Ein Brief an Angie

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Liebe Angie,  

so einen Gipfel wie das G20-Treffen, für das du extra nach Mexiko gefahren bist, stelle ich mir echt anstrengend und nervenzehrend vor. War wahrscheinlich auch frustrierend, dass die anderen G20er gesagt haben, dass wir Mit-dem-Euro-Bezahler unsere Krise mal schön selbst in den Griff kriegen sollen. Ich hoffe, du konntest dir dann gestern Abend wenigstens mal eine Margarita gönnen. Finde persönlich ja auch, dass die besser schmeckt als so ein Caipi. Was die Drinks angeht, kann ich also schon verstehen, dass du lieber nach Mexiko geflogen bist und morgen nicht auch noch nach Brasilien zum Rio+20-Gipfel musst. Aber möglicherweise trinken dein Teppich- und dein Twitterminister, die du an deiner Stelle schickst, ja gerne Caipirinha.

  

Ansonsten habe ich leider wenig Verständnis für deine Prioritätensetzung. Ist es tatsächlich wichtiger, den Euro zu retten als die Erde? Es gibt da doch diesen Indianerspruch: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“ Kennst du den? Womöglich nicht, der war ja eher in den 80ern populär, damals klebte der im Westen als Sticker auf sehr vielen Autos und stand in jedem Poesiealbum. Auch in meinem. Ob der wohl auch bei dir im Osten populär war? Vielleicht ja nicht.   

So kitischig der Spruch ist, so wahr ist er: Geld kann man nicht essen. Das Klima zu retten erscheint mir im Zweifel wichtiger als den Euro. Aber deiner Meinung kann sich der Planet offenbar noch eine Weile gedulden, die x-te Neuauflage der Finanzkrise ist erstmal wichtiger. Schon klar, in Rio werden wahrscheinlich wieder keine echten Fortschritte für den Klimaschutz erzielt. So hast du ja auch deine Absage begründet. Allerdings sagen das fast immer alle vor einem Gipfel. Beim Rio-Treffen vor 20 Jahren war das ja auch so. Und manchmal erreicht man am Ende trotzdem etwas. In Sachen Umwelt- und Klimaschutz ist seit dem ersten Riogipfel tatsächlich nicht viel Positives geschehen, in der Entwicklungspolitik, die auf dem Gipfel damals wie heute ebenso eine Rolle spielt, schon. Vielleicht könnte man diesmal also auch ökologisch was reißen. Du versuchst es aber nicht einmal. 

Erinnerst du dich? Du warst mal die Klimakanzlerin! Du hast mit Siggi Gabriel in roten Jacken vor einem schmelzenden Gletscher in Grönland posiert. War wohl wirklich nur Pose. Schon seit Längerem wird dein Spitzname nur noch in Gänsefüßchen vor deinen Namen gestellt. So richtig konsequent war dein Einsatz für Umwelt und Klimaschutz ja ansonsten nicht.  

Überhaupt konnte ich mit deiner Politik nie sonderlich viel anfangen. Dafür bist du einfach in der falschen Partei. Dennoch war ich auf der menschlichen Ebene immer ein echtes Angie-Fangirl. Ich mochte dich von Anfang an. Ein bisschen vielleicht auch aus Frauensolidarität, weil damals immer alle über deine Frisur gelästert haben. Vor allem aber, weil du so eine ruhige, vernünftig-sachliche Art hast. Eben so, wie man es von jemandem erwartet, der aus der Wissenschaft kommt. Ich finde es gut, dass du dich nicht als Volkstribun gerierst und auch niemandem vormachst, dass man als Politiker immer seine Maximalforderungen durchsetzen kann, sondern Kompromisse machen, verhandeln und taktieren muss. Ich habe deshalb nie verstanden, warum dir immer vorgeworfen wird, dass du eine Opportunistin seist und eine eiskalte Machtpolitikerin. Real existierende Demokratie halt.  

Jetzt muss ich allerdings feststellen: Du bist nicht so vernünftig, wie es mir immer vorgekommen ist. Dass wir in tagespolitischen Fragen andere Dinge vernünftig finden, hat mich ja nie überrascht. Aber wenn es um das große Ganze, unsere Erde, geht? Ich werde pathetisch, das magst du wahrscheinlich nicht, und ziehst jetzt so eine säuerliche Miene, wie es nur du kannst, und faltest deine Hände auf diese deine einmalige Art.

Wenn ich so darüber nachdenke, frage ich mich auch, ob nicht mein Glaube an dich als vernünftige Politikerin schon länger aussortiert gehört hätte. Wahrscheinlich hat er sich nur gehalten, weil du so einem ausgemachten Dilettanten-Kabinett vorstehst, das die Sache mit dem Regieren einfach nicht hinbekommt. Darüber hab ich dann wohl einfach so Unglaubliches verdrängt wie, dass du zum Beispiel K. T. in der Doktorarbeitsaffäre zunächst in Schutz genommen hast, du habest keinen wissenschaftlichen Assistenten berufen.  

Wenn jemand, den man mag, einer Einladung nicht nachkommt, dann ist das zwar schade, aber eigentlich keine Riesensache. Dass du aber der Einladung nach Rio nicht folgst, das ist für mich schon eine Riesensache. (Obwohl ich gar nicht die Gastgeberin bin.) Weil ich plötzlich gemerkt habe, dass du offenbar doch nicht so vernünftig bist, wie es mir immer vorgekommen ist. Früher hätte ich gesagt: Du bist das einzige aktuelle Regierungsmitglied, mit dem ich mich gerne mal betrinken würde. Heute kann ich nur noch sagen: Schlürf deine Margarita ohne mich.  



Text: veronique-schneider - Illustration: Torben Schnieber

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