Du nervst, so wie du klickst!

Es ist ganz schön anstrengend, neben Kollegen oder Freunden am Computer zu sitzen und nicht die Maus in der Hand zu haben. Was die Redaktion bei anderen am Computer nervt - zehn Geständnisse.
nadja-schlueter

Im Auto Beifahrer sein ist eine schwierige Aufgabe, oft schwieriger als selbst zu fahren. Man sitzt da, mit den Händen im Schoß, und kann nur hilflos zusehen wie der Nebenmann alles anders macht als man es selbst machen würde – er schaltet später, bremst schärfer, benutzt alle fünf Minuten die Scheibenwischanlage und hält das Lenkrad komisch. Man könnte ja was sagen, vielleicht ganz zaghaft, kaum lauter als das schrecklich laute Motorengeräusch raunen: „Magst du nicht mal in den vierten Gang schalten - vielleicht?“ Aber man macht es nicht, Kritik am Fahrer ist verpönt. Er fährt eben auf seine Art und solange man ohne größere Blechschäden und längere Krankenhausaufenthalte an's Ziel kommt, sollte das okay sein. Da redet man einfach nicht rein, das führt nur zu Streit und am Ende zu einer filmreifen Szene mit aussteigen, sich vor der Motorhaube anschreien und den Platz tauschen. Es gibt wenige Situationen, die vergleichbar sind mit dem Beifahren, denn selten sitzt man neben jemandem und beobachtet, wie er eine Maschine bedient, die man selbst genauso gut oder eben sogar besser bedienen könnte. Gemeinsames arbeiten am Computer kommt dem wohl noch am nächsten. Man kann sich an nur einem Rechner zusammensetzen und einen Text verfassen, eine Website überarbeiten, ein Video suchen. Dabei hat nur einer von beiden das Privileg, Tastatur und Maus - das Lenkrad, das Gaspedal und die Scheibenwischanlage der Computerwelt - bedienen zu dürfen. Und derjenige hat dann vielleicht ein paar Marotten, die einen wahnsinnig machen. Er tippt, klickt, markiert anders als man selbst und dann stellt sich das Problem ein, das wir vom Beifahren kennen. Man will ja nichts sagen, denn er macht es eben auf seine Art und solange man ans Ziel kommt, ohne den Computer zwischenzeitlich zwei Wochen zur Reparatur einschicken zu lassen, sollte das okay sein. Das ist das Leid des Beisurfers, wie wir den Beifahrer am Computer nennen wollen. Aus der Perspektive dieses Beisurfers nennen die Mitglieder der jetzt.de-Redaktion heute zehn Punkte, die sie an den "Hauptsurfern" am meisten nerven. Es sind nur Kleinigkeiten, sicher. Aber die genügen, um einen wahnsinnig zu machen, wenn man mal gerade nicht selbst die Steuerung in der Hand hat.

1. Das Doppelklicken Das Doppelklicken scheint mir eine Angewohnheit der Menschen zu sein, in deren Leben das Internet erst einzog, als sie längst über dreißig waren. Der „Doppelklick“ hat sich bei ihnen als Tätigkeit eingeprägt, ohne die das Internet nicht funktioniert und keiner weiß warum. Mein Vater zum Beispiel klickt auf alles zwei Mal, auf jeden Link, auf jede Mail und wenn ich ihm dabei über die Schulter schaue, zucke ich jedes Mal zusammen. Aber ich traue mich nicht, ihm zu sagen, dass ein Mal klicken reicht, denn manchmal muss man ja doch zwei Mal klicken und dann sagt er vielleicht: „Siehste! Wenn man einfach immer doppelklickt, kann man nichts falsch machen!“ und das Argument: „Falsch ist es nicht – aber es nervt!“ würde ihn sicher nicht überzeugen. nadja-schlueter *** 2. Das "Alles entfernen und neu schreiben"-Problem Manchmal schreibt man mit jemandem zusammen eine Mail. Oder einen Referatstext. Oder einfach irgendwas. Und weil immer nur einer tippen kann, macht auch immer nur einer die Tippfehler. Wenn ich beobachte wie jemand sich vertippt und es erst einen Satz später bemerkt, dann flehe ich innerlich darum, dass er mit dem Cursor den Fehler anwählt und berichtigt. Aber es gibt da eben auch die Menschen, die den Weg zurück zum Fehler mit gedrückter Backspace-Taste zurücklegen. Oder noch schlimmer: indem sie ganz, ganz oft auf die Backspace-Taste drücken. Sie löschen einfach ganz viele richtige Sachen, um einen einzigen Fehler zu verbessern, und jeder einzelne getilgte Buchstabe verursacht mir beinahe körperliche Schmerzen. nadja-schlueter *** 3. Der Rhythmus des Prozessors Was mich besonders stört, wenn andere Menschen an meinem Computer sitzen und mir irgendwas zeigen wollen: dass sie nicht den Rhythmus der Maschine kennen. Es ist doch so: Wenn man selbst den Rechner bedient, weiß man schon automatisch: jetzt lädt er, jetzt geht gleich das neue Fenster auf, so lange dauert es, bis das Programm einsatzbereit ist, etc ... Diese kleinen persönlichen Verzögerungen der Maschine sind ja beinahe so charakteristisch wie der Gang eines Menschen. Jetzt aber die Fremden: Warten nicht ab, sondern drücken gleich noch mal, wenn sich nichts tut, worauf der Rechner und ich innerlich stöhnen und eine erneute Verlangsamung eintritt, woraufhin der Ungeduldige wieder woanders klickt, um die Sache zu beenden, was mein Rechner von mir überhaupt nicht kennt. Ich sehe ihn förmlich unter der falschen Behandlung in die Knie gehen, es tut sich überhaupt nichts mehr. Alles wartet, alles ruckelt, dann öffnen und schließen sich alle Fenster auf einmal und man landet ganz woanders. max-scharnigg *** 4. Offline arbeiten Meine Mutter beklagt sich gelegentlich, dass das Internet schon wieder nicht funktioniert. Ich eile ihr zu Hilfe und entferne sogleich fachmännisch das Häkchen bei „Offline arbeiten“ im Firefox-Menü. Dabei frage ich mich jedes Mal, ob der Offline-Modus, wohl ein Relikt aus flatrate-freien Zeiten, tatsächlich noch genutzt wird oder nur dazu dient, meine Mutter zu verwirren? judith-urban *** 5. Passworte auf Post-Its am Bildschirm Dieses Unding ist sowohl bei den Eltern, als auch am Arbeitsplatz zu beobachten. Die Firewall kann ja nie hoch genug sein, doch die Einlog-Daten für den Banking-Account oder sonstiges werden direkt am Bildschirm präsentiert. Das Handy nimmt einem die Erinnerungsfunktion ja schon komplett ab. Da wird man sich doch wohl noch das ein oder andere Passwort merken können. Dieses Verhalten erinnert doch stark an die älteren netten Damen, die zu ihrer EC-Karte freundlicherweise noch einen kleinen Zettel im Geldbeutel beilegen, auf dem ihre Pinnummer steht. sebastian-sittner


6. Das Speicherproblem Meine Eltern haben eine besondere Vorliebe für das Programm Microsoft Word. Sie verwenden es mit großer Begeisterung - selbst dann, wenn sie keine Texte schreiben müssen: zum Abspeichern von Bildern. Als Designstudentin bin ich mir zwar meines Erziehungsauftrags bewusst und versuche, ihnen die Bedeutung von jpeg oder png klar zu machen. Doch meine Eltern bleiben stur: Immer wieder muss ich Worddateien öffnen, nur um darin ein weiteres Verwandschaftsfoto in minimaler Auflösung zu finden. judith-urban *** 7. Antwort ganz unten Ich freue mich sehr über Emails von meiner Mutter. Nur dachte ich anfangs, sie würde aus Versehen den Antwort-Button drücken, bevor sie etwas geschrieben hat. Das lag daran, dass sie ihre Zeilen immer unten anfügte und nicht oben drauf setzte. Jetzt scrolle ich immer zum Ende der Mail, um das Neueste zu erfahren. Als ich ihr behutsam mitteilen wollte, dass es anders lesefreundlicher wäre, war es mir nicht möglich, begreifbar zu machen, worum es eigentlich ging. Deswegen macht sie es immer noch so. max-scharnigg *** 8. Nicht einkaufen trauen Naja, ich habe damals vor Jahren auch sehr ungläubig und furchtsam auf den Bildschirm geschaut, als ich dem Browserfenster dieser peruanischen Fluggesellschaft meine Kreditkartendaten anvertraute. Kreditkarte war damals für mich neu, im Computer bezahlen war damals auch neu, aber ich brauchte dringend diesen Anschlussflug von Lima nach Arequipa und mit meinem Spanisch war es damals nicht weit her. Meine Angst war halt, dass ein paar kecke Peruaner meine Daten mit einem höhentauglichen Netz aus der Internetdingsbumsbahn fischen würden und meine angesparten 700 Mark in tonnenweise Pisco Sour investierten. War dann nicht so, war überhaupt seitdem nie so. Internetbezahlung aus meiner Sicht: Eins A. Hab ich auch meinem Bruder gesagt, der es bis heute nicht glaubt. Online schaut er sich alles an und sucht aus, aber er würde partout nicht auf die Idee kommen, relevante Daten in Masken zu geben. Geschweige denn nach Peru. „Dann stehen die irgendwann noch vor meiner Tür“, sagt er gern. Dann frage ich, wer denn da stehen könnte? Die Antwort bleibt er mir schuldig. Naja, so eine Angst ist ja auch was sehr Persönliches. peter-wagner *** 9. Copy-Paste Ich habe keine rechte Taste an meiner Maus. Manche Menschen halten das für einen Fehler, ich finde diese Apple-Besonderheit aber eher gut. Denn sie bewahrt mich davor, ständig in Texten rumzuklicken. Muss ich das bei anderen Menschen beobachten, werde ich schnell unruhig. Warum auf die rechte Maustaste drücken und auf "Kopieren" klicken, wo man einen markierten Text doch auch mit "apfel-C" und "apfel-V" von hier nach da bewegen kann? dirk-vongehlen *** 10. Auto-Vervollständigen Es ist schön, wenn mir jemand hilft. Wenn ich beobachte, wie jemand Fremdes angebotene Hilfe ausschlägt, ärgert mich das. Wenn diese Beobachtung am Computer stattfindet, ärgert es mich doppelt. Ich sehe einen Freund, der am Computer ein Formular ausfüllen muss oder eine Suchanfrage eingeben möchte. Der Computer sieht das auch. Er möchte ihm oder ihr helfen. Auto-Vervollständigen nennt man das. Der Computer bietet nach Eingabe einiger Buchstaben eine vollständige Adresse oder ein ganzes Wort an. Warum geht man auf das Angebot nicht ein? Warum tippt man umständlich (und meistens falsch), wenn doch auch der Computer das machen könnte? dirk-vongehlen

Text: nadja-schlueter - Illustration: Judith Urban

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