Die fünf Lieblingstexte von Peter Wagner:

1. Das Grauen von Rechnitz ist zuerst im Magazin des Zürcher Tagesanzeigers erschienen und war dann auch im SZ Magazin zu lesen. Sascha Batthyány geht dabei einer Geschichte nach, die in seiner Familie spielt: Seine Großtante war kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges Gastgeberin eines Festes, an dessen Ende 180 Juden ermordet wurden - von den Gästen. Ein super Text über Familie, Schuld und Schweigen. 

2. Advantage Becker ist schon wegen der Idee der Hammer: Benjamin von Stuckrad-Barre fährt zu Boris Becker und schaut sich mit ihm die Aufzeichnung des Wimbledon-Finales von 1985 an. Stuckrad-Barre protokolliert mit. Das Ergebnis ist wahnsinnig rührend, weil man sieht, dass Beckers Frau und Beckers Sohn im Grunde keine Ahnung haben, warum ihr Vater in Deutschland so bekannt ist. Hier nur zwei Auszüge aus dem Protokoll:

Becker: Günther Bosch! Mit skeptischem Blick.
Lilly: Wer ist der Typ?

Becker: Und jetzt kommt er, jetzt habe ich einen Schuss in die Hüfte bekommen und Selbstbewusstsein verloren, Curren hat was gewonnen und fängt an, besser zu spielen als ich.
Elias: Papa, hast du das Spiel gewonnen?
Becker: Schau doch hin!!

3. Bei Waldschrats von Thomas Feix ist schon vor vier Jahren in der taz erschienen. Leider habe ich ihn erst in diesem Jahr gelesen und bin hin und weg. Klar, wegen meiner Vorliebe für Eremitengeschichten. Aber auch wegen der Erzählweise. Ist fast schon komisch, dass der Autor nicht bekannter ist.

4. Felix im Unglück war neulich ein Dossier der ZEIT betitelt. Es ist ein Portrait von Felix Magath und wenn man Fußballfan ist, dann hat man mit diesem Text viel zu lachen und außerdem das Gefühl, nun zu wissen, wie einer der erfolgreichsten deutschen Trainer in Wahrheit tickt. Fast schon gruslig. 

5. The Long Shadow of War ist ein Text aus der amerikanischen GQ, der schon im Jahr 2007 erschienen ist, den ich aber erst heuer in die Hand bekommen habe. Er ist mit Vorsicht zu genießen, weil er einen mitnimmt. Die Reporterin Kathy Dobie stößt durch Zufall auf den Vietnamveteran Cecil Ison, den zu Beginn des Irakkrieges 2003 die schlimmen Erinnerungen an "seinen Krieg" einholen. Zwischen Dobie und Ison entwickelt sich so etwas Ähnliches wie eine Freundschaft. Entsprechend ist der Text etwas sehr Persönliches und zusätzlich noch sehr spannend. Fast von Beginn an stellt man sich nur eine einzige Frage, auf die erst am Ende so etwas wie eine Antwort kommt.



Die fünf Lieblingstexte von Dirk von Gehlen
 
1. Die Wut im Netz: Zum Ende des Jahres haben wir viel über Julian Assange und Wikileaks gesprochen. In seinem Leitartikel hat Andrian Kreye herausragend zusammen gefasst, worin das Problem liegt, in der Debatte um Anonymous und Wikileaks
 
2. Alles nur geklaut: Am Anfang des Jahres haben alle über Helene Hegemann gesprochen. Schuld war Deef Pirmasens, der das Buch "Axolotl Roadkill"genau gelesen hat.

3. W wie WeDepp: Gibt es einen iPad-Konkurrenten? Ja, klar, behauptet der WeDepp und schrieb es auch bei Amazon auf. Richard Gutjahr hat sich diese lobenden Rezensionen über das WeTab genauer angesehen.

4. Web Privacy: In Praise of Oversharing Der amerikanische Autor Steven Johnson beweist, dass man auch anders über den Tatort Internet denken kann und schreibt den wohl besten Text über Twitter und Facebook, den ich dieses Jahr zu dem Thema gelesen habe.

5. anwortantwortantwort auf meine buchfrage lautet der absurde Titel einer noch absurderen Beschimpfung - von Sascha Lobo aufs deutsche Internet



Die fünf Lieblingstexte von Philipp Mattheis

1. Draußen
Ben Teewag, der Sohn von Uschi Glas, begleitet mich, seitdem ich 18 oder 19 bin. Wir sind in etwa gleich alt. Anfang der Nuller Jahre hatte Ben Teewag eine Show auf MTV, der Versuch, ein deutsches Jackass zu etablieren. Dann zündete er einen Kameramann an, prügelte sich vor dem P1, baute Unfälle etc., bis er schließlich ins Gefängnis kam. Trotz all seiner Arroganz und Überheblichkeit war da etwas, was mich an Teewag interessiert. Vielleicht war es sein verzweifelte Kampf, jemand anderes zu sein. Die Reportage von Marcus Jauer, erschienen am 6. September 2010 in der FAS bringt das auf den Punkt. 

2. Das Vorzeige-Arschloch
Bushido ist ein Arschloch. Bushido rappt über Koks und Nutten. Bushido ist genial. Bushido macht Filme mit Bernd Eichinger. Bushido ist ein Vorzeige-Arschloch und das beschreibt die Reportage von Patrick Bauer, erschienen am 8. Januar 2010 in NEON wunderbar.  

3. No Secrets
Schon im Juni erschien im New Yorker ein Porträt über den wohl kontroversten Menschen dieses Jahres, Julian Assange. Raf Khatchadourian besuchte den weißhaarigen Geheimnisveröffentlicher auf Island.

4. Junge Nummer eins
"Klaus Lemke ist der freieste Mensch, den man treffen kann. In Schwabing. In München. Wo auch immer. Was sagt man dazu? Bombe." So endet die Reportage über den leicht verrückten Filmemacher Klaus Lemke. Der Text von Alexander Gorkow und Tobias Kniebe erschien auf der Seite 3 der Süddeutschen Zeitung und wurde beim Reporterpreis als beste Kulturreportage prämiert.

5. Swansea Love Story
Was jetzt folgt, ist gar kein Text, sondern ein Film. Wer das Vice Magazine doof findet, der sollte trotzdem mal einen Blick auf den vbs.tv werfen, den Online-Fernsehkanal des Magazins. Die Reportagen dort werden dem, der es nicht mag, noch immer sehr "vicig" vorkommen, trotzdem finden sich dort journalistische Glanzlichter. Eines davon ist "Swansea Love Story". In der walisischen Arbeiterstadt leben Heroinabhängige bereits in der dritten Generation. Einige davon begleiten die Reporter bei ihrem Alltag - der ist ziemlich schockierend, schäbig und kaputt. Trotzdem gelingt es den Film, seine Protagonisten ernst zu nehmen, und diese Zoo-Perspektive a la "Guck mal, wie fertig die sind" zu vermeiden.




Die fünf Lieblingstexte von Christina Waechter

1. Wake Up, Geek Culture. Time To Die
Ganz frisch ist dieser Artikel, den ich hier nicht nur wegen seines überaus sympathischen Autoren, dem Schauspieler und Comedian Oswald Patton empfehlen möchte. Der schreibt in seinem Text über das Ende der Geek-Kultur und seinen Abschied vom Nerdism. Der Ton ist vielleicht bisweilen ein bisschen arg nostalgisch, macht aber nichts. Als Bonus sei hier noch der Twitter-Account von Patton empfohlen. Der ist ebenfalls ausgesprochen unterhaltsam.  

2. Live From Insane Clown Posse's Gathering of the Juggalos
Kommt ja auch nicht allzu oft vor, dass man eine Reportage liest, die den Leser in eine ihm völlig fremde Welt entführt. Und wenn diese Welt auch noch aus billigen Drogen, einem Schlammteich mit Namen „Lake Hepatitis" und rektal eingeführten Ecstasy-Pillen besteht – immer her damit! Der Text von Camille Dodero über das jährlich stattfinden Gathering of the Juggalos-Festival hat mir zwar nicht unbedingt Lust gemacht, nächstes Jahr dort ebenfalls zu zelten. Aber ich glaube, ein bisschen was von dieser Subkultur verstanden zu haben.

3. Sarah Palin. The Sound and the Fury
Michael Joseph Gross hat für seine Reportage in der Vanity Fair die ehemalige Gouverneurin von Alaska und gescheiterte Vize-Präsidentschafts-Kandidatin der Republikaner, Sarah Palin, auf einer Reise durchs sogenannte „Heartland" von Amerika begleitet. Palin, die mittlerweile vor allem von der ultrakonservativen Tea Party-Bewegung unterstützt wird, verdient mit ihren Büchern und einem Kommentatoren-Job bei Fox-News mittlerweile Millionen, gibt sich für ihre Anhänger aber weiterhin als die Mittelschichts-Mama von Nebenan. Eine extrem lange, extrem gute und ziemlich beängstigende Reportage.

4. The Suspects Wore Louboutins
Die Verdächtigen, das sind die Mitglieder des sogenannten „Bling Ring", einer Gruppe wohlstandsverwahrloster Jugendlicher, die sich auf Einbrüche bei Prominenten spezialisiert hatten: Paris Hilton, Lindsay Lohan, Orlando Bloom andere, deren Häuser sie leer räumten - einfach so, und weil ihnen die Klamotten der Stars so gut gefilene. Alexis Neiers ist eine der Verdächtigen – und gleichzeitig Star eines eigenen Reality-TV-Formates. Nancy Jo Sales hat sich für diese Reportage, erschienen in der Vanity Fair. an die Fersen der Familie Neiers gehängt und wurde selbst zur Darstellerin in der Serie „Pretty Wild".

Dieser Text ist vielleicht schon ein bisschen aus der popkulturellen Zeit gefallen, denn seit Erscheinen von „The Suspects Wore Louboutins" ist die Fernseh-Sendung abgesetzt und die Protagonistin wegen Heroin-Besitz verhaftet worden. Trotzdem lesenswert – und sei es wegen dieser bizarren Welt, bevölkert von Menschen, die um jeden Preis berühmt werden wollen.

5. The Definition of Soul
Red Kelly betreibt zwei Blogs: In „The B-Side"  schreibt er über großartige B-Seiten von alten Soul-Singles. Und auf „Soul Detective" erzählt er von seiner Arbeit als – genau – Soul Detective. Als der hat er unter anderem im letzten Jahr den seit den 1970er Jahren verschollenen Soul-Sänger Latimore Brown wieder gefunden und ihm Auftritte unter anderem während des New Orleans Jazz Festival organisiert. All das ist sehr lesenswert, aber ich möchte hier einen besonderen Eintrag empfehlen: „The Definition of Soul" vom 5. Oktober, Kellys sehr persönlicher und überaus berührender Nachruf auf den "King of Rock'n'Soul" Solomon Burke, der einst die Hochzeitszeremonie von Kelly und seiner Frau während eines Konzerts leitete.



Text: jetzt-Redaktion - Bild: ergonoMedia / Photocase.com