Eigentlich sollten wir pubertär werden: Die Bravo ist 50

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

So würde die Redaktion des Magazins „Bravo“ diesen Text beginnen. Bravo wird am Samstag 50 Jahre alt, versteht sich aber als so jung wie nie, und deshalb schreibt Bravo in seiner aktuellen Ausgabe: „Es ist eine ganz besondere Woche! Wir haben Geburtstag! Bravo wird 50 Jahre! Ja, Wahnsinn! Am 26. August 1956 erschien die allererste Bravo! Damals noch als Zeitschrift für Film und Fernsehen!“

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Bravo mit 0 Jahren, Bravo mit 50 Jahren Die Themen der Jubiläumsausgabe sind: „Erwischt: Nacktalarm bei den Killerpilzen!”, „Lafee: Mein neues Leben nach der Schule!“, „Eminem: Drama um seine Mutter!“ sowie „Bills wilde Seiten! One-Night-Stands! Schluss per SMS!“, und wer jetzt schon keine Ausrufezeichen mehr sehen kann, ist wahrscheinlich zu alt für die Bravo. Schade. Im Heft geht es nämlich um Geschichten wie „50 Cent: Locht perfekt ein!“, „Fergie: Wow! So heiß rockt sie solo!“, „Saad: So lebt der harte Rapper!“, „Stars und ihre tierischen Doppelgänger!“, „Meine Brüste sind viel zu klein!“ und „So machst Du richtig Schluss!“, und wer jetzt böse lacht, ist mit Sicherheit zu alt für die Bravo. Schade. Es ist leicht, sich über die Bravo lustig zu machen, über die immer gleichen schlechten Witze unter der Überschrift „Voll witzig!“, über die immer gleichen „Exklusiv!“-Interviews zur Frage „Wie sind Tokio Hotel wirklich?“, die immer gleichen „Wie oft darf ich onanieren?/Was ist Ausfluss?/Wie funktioniert die Pille?“-Fragen bei Dr. Sommer und die immer gleichen Enthüllungsstorys der Art „Ayayay! Lucry als Ladendieb abgeführt! (Dabei hat er nichts gemacht!)“, bei denen man sich fragt, ob in der Bravo-Redaktion eine übermannsgroße Streudose neben dem Schreibtisch von Chefredakteur Tom Junkersdorf steht, da sind die Superlative drin und ein Zentner Ausrufezeichen, und wenn alle mit ihren Geschichten fertig sind bei Bravo, dann kommt der Chef und salzt das Heft mit der Streudose noch mal richtig ein, bis alles so klingt wie auf Seite 16: „Wütend! Hilflos! Der Verzweiflung nahe! So fühlte sich Rapper Lucry als er letzte Woche einen Elektrofachhandel in Berlin besuchte! Denn er wurde wie ein Dieb behandelt: Vom Sicherheitspersonal abgeführt und festgehalten! Gemein!“ Es ist sogar sehr leicht, sich über die Bravo lustig zu machen. Vielleicht muss man 13 sein, um die Bravo lesen zu können. Vielleicht muss man sich aber auch nur daran erinnern, wie man selbst mit 13 war und einmal nackte Mädchen sehen wollte, ohne dafür beim Zeitungsaustragen den Altpapiercontainer nach den alten „Praline“-Ausgaben des Sonderlings von nebenan durchsuchen zu müssen, als man wirklich dringend wissen wollte, ob der eigene Schwanz bei einem Scheidenkrampf der Freundin unrettbar eingezwängt werden kann, obwohl man noch gar keine Freundin hatte, und als man ganz genau wusste, weder das eine noch das andere mit seinen Eltern oder irgendeinem anderen Erwachsen besprechen zu können, also allen ab 15. In dieser Zeit tut die Bravo gut, trotz des ganzen Schrotts, der außer Dr. Sommer und dem nackten Bravo-Girl bzw. Bravo-Boy drin ist, die jetzt übrigens „that´s me 2006“ heißen. Vielleicht ist „Bravo“ einfach der „Playboy“ für die 13-Jährigen: Wer sagt, er kauft sie sich nie, höchstens mal selten, aber nur wegen der guten Geschichten, der lügt. Herzlichen Glückwunsch zum Fünfzigsten, Bravo. Fotos: dpa

  • teilen
  • schließen