Eigentlich sollte niemand erwachsen werden

Zum Tod von Adam Yauch, alias MCA von den Beastie Boys: ein Text von Max Scharnigg aus dem Jahr 2011.
max-scharnigg



http://www.youtube.com/watch?v=8U0t4Mti494


„Die Jungs sind der Maßstab für alles, was cool ist.“  So stand es in der Unterüberschrift über einen Beastie Boys Text, geschrieben von Christian Seidl im Februar 1995 im, ja genau, jetzt–Heft. Es ist einer der Texte, die mir in Gänze in Erinnerung geblieben sind, über die ganze lange Zeit, nicht weil er so brillant oder unerhört gewesen ist, sondern weil ich damals beim Lesen das innige Gefühl hatte, der Schreiber weiß nicht wohin mit seiner Liebe und Verehrung für diese drei Jungs und als letzten Ausweg, schreibt er sie nun auf. Ein schöner Beweggrund für einen Text, ein schöner Text.

Wie jeder gute Text, hat er auch etwas bewirkt, hat die Beastie Boys in mein Leben geschleudert, schließlich funkte aus jeder der 171 Zeilen damals die Botschaft: Ohne die verschwendest genau du gerade deine Jugend.
Ich war 15 geworden, noch ohne Internet und deswegen verlief die Annäherung noch ziemlich langsam und analog, beim nächsten Stadtausflug ging es zum CD-WOM in die Sonnenstraße und „Licensed to ill“ wurde gekauft. Daheim habe ich geschockt festgestellt, dass die Platte ja schon sieben Jahre alt ist. Trotzdem gehört. Wieder gehört. Alles brennend neu empfunden. Die Beastie Boys, das ahnte ich da vielleicht schon, würden mir jetzt alles beibringen, was die nächsten Jahre wichtig war: Alles was mit Turnschuhen, Bierdosen, Skateboards, Stüssy-T-Shirts und dem Demolieren von Briefkästen zusammenhing. Alles, was einen als pubertierenden Junge umtrieb, alle Wahrheit, die einem sonst keiner sagte, steckte in dieser Musik, die ja eigentlich eine komische Sache war. HipHop irgendwie, den wir eigentlich nicht hörten, aber eben auch mit Rockgitarren, auch Samples und Synthiesounds. Wild, modern, uralt. Die wichtigste Botschaft steckte in dieser Mischung: Scheiß drauf, was genau es ist, Hauptsache es macht dir Spaß und die Drecksäcke bleiben weg. Hauptsache, du bist in Bewegung. So etwa klang das.


Der Kollege Dominik Schottner hat neulich auf Facebook einen guten Gedanken dazu geschrieben, in dem er nämlich feststellte, dass er zwar jeden Fitzel von den Beastie Boys besäße, aber sie seltsamerweise niemals als Lieblingsband in Erwägung ziehen würde. Ich glaube, das liegt einfach daran, dass der unverwechselbare Sound der drei, ihre Kumpelfreundschaft, die Würfel ihres Grand-Royal-Labels und ihre Videos uns zusammen viel wichtiger waren als nur Musik zu sein. Sie waren wie die drei älteren Brüder in Brooklyn, die wir alle nicht hatten, aber es war nicht sehr schwer, sie uns in dieser Rolle vorzustellen. Sie hatten ja nichts Abgehobenes, standen in unserer Vorstellung nie auf der Bühne, sondern hockten mit zu weiten Hosen auf der Gehsteigkante, wie auf dem "Check Your Head"-Cover. Ihre Bewegungen wurden unsere Bewegungen, das durch die Straßen ziehen, das sinnlose Rumhängen an Orten jenseits des Kinderzimmers, das Scheißmachen, das transportierten sie so direkt in unser harmloses Nest irgendwo hinter München, dass wir es nicht nur nachahmten, nein, es wurde irgendwann zu unserer eigenen Jugend.


Alles, was dabei passierte, war irgendwie BB-proofed und das galt für weite Teile der Popkultur. Das Jackass-Prinzip, das wenig später von MTV verbreitet wurde war genauso ihr Einfluss, wie die Fantastischen Vier oder eher noch Deichkind und überhaupt das Prinzip Crossover, das die zweite Hälfte der 90er bestimmte. Wir kannten es schon längst. Die Beastie Boys pulsten ihre urbane Lümmeligkeit durch zwei Jahrzehnte und sie strahlt bis heute, wo Menschen wie Spike Jonze oder Sofia Coppola aus der alten BB-Clique diese Kultur in den Feuilletons der Erwachsenen verankert haben.

Jetzt haben sie wieder ein neues Album gemacht und es fühlte sich seltsam an, in den letzten Wochen - sollte man sich darauf freuen? Tatsächlich hatte ich jahrelang gar nicht mehr an die BB gedacht, war auch nicht nötig, man denkt ja auch nicht an sein Knie, man hat es ja immer dabei. Aber würden sie jetzt, wie so viele andere Bands mit ihrem Spätwerk, mit einem neuen Album doch nur klarstellen, dass es vorbei ist? Dass ihr Zauber eben auch nur einer der vielen Zauber der Jugend war, von dem ich mich endlich zu verabschieden hatte, wie ich mich nach und nach von so vielen T-Shirts, Postern, Fotos und Schätzen aus jener Zeit schon verabschiedet habe? Es wäre nicht mal ihre Schuld gewesen, sondern meine, weil ich ja nicht mehr 15 bin.

Das Komische, das wirkliche Wunder, aber ist, dass nichts dergleichen passierte.
 “Yes, here we go again, give you more, nothing lesser, back on the mic is the anti-depressor” Mit dieser ersten Zeile auf „Hot Sauce Comitee Part 2“ war alles wieder da und es fühlte sich so gut an wie 1995. Nämlich genau so:  

http://vimeo.com/23094387

Auch wenn in diesem Video nicht die Beastie Boys im Bild randalieren, sondern unter anderem der Schauspieler Elijah Wood, ist das doch wieder exakt der alte Schalter der gepusht wird. Das ganze Album ist so, es will nichts und gewinnt alles, müht sich nicht mit Annäherung an die Gegenwart, mit Rechtfertigung oder anderen Umständen. Die Platte fliegt, scratcht, knallt und irgendwas rechts vom Bauch, ein geheimes Organ, das ziemlich lange ruhig war, flüstert beim Hören: Kick it! Gleichzeitig ist dieses Werk trotzdem das, was man 1995 offenbar noch ganz unironisch cool genannt hat. Sagt man heute authentisch? Es ist modern und gar nicht nostalgisch. Wie kann das sein? Wie können 45-Jährige Jungs den 30-jährigen Jungs das Gefühl vermitteln, alles was in der Zwischenzeit geschehen ist, das ganze verdammte unlustige Weltgeschehen plus individuelles Erwachsenwerden wäre nur ein Werbeblock zwischen zwei Beastie-Boys-Videos gewesen? Ich kann das rational nicht erklären und vermutlich empfinden die heute 15-Jährigen auch anders. Ich kann nur mit Sicherheit sagen, dass ich keine Band kenne die seit 30 Jahren zusammen ins Mikrofon albert und sich dabei kaum von der Ideallinie entfernt hat, immer traumwandlerisch sicher am Zwang vorbei, aber niemals am guten Gefühl. Natürlich funktioniert das auch nur in einer Gesellschaft, in der das Jungsein nichts mehr mit dem Alter zu tun hat, sondern ziemlich lange als Option zur Verfügung steht, etwa genauso wie Vegetarierer zu werden oder aus der Kirche auszutreten.

Lustigerweise haben das die Beastie Boys auch schon miterfunden, diese ewige Jugend. Schon 1995 schrieb Seidl jedenfalls „B-Boys das steht für Jungs, die 24 sind, 48 oder von mir aus auch 105 – aber in Wirklichkeit niemals älter werden als 14.“ Das neue Album ist nichts anderes als ein Beweis dafür, eine selbsterfüllende Prophezeiung. Und es macht unendlich Lust auf diesen Sommer, den wir jenseits vom Kinderzimmer verbringen werden.

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