Julia ist gereizt. Eigentlich wollte die 22-Jährige nach ihrem Bachelorabschluss in Soziologie nur ein wenig ihren Schwerpunkt ändern. Es wirtschaftlicher angehen lassen „Bologna macht’s möglich“, dachte sie noch und durchforstete das Internet nach Masterangeboten. Was dort auf den ersten Blick interessant aussah, wurde ihr oft unter dem Menüpunkt „Bewerbung und Zulassung“ verdorben. Denn nur das Abschlusszeugnis einzuschicken, genügt heute nicht mehr. Stattdessen haben viele Unis sich im Rahmen von personalisierten Auswahlsystemen ihre eigenen Zulassungskriterien gestrickt. Besonders beliebt dabei: Persönliche Referenzschreiben von ehemaligen Professoren oder Chefs, in denen die Tauglichkeit des Bewerbers für den Studienplatz nachgewiesen werden soll. Zwar ist es grundsätzlich eine gute Idee, den Numerus Clausus nicht als einziges Kriterium für die Studienplatzvergabe heranzuziehen. Aber schon beim Verfassen von Motivationsschreiben hat Julia jedes Mal das Gefühl, sich wie Ware auf dem Wochenmarkt anpreisen zu müssen. Dabei bewirbt sie sich nur auf einen Studienplatz, nicht auf einen Job. Noch unangenehmer ist es für sie allerdings, ihre Professoren um die besagten Referenzschreiben zu bitten. „Ich habe mit 300 Leuten studiert – wie soll ich da dem Prof derart auffallen, dass er mir ein persönliches Referenzschreiben erstellen will?“, fragt sie zweifelnd.  


Masterbewerbungen sind hauptsächlich mit Aufwand für die Studenten und Professoren verbunden. Aber interessiert das überhaupt die Auswahlkommissionen?

Dass das Wörtchen „persönlich“ vor dem Referenzschreiben eigentlich inhaltsleer ist, zeigt der Blick hinter die Kulissen. Prof. Dr. Manfred Schwaiger ist Studiendekan der betriebswirtschaftlichen Fakultät der LMU München. Pro Monat stellt er fünf bis zehn Studenten ein Empfehlungsschreiben für Master- oder Stipendienbewerbungen aus. Wirklich kennen tut er die wenigsten davon. „Würde ich nur denjenigen ein Referenzschreiben ausstellen, die ich persönlich kenne, hätte ich weitaus weniger zu tun – aber wäre das nicht ungerecht?“, gibt der Betriebswirtschaftler zu denken. Schließlich sei es nun einmal schwierig, bei Großveranstaltungen aus der Masse hervorzustechen. Umgekehrt könne auch er als Professor es nun einmal nicht leisten, jeden der 900 Studenten in den Grundstudiumsveranstaltungen persönlich zu betreuen. Um somit ein Empfehlungsschreiben von ihm zu bekommen, genügt es, zwei seiner Veranstaltungen besucht und eine davon mit mindestens 2,3 abgeschlossen zu haben. Per Mail oder auch in einem persönlichen Treffen mit einem von Schwaigers Mitarbeitern werden dann Prüfungsergebnisse abgeglichen und gegebenenfalls private Interessen wie die Ausübung eines Ehrenamtes oder die Mitgliedschaft im Tennis-Club erfragt. Jene Informationen werden nun nur noch in ein weitestgehend standardisiertes Schreiben eingesetzt, Herr Schwaiger setzt seine Unterschrift darunter und fertig.  

Das Vorgehen von Herrn Schwaiger verdeutlicht allerdings auch ein weiteres Problem: Mit guten Leistungen ist es einfach, ein Referenzschreiben zu erhalten. Was ist allerdings mit jenen Studenten, die sich nur im Mittelfeld mit ihren Noten befinden? Sollten diese nicht der Kernidee nach besonders von Zulassungskriterien abseits des NC profitieren?  

Auch Herr Schwaiger sieht diese Problematik. „Natürlich kann es in solchen Fällen helfen, den Professor wirklich zu kennen, vielleicht durch einen Job am Lehrstuhl. Dann würde man gemeinsam einen Weg finden, den Stundenten anhand von Kriterien abseits der Noten zu empfehlen.“ Besonders glücklich ist er mit Zulassungskriterien wie Referenzschreiben allerdings nicht. „Das ist doch nur eine Formalie, gelesen werden die von den Auswahlkommissionen in den seltensten Fällen.“ Deshalb verzichtet er beim von ihm betreuten Studiengang „European Master in Management“ auf derartige Auswahlkriterien. „Was mir vorschwebt, aber leider nicht mit dem Gesetz vereinbar ist, wäre, dass man im direkten Gespräch mit den Kandidaten, abseits von Empfehlungen und Noten, deren Motivation ergründet. Ich will sehen, dass jemand leidenschaftlich gerne Betriebswirtschaft studieren möchte und das finde ich nun einmal erst heraus, wenn die Person vor mir sitzt.“  

Bei einem Professor wie Herrn Schwaiger hätte Julia mit passablen Noten also gute Chancen, ein Referenzschreiben zu ergattern. An ihrer Uni hat sie nun einfach diejenigen Professoren angeschrieben, bei denen sie die besten Noten verbuchen konnte. Die Schreiben der Professoren hat sie dann schließlich kopiert und an mehrere Unis versendet. Beschwert hat sich darüber bisher keiner aus den Auswahlkommissionen.  

Wie absurd letztendlich das ganze Auswahlsystem ist, führt die Erfindung eines Frankfurter Studenten vor. Mit seinem Programm „uniforma letters“ können Studenten der Goethe Universität nun online an zwei Lehrstühlen Empfehlungsschreiben beantragen. Hierfür reicht es in einem Formular ein Häkchen neben den gewünschten Professor und seinen Studienkontoauszug hochzuladen. Zurück kommt ein Standard-Schreiben, das bei jeder Bewerbung eingereicht werden kann.
Nicht einmal ein Telefonanruf muss somit getätigt werden, um sich vom Professor „persönlich empfehlen“ zu lassen. Bei der Universität Frankfurt ist das Programm bereits seit einem Jahr in Benutzung, die FU Berlin lehnte das Angebot hingegen ab. Dekan Manfred Schwaiger findet die Idee eines Online-Empfehlungsschreibens charmant: „Jener Student aus Frankfurt macht ja nur das, was schon lange Gang und Gebe ist, öffentlich. Das ist politisch natürlich nicht korrekt – aber gerade das gefällt mir.“