Endspurt auf den Tastaturen

Frankreich wählt einen neuen Präsidenten. Auf der Zielgeraden wird auch im Netz der Tonfall unter den Kandidaten ruppiger. Denn hier wollen sie die jungen Wähler abgreifen.
sina-pousset

18. April, 11.04 Uhr: Eine Frau erscheint auf der digitalen Bildfläche des französischen Wahlkampfes. Vier Tage vor dem ersten Wahldurchgang meldet sich Carla Bruni nonchalant auf dem Facebook- und Twitteraccount Ihres Mannes zu Wort. „Ich grüße Euch, liebe follower!“ steht dort, und: „Ich danke Euch für Eure Unterstützung! -Carla“. Ein Klick und die Nachricht ist tausendfach geteilt, geliked oder verlinkt. Der Kommentar seiner Gattin brachte Sarkozy so viel Traffic wie selten in diesen letzten Wahlwochen und zeigt: Um in französische Haushalte und Köpfe zu gelangen, braucht es manchmal nicht mehr als geschicktes Webmarketing. Es wird knapp in diesem Superwahljahr, über Sieg oder Niederlage könnte dabei nicht zuletzt Präsenz und Image der Kandidaten auf sozialen Netzwerken entscheiden. So feilen Sarkozy und Kontrahenten nun verstärkt an Ihrem Internetauftritt. Twitter, Facebook, Parteiblogs und sogar Instagram werden zum Überbringer der politischen Botschaft. Der Wähler wird zum viralen Vermarkter und schafft Zugang zu neuen Wählerkreisen.

Widersacher Hollande und Sarkozy

Je näher die Wahl rückt, desto mehr Posts prasseln aus den Federn der Accounts - und das mit klaren Tendenzen. Den beiden Spitzenkandidaten Sarkozy und Hollande gebührt auch digital die meiste Aufmerksamkeit, in den unteren Rängen wird mit schwankender Popularität gekämpft. Facebook ist unumstritten Revier des konservativen Staatschefs - 600.000 Daumen befördern die UMP mit Sarkozy auf Platz 1 der Politikercharts, darauf folgen abgeschlagen Hollande, Le Pen und Bayrou. Hier kommt Sarkozy der Amtszeitbonus zu Gute, vielleicht auch der Altersdurchschnitt seiner Facebook-Gemeinde, die sich durch mühevoll retuschierte Fotos in Siegerpose und Wahlkampfnews klickt. Bei Twitter knickt Sarkozys Popularitätskurve ein. Hier führt François Hollande. Der sozialistische Spitzenkandidat und momentane Wahlfavorit, dessen Wählerschaft vorwiegend jung ist, hat 230.000 Follower. Dahinter folgen Sarkozy, Le Pen, Bayrou und Mélenchon.

Dass Sarkozy auf Twitter nicht den Spitzenrang bekleidet, mag am holprigen Start seiner Online-Kampagne liegen. „Ja, ich bin Kandidat der Präsidentschaftswahl“, musste @NicolasSarkozy zur Eröffnung seines Accounts am 15. Februar erst mal verkünden - Twitter musste mehrere Parodie-Konten mit seinem Namen schließen. Heute morgen bat er seine rund 160.000 Follower um Wahlpropaganda per Mail. Die Antwort eines amüsierten Users: „Wenn ich den Mist an meine Familie weiterleite, werde ich verstoßen.“ Humor lässt sich eben nicht zensieren. Seine wenigen persönlichen Tweets unterzeichnet Sarkozy nach Obamas Vorbild mit Initialien, den Rest füllen Links und Zitate wie „Es lebe die Republik!“, „Ich werde bis zur letzten Minute alles geben!“ sowie wenig Aussagekräftiges: „Ab sofort wird die Rente am 1. des Monats ausgezahlt.“. Während Sarkozy den Fokus auf die Stärke des Staates und Glorifizierung seiner Person legt, inszeniert sich Hollande ganz gemäß seines Wahlkampfprogrammes als volks- und jugendnaher Visionär. Seine Tweets und Einträge sind in Ich-Form verfasst, sprechen die Wähler persönlich  an und appellieren an ihr Gemeinschaftsgefühl. „Alles hängt von Euch ab!“, „Ich spüre Euren Enthusiasmus!“ und „Ich habe nichts zu verstecken, Ihr habt alles gesehen“, twitterte er heute morgen mit einem Link zur Analyse seines Wahlkampfes.

Hin und wieder kommt es auch zum direkten Schlagabtausch zwischen den Kontrahenten. So wirft Sarkozy Hollande, Eva Joly und Le Pen vor: „Nichts als Lügen.“ Hollande reagiert: „Der Kandidat, der kurz vorm Abtritt steht, sprach davon eine Welle zu sehen. Dieses eine Mal täuscht er sich nicht: die Welle kommt!“.

Auf dieser Welle erhofft sich Hollande den Weg zum Sieg. „Der Wechsel ist jetzt“, lautet der Wahlspruch seiner Partei, den er Sarkozys „starkem Frankreich“ gegenüberstellt. Der sozialistische Hollande erfreut sich gemäß des Parteiprogrammes unter den Jungwählern der größten Beliebtheit und fängt jene auf, die von Sarkozys Legislaturperiode enttäuscht wurden. Er profitiert am meisten vom digitalen Schlagabtausch, die zentralistische Le Pen kann ihm im Netz ebenso wenig entgegen setzen wie der konservative Sarkozy. Hollande hat das Medium seiner Wählerschaft gefunden und bewegt sich dort am sichersten. Das hat wohl auch Frau Bruni verstanden.

Text: sina-pousset - Foto: rtr

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