Ehre den Plattenladen

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Amerika ist ein Land, das uns nicht nur Fast Food, Sex-Tapes und tolle Fernsehserien geschenkt hat. Es ist auch das Land, das aus jedem verdammten Ereignis einen Gedächtnistag macht. Es gibt den Tag des Schweigens, den Tag des Cowboys und sogar den „International Day of Awesomeness“. Am Samstag ist – man mag es gar nicht glauben – nun wieder so ein Tag, zur Abwechslung aber mal einer, den man durchaus unterstützen sollte. Es ist der National Record Store Day. Und an diesem Tag soll jeder, dem Musik ein bisschen mehr als Hintergrundgedudel bedeutet, mal wieder einen kleinen Abstecher in den unabhängigen Plattenladen seines Ortes machen, sich dort umsehen, kundig beraten lassen und am Ende mit einer oder zwei großartigen Scheiben nach Hause gehen. Und er sollte es bald machen, denn wenn man den allgemeinen Trend beobachtet, dann bleibt nicht mehr allzu viel Zeit dafür.

So sieht ein Plattenladen aus, den man gerne unterstützen möchte. Der „National Record Store Day“ soll die Menschen daran erinnern, dass es die unabhängigen Plattenläden sind (und nicht die großen Drogerie-Märkte oder die Runterlad-Seiten im Internet), die den Musikgeschmack schulen können und einen Kunden von einem "Best-Of"-Heini zum Bootleg-Sammler machen können. Natürlich immer vorausgesetzt, der hat Interesse daran. Gleichzeitig will dieser Jubeltag aber auch warnen. Davor nämlich, dass der Plattenladen, so wie wir ihn noch kennen, demnächst sehr wahrscheinlich ausstirbt. Das hat viele Gründe. Das Internet, die selbstverschuldete Krise der Plattenindustrie, die mangelnde Bereitschaft der Kunden, für Musik Geld auszugeben und so weiter und so fort. In Amerika ist das große Plattenladen-Sterben schon sehr weit fortgeschritten. Gab es früher noch in jeder mittleren Universitätsstadt mehrere Läden, sind es nun nur noch vereinzelte Wackere, die ihr Geschäft noch betreiben. Dabei würde dem gemeinen Musik-Liebhaber sehr viel verloren gehen, würde er in Zukunft nur noch im Internet Musik herunterladen oder bei Ebay Vinyl-Restbestände ersteigern. Denn ein Plattenladen ist nicht irgendein Geschäft, das mit Waren handelt. Der perfekte Plattenladen vermittelt vielmehr das Gefühl, durch eine riesige Schatzkiste zu wandeln. In den Kisten und Regalen kann man stundenlang wühlen, sich über obskure Cover freuen, vielversprechende Scheiben auf einen „Im Auge behalten“-Stapel legen, dabei verstohlen die anderen Kunden beäugen und eine sehr ausführliche Anhör-Session veranstalten. Vor allem aber ist der Plattenladen ein vortrefflicher Ort, um ganz besonders spezielle Ausgaben der Gattung Mensch zu beobachten. Angefangen beim Besitzer, der normalerweise nur in zwei Varianten vorkommt: Der modernere von ihnen ist ein leicht verranzter End-Zwanziger, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat und hauptsächlich von seinen Kontakten in die Szene lebt. Zu ihm kommen tagtäglich dieselben ebenfalls sehr coolen Stammkunden und ruhen sich am Spätnachmittag von ihrem stressigen Nachtleben aus. Diese Verbindung ist zwar gut für Coolness-Punkte, macht es dem szenefremden Neukunden aber schwer, die Schwelle zu überschreiten oder gar eine schüchterne Frage nach verhältnismäßig uncoolen (weil schon bekannten) Künstlern zu stellen. Weshalb der extrem coole End-Zwanziger normalerweise auch nach spätestens drei Jahren aufgibt und doch noch seine Ausbildung zum Grafiker fertigmacht und dann einen ordentlichen Job ergreift. Ganz im Gegensatz zu seinem gealterten Kollegen, dem angegrauten Musik-Nerd. Der war vor dreißig Jahren verhältnismäßig erfolgreich mit seiner Blues-Rock-Kapelle, bis die sich aufgrund von internen Streitereien auflöste. Um die Taxi-Schein-Prüfung zu umgehen, hat er einfach einen kleinen Laden angemietet, seine Plattensammlung reingestellt und von da an ging es irgendwie weiter. Völlig skrupellos kauft er mittlerweile alles an, was ihm zu Tiefst-Preisen angeboten wird und verkauft es leicht überteuert weiter. Seine Kunden sehen oft ein wenig mottenzerfressen aus, das liegt daran, dass sie so selten an die frische Luft kommen. Trotzdem kann man sich in seinem Laden wohl fühlen, weil es bei ihm überhaupt nicht um Coolness geht, sondern ums Geld. Und wenn ein Kunde mit der Frage nach der neuesten Schlümpfe-CD zu ihm kommt, stöhnt er zwar laut, aber nicht wegen der schlimmen Musik, sondern weil er ahnt, dass gerade diese Platte gerade nicht lieferbar ist. Ohne Plattenläden wären wir also nicht nur um eine kulturelle Anlaufstation ärmer - wir wüssten auch gar nicht, wo wir die Menschen studieren können, zu denen wir eines Tages möglicherweise werden. Und das wäre wirklich sehr, sehr schade! Auf den nächsten Seiten findest du einige dieser Läden. Welche Läden kannst du empfehlen? Schreib es in den Kommentaren auf.


Last Chance Dortmund Die Dortmunder sind sich einig: "Das ist ein Klassiker". Seit 1980 rühmen sich die Besitzer, einen "der größten Independent-Record-Shops" in Deutschland zu betreiben. 150 Quadratmeister sind aber auch nicht wenig. Wer nicht gerade auf Schlager oder Volksmusik hört, kann sich am Dortmunder Königswall gut ein paar Stunden beschäftigen. Adresse: Königswall 22, 44137 Dortmund Homepage: last-chance-music.de Angebot: Vinyl aller Größen, CDs, DVDs. Beim Plattenflohmarkt gibt's Vinylscheiben schon für einen Euro.
Plattenbau Aachen Holzregale, Poster an der Wand, mitten in einem Aachener Wohngebiet: Den „Plattenbau“ gibt es seit Februar 2006. Es ist so gemütlich, dass ein paar Stunden vergehen können, bis die schönste, fetzigste, punkigste, ruhigste LP gefunden ist. Die gibt’s aus den verschiedensten Stilrichtungen, auch Filme sind im Angebot. Aber besonders gut kennen sich die Inhaber im Punk und Indie aus. Zuweilen gibt’s auch kleinere Konzerte. Am Dienstag kam das Folk-/Punk-Trio Polite Sleeper. Stil: Against Me, Bob Dylan, Bright Eyes. Adresse: Viktoriastraße 51, 52066 Aachen Homepage: plattenbau-aachen.de Angebot: Spezialisiert auf Punk und Indie – Neuware und Second Hand. Zusätzlich gibt es Filme, Hörspiele, Fanzines, Comics, Merchandise und Tickets für Konzerte.
Flight 13 Freiburg „Flight 13“ ist nicht nur ein Plattenladen, sondern gleichzeitig ein Versand und ein Label. 1988 als eine inoffizielle Tauschbörse und Lagerverkauf entstanden, hat sich „Flight 13“ auf Punkrock und Indipendent spezialisiert. Die Besitzer rühmen sich damit, jede Schallplatte auf dieser Welt besorgen zu können – ihr Vinyl beziehen sie nicht von Großhändlern, sonder haben selbst ein internationales Netzwerk aufgebaut. Adresse: Stühlingerstr. 15, 79106 Freiburg Homepage:flight13.com Angebot: Punk, Indie, alles, was lieferbar ist
Soundcircus Ulm Vinyl ist tot? Nicht im SOUNDCIRCUS. Dort sind Schallplatten noch Standard, ob neu oder second-hand. Viel Indie, Drum’n’Bass, Reggae , Hip-Hop – kaum Sachen, die man auch in Drogerien findet. Einer der Plattenladenbesitzer, Martin Lindner, war übrigens Manager der "Kinderzimmer Productions". Adresse: Frauenstraße 40, 89073 Ulm
Rockstore Essen Seit dem 2. April 1976 Jürgen Krause verkauft er in Essen-Steele Tonträger aller Art. Auch 32 Jahre später pflegt er seinen „Rockstore“ noch. Bei Jürgen Krause wird über Platten noch diskutiert – und er rät auch ab und zu vom Kauf ab. Auf der Internetseite gibt es „Jürgens Tipps“. Ganz oben auf seiner privaten Liste: Die „Drive-By Truckers“-Scheibe „Brighter than Creation’s Dark“. Und die Ärzte-Single „Lied vom Scheitern“. Adresse: Grendplatz 7, 45276 Essen Homepage: rockstore-essen.de Angebot: Audiophiles Vinyl, LPs und CDs fast aller Stilrichtungen
Mono München In einem relativ verlassenen Eck von Haidhausen befindet sich der "Mono". Ein Plattenladen, wie er sein muss: viel Neues, viel Altes, viel zum Herumstöbern. Und weil der Besitzer weiß, wie man seine Stamm-Kunden an der Stange hält, gibt es regelmäßig zeitlich beschränkte Preisnachlässe auf alles im Laden. Immer zu so netten Anlässen, wie: "Heute spielt Bayern gegen die 60er - 20 Prozent auf alles". Adresse: Breisacher Str. 21, 81667 München Homepage: - Angebot: Vinyl und Cds gebraucht und neu, Indie, Country, Blues und Soul
Downtown Records Berlin Der Laden ist zwar klein, hat aber so viele Schätze, dass man darin Stunden verbringen kann. Keine Angst vor den teilweise recht hohen Preisen - normalerweise gibt es an der Kasse noch einmal recht ordentlichen Rabatt, ohne dass man handeln muss. Adresse: Brunnenstr.186 10119 Berlin Homepage: downtownrecords-berlin.de Angebot: Viel Soul, Blues, Jazz, Country, einige neue Platten, aber hauptsächlich gebraucht.

Text: christina-waechter - Mitarbeit: wlada-kolosowa, andreas-ernst; Bild: dpa

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