Du bist wie meine Mutter

Über die Tücken der Technik, wenn die Internet-Bekanntschaft ins richtige Leben tritt.
tobias-peter

Ödipus, eine Gestalt der griechischen Mythologie, errang dadurch Weltruhm, dass er seinen Vater erschlagen, seine eigene Mutter geheiratet und sich selbst die Augen ausgestochen hat. Der Franzose Daniel Anceneaux hat all diesen Schwachsinn zu seinem eigenen Glück nicht getan. Aber ihm ist eine ähnlich dämliche Geschichte widerfahren.

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Illustration: Julia Schubert

Illustration: dirk-schmidt

Sechs Monate lang hatte Anceneaux einen intensiv-innigen Online-Flirt mit der Frau seiner Träume – dachte er jedenfalls. Er arrangierte ein romantisches abendliches Treffen mit der Frau an einem entlegenen Strand. Um dann festzustellen, dass er tatsächlich eine besondere Verbindung zu ihr hatte: Sie war seine 52-Jährige Mutter Nicole. „Sie trug weiße Shorts und ein lila Top, genau wie sie es angekündigt hatte“, erinnert Anceneaux sich. „Aber als ich ihr näher kam und wir uns umdrehten, erlebten wir beide den Schock unseres Lebens. Alles, was ich denken konnte, war: ‚Oh Gott. Es ist Mama!’“

Im Chat hatte er sich „The Prince of Pleasure“ und sie sich „Sweet Juliette“ genannt. Sie hatte Gedichte für ihn geschrieben und er entdeckte eine Sensibilität in den Versen, die er von anderen Frauen nicht kannte. Als Daniel Sweet Juliette nach einem Foto fragte, schickte die 52-Jährige ihm ein Bild, das sie aus einem – nun ja – Magazinheft für Männer ausgeschnitten und eingescannt hatte. Beide ahnten vor dem Treffen nichts von der wahren Identität des anderen. Zu allem Überfluss war jedoch das Betreten des Strandes, an dem sie sich trafen, abends verboten. Mutter und Sohn wurden von einem Polizisten aufgegriffen. „Daniel und ich waren immer noch so perplex, dass wir dem Polizisten die ganze Geschichte über unser Internet-Dating erzählten“, berichtet Nicole. Der dienstliche Bericht des Polizisten erreichte einen TV-Sender und die Geschichte lief in den Sechs-Uhr-Nachrichten. „Da begannen die Menschen auf der Straße mit dem Finger auf uns zu zeigen und über uns zu lachen. Und sie haben noch nicht damit aufgehört“, so Nicole.

Ihr Mann – mit dem sie seit 27 Jahren verheiratet ist – verbot Nicole daraufhin, jemals wieder mit irgendjemandem via Internet zu sprechen. Das ist der richtige Weg! Denn so etwas darf nie wieder passieren. Also: Verbietet den über 50-Jährigen das Internet! Oder verbietet ihnen zumindest Single-Börsen und Chatrooms! Bei Zuwiderhandlungen gibt es Hausarrest und Fernsehverbot. Es mag hart sein, aber es ist der einzige Weg. Hochverehrte Bundestagsabgeordnete, egal welchen Alters, haben Sie ein Einsehen. Und schreiten Sie ein.

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