Erkennen wir uns da wieder? Ein Blick auf die Studenten anno 1968

Die 68er werfen den Studenten von heute gern mangelndes Engagement vor. Aber wie waren sie wirklich, die Studenten anno 1968? Wir zitieren Auszüge aus einer Studie von 1971, in der die Studenten an der Universität von Gießen typologisiert werden und ihre Einstellung zu Politik und Arbeit beschrieben wird. Nach der Lektüre stellt sich die Frage: Waren uns die Studenten aus dem Jahr 1968 nicht doch ähnlicher, als sie es heute wahr haben wollen?
yvonne-gamringer

Nie seien Studenten so unpolitisch und, in Blick auf gesellschaftliches Engagement, so lustlos gewesen wie heutzutage. Feststellungen, wie sie gern aus den Mündern von Erwachsenen kommen, die Ende der Sechziger tapfer rebellierten und gegen Autoritäten aufstanden. Nimmt man sich die erste Ausgabe von „Analysen – Zeitschrift zur Wissenschafts- und Berufspraxis“ aus dem März 1971 zur Brust, hat man die Gelegenheit, zu vergleichen: „Studenten – Wie sehen sie sich selbst, ihre Arbeit und die Universität“ lautet der Titel eines Berichts über ein Forschungsprogramm der Psychosomatischen Uni-Klinik Gießen. Im Rahmen der Arbeit wurden im Sommer 1968 Studenten an der Universität Gießen befragt. Die Autoren der Studie schrieben ihrer Arbeit folgendes voran. >>> Studenten sind nicht nur Produzenten und Agenten politischer Forderungen, sondern eben auch Menschen mit persönlichen Eigenschaften. Die Autoren wollen die Eigenschaften der Studenten kennen lernen. Das sei besonders wichtig in einer Zeit, >>> „in der sich die Vorurteile schon einzuwurzeln beginnen, die Studenten seien zu einem wachsenden Teil ungesteuert triebhafte, aggressive, egozentrische und leistungsunwillige Menschen. Sie seien stark durchmischt mit Psychopathen, Neurotikern oder gar animalisch degenerierten Primitivwesen.“ Im ersten Teil des Beitrags wartet eine Typologie auf den Leser. Die Wissenschaftler werten aus, was die Studenten der einzelnen Fachbereiche auszeichnet. DIE JURISTEN >>> Im Leben Diese Studenten glauben laut Studie, dass sie „in ihrem Benehmen eher älter wirken“. Sie neigen „in besonderem Maße zu Selbstvorwürfen. Das Grübeln über innere Probleme nimmt im Selbstbild zu. Er (der Jurist) glaubt, sich im Leben zuviel Mühe zu schaffen.“ >>> In der Liebe „Der typische Jurist“, heißt es, „fühlt sich recht befangen im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Er empfindet sich in dieser Hinsicht ähnlich schüchtern wie der Naturwissenschaftler. […] Wiederum in Übereinstimmung mit dem Naturwissenschaftler zweifelt der Jurist indessen daran, ob er in der Liebe wirklich intensiv erlebnisfähig sei.“ DER NATURWISSENSCHAFTLER >>> Im Leben und in der Liebe „Man hat den Eindruck, dass ihn der ganze emotionale Bereich eher irritiert und dass er sich stattdessen weitgehend auf eine rein sachbezogene Einstellung zurückgezogen hat. […] Er stellt sich im Kontaktbereich doch erheblich zurückhaltender bzw. isolierter dar als der Jurist. Nicht nur, dass er – so sagt er selbst – keinen engen Partneranschluß sucht und sich auch nicht für lange Zeit an einen anderen Menschen binden möchte, - er fühlt sich anderen Menschen überhaupt eher fern. […] Er kann sich kaum vorstellen, dass seine Umgebung ihn besonders anziehend findet. […] Übrig ist am Ende, so möchte man folgern, nur noch eine große Liebe – die Liebe zur Sache.“ DER MEDIZINER >>>Im Leben „Er übertrifft alle übrigen Studenten in der Angabe einer gut ausbalancierten Stimmung. Er fühlt sich relativ unbeschwert von inneren Problemen oder gar selbstkritischen Tendenzen.“ >>> In der Liebe „Anders als der Naturwissenschaftler glaubt er, dass er leicht Kontakt finden kann, wenn er will. […] Dem anderen Geschlecht gegenüber erlebt er kaum Befangenheit. DER PHILOSOPH, PSYCHOLOGE, SOZIOLOGE >>> Im Leben und in der Liebe „Ihr Kontaktverhalten wird durch ihre zugestandene besondere Impulsivität bestimmt. Keine andere Gruppe schildert sich ähnlich hochgradig ungeduldig wie die Philosophen. So nimmt es auch nicht wunder, dass sie ihre aggressiven Regungen lieber abreagieren als in sich hineinfressen. […] Dazu passt die weitere Angabe, dass sie sehr häufig in Auseinandersetzungen mit anderen Menschen verstrickt seien. Keine andere Fakultätsgruppe kann hier auch nur annähernd mit ihnen konkurrieren.“

Soweit die Typologien aus dem Jahr 1971. Nun geht es um die Unterschiede zwischen Studentin und Student, das Verhältnis zu den Profs und, vor allem und sehr ähnlich zur Situation der Studenten heute: Um ein Gefühl der Unsicherheit. >>> Männlein und Weiblein im Studium Der männliche Ehrgeiz nimmt an der Universität zu, der weibliche ab, heißt es in Analysen. Dafür wächst bei den Mädchen während des Studiums das an, was man als soziales Mitgefühl bezeichen könnte. Sie machen sich am Studienende wesentlich mehr Sorgen um andere als zu Beginn. Hier geben die männlichen Studenten das Gegenteil an: Bei ihnen überholen also allmählich die Rivalitätsgefühle die fürsorglichen Gefühle, während bei den Studentinnen die Tendenz zum Rivalisieren zugunsten eines Anwachsens fürsorglicher Gefühle zurücktritt. >>> Das Verhältnis zu den Profs Unzufrieden sind die Studenten immer nur wegen der äußeren Umstände, nie wegen persönlicher Schwierigkeiten mit den Profs. Die Professoren werden nicht zum Sündenbock für äußere Mißstände gemacht, im Gegenteil: Das Verhältnis ist neutral und relativ ungestört. >>> Engagement Die Studenten sind der Ansicht, dass sie mehr Einfluß auf die Gestaltung der Uni bekommen müssen: Sie glauben, es werde zu wenig Kritik an den Universitätsorganen geübt, heißt es in der Studie. >>>Zweifel und Unsicherheit - gerade bei Frauen Die Studenten hegen eine Art "Unsicherheitsgefühl", so gibt es der Artikel wider. Dieses Unsicherheitsgefühl entstammt vermutlich der spezifischen Lernsituation an der Universität. Eine Begründung dafür: Während der Schulzeiten ist alles unfrei, aber die Situation gesichert. An der Uni ändert sich das. Die Arbeit wird unregelmäßiger, die Studenten wissen immer weniger, ob sie ihre Arbeit richtig machen und haben Schwierigkeiten, zu sehen, wo sie mit der Arbeit beginnen sollen. Warum diese Situation gerade die Studentinnen belastet? Die Autoren des Artikels sprechen vom höheren Anlehnungsbedürfnis, dem das Uni-Milieu keine höhere Zuwendung entgegensetzt. Fazit in der Studie: Die Studenten werden während des Studiums von der Uni integriert, die Studentinnen werden desintegriert. Die Studenten fühlen sich am Ende des Studiums weniger verloren und ängstlich als ihre weiblichen Kommilitonen. Waren sie wirklich anders, die 68er? --- Das Bild auf unserem Cover und im Text entstammt dem Titel des zitierten Artikels. Die beiden Studien sind Online beim Uni-Magazin der Bundesagentur für Arbeit einsehbar. Hier Teil eins mit den Studenten-Typologien und hier Teil zwei.

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