Eine Show wie eine Entgleisung

Eine Talkshow im Stil des frühen Fernsehens soll Roche & Böhmermann sein. Tatsächlich geht das in jeder Folge daneben. Zum Glück, findet unsere Autorin und zieht zum Ende der ersten Staffel Bilanz.
therese-meitinger

"Roche und Böhmermann" ist ein seltsames Format. So viel steht nach den regulären Sendungen schon einmal fest. Laut Eigenwerbung will die Sendung „eine Talkshow im Stil des frühen Fernsehens, nur neu" sein. Und wer an den letzten Sonntagabenden in das abgedunkelte Studio schaltet, sieht tatsächlich einen großen Tisch, um den fünf illustre Gäste sowie Charlotte Roche und Jan Böhmermann sitzen. Es werden Getränke gereicht, man spricht in riesige Tischmikrophone und es gibt einen Ansager, der den Text zu den ultra-ironischen Vorstell-Einspielern vom Blatt abliest. Alles deutlich retro.

Doch was dann passiert, hat mit gediegener Abendunterhaltung wenig zu tun. Eher hat man das Gefühl, einer Sendung beim Entgleisen zuzuschauen – dauernd geht etwas schief. Farin Urlaub, zum Beispiel, ist in letzter Minute als Gast abgesprungen, weil er mitbekommen hat, dass im Studio geraucht und getrunken wird. Nichts für ihn. Die Gäste im Studio dagegen haben sich oft auch auf den zweiten Blick nicht viel zu sagen. Vor allem aber sind Charlotte Roche und Jan Böhmermann als klassische Talkshow-Moderatoren ein Totalausfall. Sie scheinen das Format nicht im Griff zu haben, stellen fahrige, schlecht vorbereitete Fragen und wechseln ständig das Thema. Wenn darüber ein Gast die Show an sich reißt, ist das irgendwie auch okay. So macht Henryk M. Broder zum Beispiel ausgiebig Werbung für sein Auschwitz-Buch, während die anderen längst ausgestiegen sind. Weniger profilierungswütige Gäste dagegen werden auch dann ignoriert, wenn sie Dendemann heißen und eigentlich viel zu erzählen haben. Aus seltsamen Gründen herrscht das Recht des Stärkeren bzw. Mitteilungsbedürftigeren. Wobei Böhmermann sich als wildgewordenen Streber mit Sparwitzen fleißig mitprofiliert. Roche ist zwar etwas abgeklärter, doch dass die Sendung so aus dem Ruder laufen muss, ist eigentlich klar.

Tatsächlich ist die Show so spektakulär aus den Fugen geraten, dass man trotz Katastrophe nicht weggucken kann. Doch das ist das Beste, was der Sendung passieren kann: Man fühlt sich sogar bestens unterhalten – schließlich geht die Sendung jedes Mal anders schief. Dafür sorgen zum einen die Moderatoren, denen man als Zuschauer über die Schulter schauen kann. Immer wieder sieht man Roche und Böhmermann beratschlagen, dass es „gerade" nicht so gut für sie läuft. Die Wiederherstellung der Talkshownormalität interessiert sie allerdings nur vordergründig, tatsächlich probieren eifrig dagegen an. So wird mal Grünkohl mit Pinkel serviert, ein anderes Mal können die Gäste per Knopfdruck Glitzer auf den Tisch regnen lassen.

Weil auch den Moderatoren irgendwann aufgeht, dass kein Gast so blöd ist, sich mit dem angebotenen Whisky in der Sendung die Kante zu geben, zieht sich Böhmermann demonstrativ Viagra rein. Dass danach die Sendung ruiniert ist – egal. Auch wenn solche Gimmicks oft nicht funktionieren: Sie sind 1 A-Stellschrauben in diesem Fernsehexperiment. Wie die Gäste auf die entgleiste Talkshow reagieren, ob sie mitspielen oder nicht, will man nämlich unbedingt wissen. Geben sie bei dämlichen Fragen so genervt kontra wie Kim Frank? Fangen sie an zu telefonieren wie Kim Gloss? Lassen sie wie Thees Uhlmann alles stoisch-freundlich über sich ergehen? Klaas Heufer-Umlauf und Das Bo springen kurzfristig als Moderatoren ein und wirken dabei wie die einzigen Erwachsenen im Studio.

Zugegeben: Alles Dinge, die die Welt nicht braucht, aber für eine Stunde prächtige Fernsehunterhaltung reicht es allemal. Und manchmal hat man auch das Gefühl, in einer zerfallenden Talkshow mehr über die Gäste zu erfahren wie in einer konventionellen. „Talkshows kann man nur mit Talkshows bekämpfen", hat Jan Böhmermann neulich bei „Markus Lanz" gesagt. Recht hat er. 

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