Ein Tag für die Liebe: vier Strategien am Valentinstag

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Strategie 1: Vergessen

Anfällig dafür Jungs, die mindestens zwei Jahre in einer Beziehung sind oder Jungs, die noch nicht mal zwei Monate in einer Beziehung sind. Außerdem Frauen in Businesskostümen, gefragte Hollywoodstars und manische Fußballfans. Davor Der Vergesser ahnt nichts, als sein Partner anruft und ihn in der Stadt treffen will. Arglos läuft er durch die mit Herzen dekorierte Stadt, vorbei an tausend glücklichen Schwanenpärchen und denkt immer nur an die Bilanzen. Am Treffpunkt rennt er dann in einen Blumenstrauß von der Größe eines Bernhardiners. Darin stecken Kinokarten, dahinter steht eine zu Tränen gerührte, schwer verliebte Person – die aber trotz aller Rührung sofort registriert, ob ihre Liebesbezeugung eine angemessene (also: vorbereitete) Erwiderung erfährt - oder nicht. Typischer Satz „Äh, ich, ist heute…bist du etwa,…ach ja, jajaja Valentin, natürlich, hab mir extra noch eine Notiz in meinem iPhone gemacht.“ Wie ist vorzugehen Profis und nebenberufliche Soap-Darsteller brechen nicht komplett unter der Last des Vergessens zusammen, sondern pokern hoch: Nehmen den Blumenstrauß gnädig in Empfang, umarmen die Aufgelöste und flüstern dabei in ihr Ohr „Warte erst mal auf mein Geschenk.“ Oder noch dreister „Ich war mir sicher, du hättest es vergessen!“ Danach sind sie allerdings in schwerer Bringschuld und sollten dringend demnächst auf die Toilette, um dort zu telefonieren und mindestens den Heißluftballon-Transfer zum Mitternachtsdinner klar zu machen. Für’s nächste Mal Notiz ins iPhone, und zwar schon einen Tag früher. Auf der nächsten Seite: Der Valentinstag als Mondlandung


Strategie 2: Überbewerten

Anfällig dafür Zwei Schwerverliebte, denen immer noch der kleinste Anlass reicht, um sich gegenseitig anzuschmachten. Aber ein Anlass sollte es eben schon sein, zum Beispiel Monatsjubiläen, Namenstage, Momente, in denen „ihr Lied“ im Radio gespielt wird, etc. Davor Der Valentinstag wird vorbereitet wie eine Mondlandung, und zwar schon kurz nach dem Nikolaustag. Dabei einigen sich beide zunächst auf eine gemeinsame Liebes-Unternehmung und planen extra natürlich jeder noch eine Überraschung für den anderen, die sich im besten Fall mit der Unternehmung verknüpft. Im Normalfall ist das ein Ausflug zu dem Musical, das im ersten Jahr ihrer Liebe uraufgeführt wurde (und bei dem sie schon viermal waren). Eigentlich wollten sie dazu bei Verwandten übernachten, die in einer Neubauwohnung 60 Kilometer entfernt von der Musical-Metropole wohnen. Aber dann mietet sie heimlich die Liebessuite „Venezia“ in einem Stadthotel, während er heimlich einen kultigen VW-Beetle ausleiht, weil sie den so liebt. Auf der Fahrt ins Valentins-Wochenende hören sie selbstgebrannte Kuschelhits, aber er darf auch mal „was Härteres“ reinlegen, also HIM. Typischer Satz „Bärli krass schau mal, die haben sogar echte Rosenblätter auf die Tagesdecke gestreut, komm’, lass dich dafür noch mal ganz feste drücken, du!“ Wie ist vorzugehen Das Liebeswochenende wird natürlich eher eine Katastrophe: Es regnet ununterbrochen, er hat auf seinem cremefarbenen Anzug einen Schokokeks-Fleck, sie hat dafür im Hotel „total trockene Haut“ gekriegt und deswegen einen pfundigen Ausschlag im Dekolleté. Deswegen müssen beide erst noch die ganze Stadt nach einer geöffneten Apotheke absuchen, kommen zu spät zum Musical und kriegen den kostenlosen Prosecco nicht, der noch dazu gehört hätte. Trotz dieser ganzen Pannen ist es unbedingt wichtig, dass sich die beiden alle zehn Schritte spontan umarmen und beim Sex auf den herzförmigen Bett enorme Mühe geben - also auch mal so länger am Knie des anderen rumstreicheln oder kurz aufstehen und aus dem Fenster schauen und dann weitermachen. Für’s nächste Mal Einfach mal abwechseln, wie wäre es zum Beispiel mit dem Besuch eines Freilichtbauernhofs oder einem Mitmach-Gutschein beim Domino Day?


Strategie 3: Nur ne Kleinigkeit

Anfällig dafür Liebesmäßige Normalverbraucher, die eine Ahnung haben, dass ihre Beziehung ein bisschen Nettigkeit vertragen könnte – oder gar etwas Romantik? Und was ist romantischer als eine kleine Aufmerksamkeit, im beidseitigen Bewusstsein geschenkt, dass man es nicht wegen Valentin, sondern einfach so macht? Außerdem anfällig: Paare, die sich verkracht haben, die gerade noch mal einen neuen Anlauf wagen, Paare die noch gar keine sind, aber zumindest teilweise Bock drauf hätten. Davor Beide versichern sich mehrmals laut, dass demnächst Valentinstag ist und schweigen dann kurz - um sich später darin zu bestätigen, dass man deswegen „nichts Großes“ machen werde. Insgeheim rattern natürlich die Überlegungen, wie man den anderen gleichzeitig originell, wertig und trotzdem mit einer Kleinigkeit umwerfen könnte. Da es das perfekte kleine Geschenk nicht gibt, tendieren beide zu Konglomeraten, also Blumen plus kleines Geschenk plus Süßigkeiten plus Abendessen, etc. Typischer Satz „Wahnsinn, was die Rosen am Valentinstag kosten, dabei sind die doch alle gespritzt, ich habe jetzt mal einen Strauß Tulpen genommen, die magst du doch eh lieber, oder?“ Wie ist vorzugehen Obwohl man vorher ausmacht, dass man sich keine Blumen schenkt (die Preise! die Umwelt!), ist es unbedingt wichtig, dann doch eine Blume zu haben. Denn nichts ist umwerfender, als eine kleine Unvernunft und Sünde für den anderen zu begehen. Man sollte aber grundsätzlich wissen, dass man mit der Kleinigkeiten-Strategie sowieso direkt in die spießige Falle läuft, die sich die Gründer des Valentinstags ausgedacht hatten. Für’s nächste Mal: Einen fetten Platinring von Tiffany’s kaufen und „Kleinigkeit“ eingravieren lassen.


Strategie 4: Verachten

Anfällig Taz- Abonnenten und andere aufgeklärte Menschen des 21. Jahrhunderts, die wissen, wo der Hase mal besser nicht laufen sollte, wenn er sich nicht internationaler Verdummung, geschändeter Nachhaltigkeit und missachteter Rationalität schuldig machen möchte. Davor Abfälliges Lachen über die Dekoration in den Blumengeschäften, scharfsinnige Analyse von Valentin-Werbespots inklusive Abwatschung des Mythos’ Valentinstag, der ja bekanntlich nur lanciert wurde um…, etc. Je näher der Tag rückt, desto hysterischer wird die beidseitige Missachtung dieses Datums. Man versucht, sich gegenseitig im Nichtbeachten sogar zu übertrumpfen, legt zum Beispiel extra auf dieses Datum den seit Jahren aufgeschobenen Besuch bei der Ex-Freundin oder die Weisheitszahn-Ziehung. Ha, von wegen Liebe! Typischer Satz „Hähä, hast du gesehen, jetzt sollen sich die Leute auch schon Parfüms und Unterhaltungselektronik zum Valentinstag schenken, tss, und die Industrie lacht sich ins Fäustchen!“ Wie ist vorzugehen Auch wenn sich beide einig sind, dass die gemeinsame Liebe nichts mit einem kommerzialisierten Gedenktag zu tun hat, kommt das Thema Beziehung dann doch unweigerlich auf den Tisch. Vielleicht hat sich einer der beiden zu abfällig über das Liebesgedöns und Beziehungen allgemein geäußert? Schon ist er da, der handfeste Krach, bei dem ab einem Punkt immer andere Familienmitglieder oder Nachbarn einbezogen werden: „Kann ja sein, dass du ihn reaktionär findest, aber der Pivo hat der Anne heute hundertpro mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als du mir in einem halben Jahr, du Menschenfeind, du Despotenarsch!“ An diesem Punkt empfiehlt sich beherztes Springen über die eigenen moralischen Schatten und schleuniges Ausführen der Erzürnten zum Mövenpick. Dort kann man beweisen, dass man auch mal Spießer spielen kann. Ist doch witzig, irgendwie. Für’s nächste Mal Mit Pivo und Anne „einfach so“ nach Belgien ans Meer fahren und dort die knutschenden Valentinspärchen mit Sand bewerfen. Später aber selber knutschen.

Text: fabian-fuchs - Illustration: Dominik Pain

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