Die Schlagzeilen der letzten Wochen verkündeten Großes: „Surfen im Erbgut“, „Der kleine Gentest für zwischendurch“, , die „DNA Analyse im Internet“ hieß es in den großen Zeitungen des Landes. Ein Suppenlöffel voll Speichel reicht aus, und vier Wochen später erhält man die Zugangsdaten für eine Online-Suchmaschine, mit der man im eigenen Erbgut stöbern kann. Dann soll klar werden, wie hoch das eigene Risiko ist, an Brustkrebs oder Diabetes zu erkranken. 999 Euro kostet der Test, den die amerikanische Firma 23andMe anbietet. Lohnt sich die Investition? jetzt.de hat bei Professor Dr. Thomas Meitinger nachgefragt. Er ist Leiter des Instituts für Humangenetik der TU München.

Wie funktioniert dieser Test, Professor Meitinger? Die DNA - unser Erbgut - besteht aus ungefähr drei Milliarden Bausteinen. Unter diesen Bausteinen gibt es sogenannte Marker, die ganz entscheidend sind für die Ausprägung von bestimmten Krankheiten. Für Brustkrebs gibt es einen Marker, und auch für Alzheimer gibt es einen. Wir Humangenetiker forschen ständig nach neuen Markern. Die Forschung steht da erst am Anfang. Diese neuen Firmen wie 23andME benutzen eine geringe Anzahl von Markern – vielleicht zwanzig – um dann eben das Risiko von ebenso vielen Krankheiten zu bestimmen. Die Firmen arbeiten durchaus seriös. Das ist doch unglaublich. Die Firma kann mir als 23-Jährigem sagen, ob und wann ich Alzheimer bekomme? Zunächst einmal geben die Firmen Auskunft über Risiken, sie stellen keine genauen Zukunftsprognosen. Die Firmen verwenden „schwache“ Marker, um ihre Prognosen zu stellen. „Schwache“ Marker sind leichter zu finden und haben eine sehr geringe Aussagekraft. Um wirklich gute Aussagen über das Risiko machen zu können, an Alzheimer zu erkranken, müssten die Firmen „starke“ Marker verwenden. Die sind aber erstens selten, zweitens aufwendiger zu bestimmen und drittens für die Firmen wohl auch problematisch aus ethischer und juristischer Sicht. Je konkreter die Aussagen werden, desto problematischer wird es natürlich. Mit den „schwachen“ Markern gehen die Firmen auf Nummer sicher. Die Aussagen bleiben vage. Aus meiner Sicht ist das ein nettes Spiel dieser Firmen, eine Geschäftsidee. Angenommen ein solcher Test offenbart ein Risiko von 30 Prozent, an Brustkrebs zu erkranken. Was bedeutet das denn jetzt? Angenommen das Lebenszeitrisiko für Frauen in der Bundesrepublik, an Brustkrebs zu erkranken, liegt bei 10 Prozent. Die 30-prozentige Risikoerhöhung bedeutet also ein Gesamtrisiko von 13 Prozent. Ein Urteil über die Relevanz dieses Ergebnisses überlasse ich Ihnen. Wie gesagt, ein nettes Spiel.

Professor Meitinger ist Experte für Humangenetik Werden diese Tests in der Zukunft besser? Die Firmen werden sich davor hüten, „starke“ Marker zu verwenden. So werden die Ergebnisse auch in Zukunft nicht aussagekräftiger sein. Die Forschung wird sehr wohl voranschreiten. Gerade in der Medizin könnten bahnbrechende Entwicklungen bevorstehen: Je mehr wir über die DNA der Menschen wissen, desto spezifischer können sie behandelt werden, zum Beispiel medikamentös. Gebe ich als Arzt dem Patienten Medikament A oder B? Da könnte doch ganz entscheidend sein, wie seine Gene aussehen, um zu wissen, welches Medikament geeignet ist.

Text: sascha-chaimowicz - Fotos: AP, privat