Ein bisschen NSA spielen

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Wolfie Christl wirkt etwas mitgenommen. Die vergangenen zwei Tage waren für den Programmierer eine Achterbahnfahrt. Die Umsetzung der von ihm mit entwickelten Vollversion des Spiels "Data Dealer" stand kurz vor dem aus. Die 50.000 Dollar, die notwendig waren, um das Projekt zu realisieren, erschienen unerreichbar weit entfernt. Bisher war nur eine Demoversion des Spiels erhältlich. Über die Crowdfunding-Plattform kickstarter.com hatte das Team von "Data Dealer" mehrere Wochen lang versucht, Geld zusammenzukratzen, um im Oktober dann die Endversion veröffentlichen zu können. Das lief aber eher schleppend. Christl rechnete schon damit, dass das Spiel nicht mehr erscheinen würde. In den vergangenen zwei Tagen kamen dann aber plötzlich doch noch genug Spenden zusammen. Das Spiel ist gerettet. 



Mit dem Projekt "Data Dealer" will Christl zeigen, wo man überall seine Daten hinterlässt und was mit ihnen alles geschieht. Der Spieler schlüpft dafür in die Rolle des gierigen Datenhändlers. Gegen Geld bekommt man Daten – so die einfache Formel des Spiels. Im Laufe des Spiels entstehen so lukrative Deals, zum Beispiel mit und Bahnunternehmen, Versicherungsanstalten oder Burnout-gefährdeten Krankenschwestern. Der Datenhändler kann aber auch in Online-Singlebörsen, Kundenkarten von Supermärkten und Gewinnspiele investieren. All das sind gute Wege, um haufenweise sensible Daten, wie etwa politische Orientierung, Krankheiten oder Einkommen, zu sammeln. 

Für das Spiel haben die Entwickler lange recherchiert – die Beispiele darin kommen aus der Realität. Dem Team von "Data Dealer" ist Aufklärung wichtig, der Plan ist, dass Data Dealer irgendwann auch in Schulen zum Einsatz kommen soll. "Data Dealer" will aber nicht mit erhobenem Zeigefinger Datenmissbrauch ankreiden, sondern lieber auf humorvolle Weise ein kritisches Bewusstsein schaffen.  

Bisher konnte das Spiel über Kulturförderungen gesichert werden. Doch das knappe Budget war bald verbraucht, für die Spielentwickler selbst blieb dabei so gut wie nichts übrig. „Data Dealer" ist ein Vollzeitprojekt. Wir müssen alle irgendwie unsere Mieten zahlen“, schildert Christl die prekäre Situation der Spielemacher. „Allein schon eine Aktion auf kickstarter.com ist ein 24-Stundenprojekt, da muss man sich ein Monat lang ununterbrochen darum kümmern", so Christl.  

Wenn man das mediale Interesse an „Data Dealer“ beobachtet, kann man sich eigentlich schwer vorstellen, dass es bis zuletzt finanziell zu kämpfen hatte. Als die englische Demoversion des Spiels vor zwei Monaten online ging, flatterten auch prompt Anfragen unter anderem von Fox News, der New York Times und Washington Post herein und das Spiel gewann den renommierten Preis „Games for change“. „Das Feedback war extrem gut und kam aus allen möglichen Richtungen. Vom Bereich Datenschutz bis hin zur Medienpädagogik war alles dabei“, erzählt Christl.  

Für den internationalen Durchbruch von „Data Dealer“, spielte das Timing sicherlich eine wichtige Rolle: „Das war schon ein lustiger Zufall, dass die Skandale rund um die NSA drei Tage nach unserem internationalen Release aufgedeckt wurden“, schmunzelt Christl. Das habe dem Spiel zusätzlich genützt und für noch mehr mediale Beachtung gesorgt. „Es war aber auch eine Herausforderung, denn wir mussten in sehr kurzer Zeit vieles am Spiel ändern“ meint Christl. Von Beginn an war es nämlich Anspruch von "Data Dealer", möglichst nahe an der Realität zu bleiben. Aktuelle Entwicklungen, wie etwa eine neue dubiose Facebook-Policy oder eben die NSA-Überwachung, sollen wie in einem  Live-Ticker in das Spiel eingebaut werden. Jetzt spielen in „Data Dealer“ nicht mehr nur Unternehmen, sondern auch der Staat eine Rolle.

Text: simone-groessing - Fotos: privat / Screenshot

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