Ein bisschen Blingbling

Lange gab es Glitzer immer nur da, wo kleine Mädchen und ihre Spielsachen waren. Jetzt ist er im Alltag angekommen. Warum eigentlich?
nadja-schlueter

Früher, als Studi VZ-Gruppen noch wichtig waren, gab es eine, die „Es glitzert, es ist sinnlos, ich will es!" hieß. Mitglieder der Gruppe waren hauptsächlich Mädchen und zwar nicht nur solche, die wie Püppchen aussahen, sondern auch welche mit Geschmack. „Huch", hat man da gedacht, „wo kommt das auf einmal her? Glitzer war doch immer nur an Barbie-Pferden dran und auf Kinderfingernägeln drauf? Wieso wird der jetzt von halbwegs erwachsenen Menschen gemocht?"

Irgendwie hat sich das also damals schon angebahnt, dieses Glitzer-Ding. Damit, dass man Glitzer gut fand und das ein bisschen ironisch meinte. Und dass man auf dem weiblichen Rollenklischee („Glitzer ist für kleine Mädchen") herumritt, um sich davon zu befreien. Als nächstes kamen dann die Elektro-Kids mit der Glitzerschminke, die sie sich vor allem um die Augen herum und an den Schläfen künstlerisch verteilten. Auch die Jungs haben mitgemacht. Erst irgendwo in den Berliner Clubs, dann auf sämtlichen Festivals. Das sollte wahrscheinlich ausgefallen und trashig sein, ein bisschen Achtziger und auch ein bisschen verspielt. Immerhin ist Glitzer ja etwas, auf das viele Kinder total stehen, und damit ein super Statement gegen das Erwachsensein und für die Jugend. Die ist im besten Fall nämlich selbst wie Glitzer: bunt und wild, in jeder Sekunde, mit jeder Bewegung sieht sie anders aus, sie schillert und blinkt.



Über die ehrlich und die ironisch begeisterten Mädchen und das Partyvolk hat sich der Glitzer mittlerweile (seiner seltsamen Eigenschaft entsprechen, auf einmal überall zu sein, obwohl man ihn eigentlich nur an einer einzelnen, ganz kleinen Stelle aufgetragen hat) auf das ganze Leben verteilt. Immer wieder stößt man auf Do it Yourself-Anleitungen, in denen es heißt, ein bisschen mehr Glitzer im Leben habe noch keinem geschadet/mache glücklich/müsse einfach sein, und die einem helfen, dieses Ziel zu erreichen. Vor wenigen Tagen erst wurden auf BuzzFeed „43 DIY Ways To Add Some Much-Needed Sparkle To Your Life" veröffentlicht, eine Sammlung funkelnder Basteltipps. Und die sind nicht alle für die rauschende Partynacht gedacht, sondern auch für Montag oder Mittwoch oder den Geburtstag eines lieben Freundes. Wenn man Schubladen aufmachen möchte, wären das hauptsächlich diese: Glitzer an Geschenken, Glitzer an Wohnaccessoires und Glitzer an Kleidung.

Aber warum soll da jetzt überall Glitzer dran sein? Bei den Geschenken ist die Frage wahrscheinlich am einfachsten zu beantworten: Glitzer passt, wie Konfetti oder Luftballons, einfach gut zu Geburtstagen. Geburtstage sind nämlich die Tage im Jahr, an dem am ehesten Referenzen auf Kindertage gemacht werden, mit all dem Schokoguss, den Kerzen auf dem Kuchen und den „Happy Birthday"-Girlanden. Bei den Wohnaccessoires hat es wohl mit dem Wunsch nach kreativer Deko zu tun. Weingläser sind eben nicht so leicht zu individualisieren, mit so ein bisschen Glitzer um den Kelch geht es aber recht schnell und dass der Effekt größer ist als der Aufwand, kann man nicht leugnen. Sieht halt gleich edler aus, das Glas.

Das Edle und Ausgefallene mit einfachen Mitteln erreichen zu können, ist wahrscheinlich auch der Grund für den Glitzer an der Kleidung. Der „Glamour" heißt ja nicht umsonst so und hat viel mit Auffallen zu tun. Aber mit einer eleganten Art von Auffallen, mit diesem kurzen Schillern und Aufleuchten der Person, wenn man sie das erste Mal anschaut. Das kann man von der metaphorischen ganz leicht zurück auf die unmittelbar wahrnehmbare Ebene heben, wenn plötzlich eine Brosche oder ein Ärmelumschlag schillert. Oberste Prämisse bei all den DIY-Tipps scheint dabei zu sein, sparsam mit dem Gefunkele umzugehen, damit es nicht stillos und doch wieder Barbie-Pferde-mäßig wird. Nur die Schuhe, der Kragen, das Haarband oder der Rahmen der Sonnenbrille sollen funkeln. Manche gehen sogar einen Schritt weiter und bringen die Stellen der Kleidung zum glitzern, die die rausten und vernachlässigtsten Körperregionen bedecken, zum Beispiel die Schuhsohlen oder die Ellenbogen am Pulliärmel. Glitzer da, wo keiner ihn erwartet – und nur da!

Früher, als es die Glitzer-Studi-VZ-Gruppe gab, musste man befürchten, dass der Glitzer am Ende großflächig überall verteilt wird. Zum Glück ist das nicht passiert. Sondern er ist bei bastelwilligen Menschen angekommen, die ihn sich unter die Schuhsohlen streichen oder einfach nur Dinge damit bestäuben, die sie nachlässig in die Tasche werfen (Schlüssel zum Beispiel). Das ist schön. Denn ein ganz, ganz kleines bisschen Glitzer im Leben hat tatsächlich noch niemandem geschadet.

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