Du Kind eines Wanderpredigers!

Die "Kings of Leon" haben eben neue Musik rausgebracht und sind die Kinder eines Wanderpredigers. Kinder von Wanderpredigern scheinen überhaupt für famose Biografien vorgesehen zu sein, wie unsere Recherche ergab
peter-wagner

1. Söhne eines Wanderpredigers: Kings of Leon

Caleb, Jared und Nathan Followill sind gemeinsam mit ihrem Cousin Matthew eine Band, die schon mal zur besten Ami-Musik seit vielen Jahrzehnten erklärt worden ist. Und folgt man den Angaben von Nathan in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau, war das irgendwie vorhersehbar. "Sie kennen bestimmt den Song Son of a Preacherman. Der beschreibt dieses Gefühl exakt. Sohn eines Wanderpredigers zu sein ist extrem cool, fast noch cooler als Rockstar. Wir waren jedenfalls sehr freundlich zu den vielen kleinen Mädchen, die zur Kirche kamen." Familie Followill tingelte, der Berufung des Vaters folgend, tapfer durch den Mittleren Westen der USA. Es wurde gepredigt und die Söhnemänner spielten Musik im Kirchenorchester, durften nur Gospel hören und Caleb zum Beispiel umging das Verbot, indem er nachts ein Radio unter sein Kopfkissen steckte und Oldies hörte. Aber dann: 1997 geschah, was einem Wanderprediger nicht passieren darf. Er ließ sich von seiner Frau scheiden und flog aus der Kirche. Plötzlich war der Vater auch nur ein Mensch und die Inhalte der Predigten des Vaters schienen sich in Luft zu lösen. Die Welt in ihrer vollen Schönheit und Garstigkeit öffnete damals, berichtet Nathan heute. 2000 gründete sich also die Band und weigert sich noch heute, dem Vater die sehr kirchliche und also auch strenge Jugend nachzutragen: Leon Followill ist im Namen der Band verehrend verewigt.


2. Sohn eines Wanderpredigers: Marshall Applewhite

Hauweh, das ist nun eine schräge Geschichte. Beginnen wir mit dem doofen Ende: Im März 1997 werden in San Diego, USA, 39 Mitglieder der Sekte "Heaven's Gate" tot aufgefunden. Die Toten tragen uniformähnliche Kleidung mit dreieckigen Abzeichen, sind mit purpurfarbenen Tüchern bedeckt und auf Betten aufgebahrt. An den Füßen stecken neue Nike-Schuhe, neben den Betten gepackte Koffer. Die Damen und Herren waren der Glaubensrichtung von Marshall Applewhite aufgesessen, der das Erscheinen des Kometen Hale Bop im Jahre 1997 wohl als Signal für die Flucht von der Erde genommen hatte. Ein Astronom hatte neben dem Kometen einen zweiten Lichtpunkt ausgemacht, der später wohl als Stern identifiziert worden ist. Über Umwege kam es aber zu einer anderen Deutung: Das Leuchten sei ein Schiff voll von Außerirdischen. Weil Heaven's Gate eine Art Ufo-Sekte war, machte man sich also startklar: Die Mitglieder hofften, von den Außerirdischen abgeholt zu werden. Auf Videobändern, die man später fand, sprachen die Mitglieder davon, dass sie ihre "Container", also ihre Körper zertrümmern müssten, um in die nächste Sphäre zu gelangen. Das haben sie getan und sich mit einem Gift umgebracht. Angestiftet hat sie nach allem was man weiß wohl Mister Applewhite, 1931 in Texas geboren. Er war bei der Armee und Musiklehrer und lernte in den 70ern in einem Krankenhaus Bonnie Nettles kennen, die er aus einem früheren Leben zu kennen glaubte. Man schätzte sich und gründete schließlich die Ufo-Religion, die 1997 ihr schlimmes Ende fand. Oder ihr glorreiches, je nach Sichtwinkel.


3. Tochter eines Wanderpredigers: Julia Hill

Und wieder ist es das Jahr 1997, das ein Kind eines Wanderpredigers mit Menschen ähnlicher Familienkonstellation verbindet. Julia Hill klettert Ende 1997, gerade 23 Jahre alt, auf einen Baum in Kalifornien. Es geht um den Schutz der Redwood-Kiefern, sie will das Abholzen der Mammutbäume verhindern und wird mit der Aktion zur weltweit bekannten Baumfrau, weil sie über zwei Jahre oben sitzen bleibt. Julia übersteht Stürme und Kälte und weiß sich nur noch mit Beten zu helfen, als die Holzfirma Napalm für die Brandrodung verspritzt. Einmal versucht "Pacific Lumber", die Firma, die die Rodungen plante, sie mit dem Wind von Hubschrauberrotoren zu vertreiben. Vergeblich. Julia kommt durch und übersteht auch die Versuche der Waldarbeiter, sie auszuhungern - Aktivisten der Organisation "Earth First" versorgten sie während all der Zeit mit dem Nötigsten. Als sie runtersteigt, hat sie zumindest einen kleinen Sieg errungen: Ihr Baum, den sie "Luna" taufte und die Bäume im Umkreis von 70 Metern dürfen nicht gefällt werden. Wieder auf dem Boden, schreibt Hill ein Buch über die Zeit auf dem Baum und gründet eine Umweltstiftung. Was die Zeit im Baum gebracht hat? Julia Hill sagt: "Ich habe gelernt, die kleinen Dinge zu schätzen."


4. Tochter eines Wanderpredigers: Frances McDormand

Nun, blickt man auf Frau McDormands Karriere ist vor allem von großer Kunst und weniger von Skurrilität zu berichten. Wobei: Als sie noch Kind war, hat wenig auf eine schauspielerische Zukunft gedeutet. Frances war pummelig, gut bebrillt und verbrachte eigentlich ihre ganze Jugend in christlichen Zirkeln. Die Wanderprediger-Familie, die sie adoptiert hatte, ließ ihr in der Beziehung wohl auch wenig Freiheiten. Während der High School aber platzte ein Knoten: Sie spielt die Lady Macbeth und entdeckt, naja, so hat man das schon bei mehr Schauspielern gehört, "ihre Liebe zur Schauspielerei". Dann Schauspielkurse, School of Drama an der Yale-Uni und eine Schauspieler-WG mit Holly Hunter. Es kommen: Hammerrollen in "Mississippi Burning", "Primal Fear" und, ganz was Feines: "Fargo". DIE ZEIT schrieb: "Ihre Figuren sind Abgesandte einer bedrohten Normalität." Könnte sie eigentlich mal Julia Hill spielen. Oder Marshall Applewhite, oder ...


5. Sohn eines Wanderpredigers: John Ashcroft

Sie haben ihn in Amerika den "mächtigsten Justizminister der Neuzeit" getauft, John Ashcroft, der nach dem 11. September 2001 von George W. Bush den Auftrag bekommen hatte, eine solche Tragödie für alle Zukunft zu verhindern. Hat er dann auch gemacht: Der USA Patriot Act erlaubte das Abhören von Anwaltsgesprächen, erleichterte das Festhalten von Verdächtigen und das war erst der Anfang einer Regelungs-, Verbots-, und Ermächtigungsflut. Ashcroft ordnete zum Beispiel die Vernehmung von 5000 Immigranten aus dem Nahen und Mittleren Osten an - ohne dass etwas gegen sie vorlag. Er galt als bibeltreuer Pfingstler, der jeden Tag mit dem Lesen der Schrift begann, der angeblich wirklich an die Existenz des Satans glaubt. Beruflich hat ihm Bush eine ordentliche Beförderung verpasst - eigentlich schien der Mann schon auf dem absteigenden Ast. Man lachte ihn aus, als er in seinem Heimatstaat Missouri die Wiederwahl gegen einen Toten verpatzte: Sein Herausforderer war kurz vor der Wahl bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Und siegte dennoch. 2004 trat Ashcroft von seinem Amt als Justizminister zurück.

Text: peter-wagner - Fotos: kingsofleon.com, Screenshot, ap

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