Du und die Grippe

Früher war es einfach: Wenn man krank war, durfte man ins Bett, zu unmöglichen Zeiten fernsehen und die Mutter hat allerlei komische Dinge mit einem gemacht, bis man wieder gesund war. Heute ist das alles schwerer und man muss sich selbst bemuttern. Wie ging das noch mal? Hier die sieben Standards der Grippe-Hausbekämpfung.
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Illustration: Julia Schubert

Illustration: daniela-pass Tee trinken Das Trinken von Tee stellt die erste Handlung bei beginnendem Krankheitsgefühl dar. Es ist einfach, schmeckt mit Honig ganz gut, und gibt einem das Gefühl, sich vernünftig zu verhalten, ohne sich schon richtig krank zu finden. Die Auswahl an Erkältungstees ist groß, aber Achtung: viele Kräutermischungen sind nur für Erkältungswetter gedacht und gar nicht gegen die Erkältung. Wie auch immer, Teetrinken hilft nichts, nur der Mund wird warm und man muss pinkeln, was beides der Genesung immerhin nicht abträglich ist. Nach zwei Kannen Kräutertee fühlt man sich durchlauferhitzt, aber geschmacklich unterversorgt. Und die Grippe kommt trotzdem. Was man sich davon verspricht: Vielleicht ist doch endlich das Geheimkraut in der Teemischung, das die Bergbauern im Wipptal seit 400 Jahren vor Erkältung bewahrt. Was es tatsächlich bewirkt: Man nimmt sich einmal mehr vor, ein neues Teesieb zu kaufen und kleckert mit dem Honig rum. Rotlicht Infrarotlicht ist eine warme Lampe, vor die man sich setzt und die Augen schließen muss. Mütter schwören seit dem Wirtschaftswunder darauf, wenn sie eine „leichte Angina“ haben. Vor dem Rotlicht ist es ein bisschen, wie wenn man beim Grillen die Würste bewachen muss, nur dass man noch nicht betrunken ist. Während man im Rotlicht brät, denkt man unvermeidlich und ausdauernd darüber nach, was über die Schädlichkeit von Infrarotstrahlen bekannt ist und was sie in diversen Science-Fiction-Serien für Schäden anrichten. Das lenkt gut ab. Nach 15 Minuten riecht es immer leicht verbrannt und man bricht die Infrarotsitzung ab. Die Schmerzen in Kopf und Stirnhöhle sind tatsächlich weg, man glüht ein bisschen und die Mutter am Telefon gibt Ruhe. Nach einer halben Stunde allerdings ist die Grippe gegen Infrarotlicht immun und zwingt einen aus Rache mit spektakulären Gliederschmerzen in die Knie. Was man sich davon verspricht: Wenn schon extra eine Maschine dafür gebaut wird, muss es doch was nützen. Und die Infrarotstrahlen durchdringen schließlich den ganzen Körper und lösen dabei, äh, irgendwas. Was es tatsächlich bewirkt: Es betäubt durch Wärme den Schmerz. Man fühlt sich gebraten. Und später, wenn alles überstanden ist, denkt man: Wahrscheinlich war es doch das Rotlicht. Inhalieren In Krimis werden Menschen, die alleine in ihrer Küche inhalieren, gerne von hinten überfallen und unsanft in die heiße Inhalierschüssel geprellt. So kann man sich in den langweiligen Vorgang etwas Spannung einreden. Inhaliert wird mit fast kochendem Teewaser, ätherischen Zusätzen und mit einem Handtuch über dem Kopf, damit die Nase so ein Dampfad-Feeling bekommt. Wenn man einen Tick zu feste einatmet und der Wasserdampf einen Tick zu heiß war, tut es infernalisch weh. Ansonsten stellt sich nach fünf Minuten Inhalieren das wohlige Gefühl von viel heißer Luft im Hirn ein. Die verstopfte Nase wird frei und man schleudert befreit das Handtuch weg – nur um fünf Minuten später wieder mit den alten Symptomen weiterzujammern. Was man sich davon verspricht: Tiefenreinigende Heilung mit leicht magischer Nebenwirkung wegen des unheimlichen Handtuchumhangs. Was es tatsächlich bewirkt: Ähnliche Wärmebetäubung wie bei der Rotlichtlampe, nur feuchter. Man versteht endlich wie sich im Dampf gegartes Gemüse fühlt. Bad nehmen Ähnliches Misstrauen wie bei den Tees – man macht etwas, was andere schon bei voller Gesundheit praktizieren - kann das helfen? Immerhin riecht der Eukalyptusbadezusatz so wie ein Hustensaft und der leidige Schüttelfrost ist auch behoben, solange man sich unter der Wasseroberfläche hält. Danach freilich stürmt alles noch mehr auf einen ein und man fühlt sich elendiger als je zuvor und hat zusätzlich noch einen schwachen Kreislauf und ein pompöses Hitzegefühl. Was man sich davon verspricht: Irgendwas. Abwechslung vielleicht. Was es tatsächlich bewirkt: Alles wird schlimmer und man hat nasse Haare im Nacken und erkältet sich noch mal. Fieber messen Das Feststellen der Fiebertemperatur ist das Roulettevergnügen des kranken Mannes und kein direktes Abhilfemittel. Während die Handhabung des Fieberthermometers mit dem klassisch-brutalen Runterschütteln der Quecksilberersatzflüssigkeit noch jedem geläufig ist, gehen bei der Interpretation der gewonnenen Hitzedaten die Kenntnisse auseinander – ungefähr weiß man, dass es ab 40 Grad brenzlig wird. Aber wer fühlt in sich wirklich die Bereitschaft mit den Worten „Ich habe grade 40,2 Grad bei mir gemessen!“ einen Krankenwagen zu rufen? Außerdem sind es ohnehin immer nur maximal 38,7 Grad die man erzeugt und die einen denken lassen: „Hey abgefahren- ich hab' erhöhte Temperatur!“ Mit dieser Erkenntnis ist man keinen Tick gesünder und den einzig richtigen Hintergedanken, nämlich den an Wadenwickel, lässt man aus Bequemlichkeit schnell wieder fallen. Fenster aufmachen reicht doch bestimmt auch... Was man sich davon verspricht: Sensationswerte, Stammtischprahlerei Was es tatsächlich bewirkt:Man findet sich selber läppisch – nicht mal richtiges Fieber kriegt man hin und trotzdem tut alles weh. Zusatzmittelchen Kaum niest man in der Öffentlichkeit, hagelt es von allen Seiten Ratschläge, was nun in der Apotheke unbedingt zu tun sei: Calcium, Zink, Folsäure, Tigersalbe, Eisen, Magnesium oder das populäre Echinacin - jeder der Ratgeber schwört bei der heiligen Maria in Ekstase, dass nur mit seinem Hausmittel die Gesundheit zurückkommt. Vitamin C ist da noch der Klassiker und das Einzige, was man in Form von abgelaufenen Brausetabletten, Bonbons oder Zitronen auch zu Hause findet. Man nimmt das Zeug mit dem gleichen Gefühl, mit dem man auch unentwegt Halspastillen lutscht – ohne rechtes Vertrauen aber mit der Hoffnung, dieses eine Mal würde es helfen. Und man könnte dem nächsten Grippeopfer endlich auch mal das todsichere Mittelchen anraten. Was man sich davon verspricht: Der hat mich doch noch nie belogen, also nehme ich jetzt wirklich diese eklige Omega-Fettsäure, auf die er schwört. Was es tatsächlich bewirkt: Halbleere Döschen stehen herum und der nächste Besuch, der sie findet, sagt kopfschüttelnd: „Das taugt nichts, das kann der Körper nur selber herstellen.“ Placeboeffekt. Nasenspray Bei der Benützung von Nasenspray fühlt man sich immer leicht halblegal – man ahnt, dass hier schneller Sieg mit Heilung vertauscht wird, trotzdem ist man bei fortwährend verstopfter Nase irgendwann geneigt, das Zeug zu benutzen. Die Flüssigkeit brennt sich wie Säure durch den Rotz und man schnaubt kurzfristig frisch und frei wie der Ricola-Knecht. Freilich hält das Vergnügen nur eine Teetasse lang vor - dann ist die Natur wieder stärker und das Rohr wieder dicht. Auf Dauer unbefriedigend. Was man sich davon verspricht: Endlich mal wieder Nasenatmung. Was es tatsächlich bewirkt: Endlich mal wieder Nasenatmung, aber danach auch psychologischer Rückschritt mit der hässlichen Erkenntnis: Es wird immer mehr Rotz als Nasenspray in mir sein.

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