als dem Lösen von Aufgaben am Rechner und die daher möglicherweise eine Menge Motivation stiften und Frustration verschwinden lassen. Daher sollte man nach der eigenen Prüfung also auch einfach mal die Uni auf ihre Fäigkeiten prüfen. Und man sollte sich selbst und seine Entscheidung (so schwer es auch ist, sie zu fällen und so sehr einem ein solcher Test das vielleicht erleichtern kann) immer noch ernster nehmen als jedes SelfAssessment der Welt. 

Text: nadja-schlueter - Foto: Hast du den Flow? / photocase.com

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