Erst Musiker, dann Politiker

Bushido hat verkündet, er wolle Bürgermeister von Berlin werden. Der Rapper ist nicht der erste Musiker, der sich in die Politik aufmacht. Eine kleine Übersicht
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Eine gerappte Rede im Parlament – das hat schon seinen Reiz. Vor allem, wenn man sich vorstellt, dass es Bushido ist, der am Rednerpult steht. Wahrscheinlich ist es nicht, dass es soweit kommt, auch wenn Bushido jetzt den ersten Schritt unternommen hat, der dazu notwendig ist: Er werde eine Partei gründen, twitterte er und bestätigte das auch in einem Interview mit der BILD-Zeitung. Er wolle Regierender Bürgermeister von Berlin werden. Parteinamen und –programm gebe es noch nicht, aber seine Partei wolle sich „ für die Menschen in den Rand- und Problembezirken einsetzen. Vor allem für Menschen mit Migrationshintergrund.“

Bushido ist nicht der erste Musiker, den es in die Politik zieht. Immer wieder bewerben sich erfolgreiche Popstars für Sitze im Parlament, Bürgermeisterposten oder gleich die höchsten Staatsämter. Eine Übersicht:

Youssou N’Dour Youssou N’Dour ist der Begründer der in seinem Heimatland Senegal am weitesten verbreiteten Musikrichtung. Mbalax heißt sie, es wird ziemlich schnell und ziemlich viel getrommelt in dieser Musik, darüber kommt Gesang, meist in der Landessprache Wolof. Im Senegel ist er trotz seiner 53 Jahre immer noch der bekannteste Popstar. Und seine Popularität hat an den Grenzen des afrikanischen Kontinents nicht halt gemacht: 1994 nahm er mit Neneh Cherry den Welt-Hit Seven Seconds auf, es folgten Kollaborationen zum Beispiel mit Bran Van 3000.

Vergangenen November tauchte er auf der politischen Bühne auf. Seine Partei heißt übersetzt in etwa „Ich mische mich ein“, N’Dour wollte den amtierenden Präsidenten Wade herausfordern, der den Senegal seit 2000 regierte und deutlich an Rückhalt in der Bevölkerung verlor. Der populäre N’Dour hätte wohl gute Chancen gehabt – zu gute offenbar, denn das Verfassungsgericht verbot seine Kandidatur ohne genaue Begründung. Wade, der eigentlich die zwei erlaubten Amtszeiten schon hinter sich hat, wurde hingegen zugelassen. Begründung: Das Gesetz zur Beschränkung auf zwei Amtszeiten war erst ein Jahr nach seiner ersten Wahl eingeführt worden, die erste Präsidentschaft zähle somit nicht. Nach der Entscheidung des Gerichts kam es in der Hauptstadt Dakar zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit Verletzten und brennenden Autos.

Wade verlor die Wahl, der neue Präsident Macky Sall ernannte N’Dour zum Kultur- und Tourismusminister.

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Wyclef Jean Vielleicht hatte Youssou N’Dour ein Vorbild für seine Kandidatur: Wyclef Jean. Die beiden kennen sich ganz gut, haben auch schon zusammen ein Lied für ein Wyclef-Album aufgenommen. Und wer weiß, eventuell schmiedeten sie in der Kaffeepause im Studio ja schon zusammen Pläne für ihre Politikkarrieren.   Wyclef Jean, ehemaliger Fugees-Rapper und seit 1997 Solokünstler und mehr mit Gitarre als HipHop-Beats unterwegs, wollte jedenfalls Präsident seiner Heimat Haiti werden. Im November 2010 gab er seine Kandidatur bekannt, 10 Monate nachdem sein Land von einem starken Erdbeben mit 250.000 Toten ins Elend gestürzt worden war. Schon 2005 hatte er die Hilfsorganisation Yéle Haiti gegründet, nach dieser Katastrophe hatte er seine Popularität genutzt, um mit einem Song und einer Gala mit anderen Stars Spenden zu sammeln.

Wie der Sänger aus dem Senegal war Wyclef beliebt, vor allem bei jünderen Wählern. Und wie Youssou N’Dour wurde auch seine Kandidatur nicht zugelassen – ebenfalls unbegründet. Schon vor dem Urteil des Wahlbüros hatte es Kritik gegeben, weil er nicht in Haiti lebte. Wyclef nahm das Urteil hin und unterstützte fortan Michel Martelly, ebenfalls Musiker und bekannt unter dem schönen Namen Sweet Micky. Bei einem großen Konzert zum Abschluss des Wahlkampfs wurde Wyclef angeschossen. Irgendwie eine ziemlich Ironie, wenn man den Text des Wyclef-Songs If I was president bedenkt:

Immerhin: Der süße Micky gewann die Wahl.

 

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Luther Campbell Luther Campbell hatte schon vor mehr als 20 Jahren Berührung mit der Politik. Als Kopf der 2 Life Crew hatte Luther – Künstlernamen: Skyywalker and Uncle Luke – gerade das Album As Nasty as They Wanna Beherausgebracht, darauf war unter anderem der, nun ja, nicht gänzlich unpornografische Song Me so Horny. Ein Gericht stufte die Platte als obszön ein. Reaktion Campbells: ein Album namens Bannd in the USA, in dessen Innencover er mit offener Hose und Mittelfinger zu sehen ist, neben dem Abdruck der ersten Amendments der Bill of Rights, in dem die Rede- und Meinungsfreiheit verankert ist.

 

2011 geht es ihm nicht mehr um derart große Menschenrechtsfragen, sondern um Lokalpolitik: Campbell will Bürgermeister von Miami werden. „Wenn du älter wirst“, sagte er dem Rolling Stone, „fährst du durch die Gegend in der du aufgewachsen bist und siehst, dass sich nichts geändert hat. Dasselbe Verbrechen, dasselbe Töten, dieselben Crackhäuser. Da ist viel Arbeit.“ Die bisherigen Politiker hatten ihn enttäuscht, jetzt wollte er es selbst versuchen. Sein Wahlprogramm wurde durchaus ernst genommen, nur über den Plan, Stripperinnen für ihre Arbeit zu besteuern, wunderten sich manche. Für das Amt hat es jedenfalls nicht gereicht: Luke erreichte bei der Wahl 11 Prozent.

 

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Nana Mouskouri Die Schnulze „Weiße Rosen aus Athen“ verhalf der griechischen Schlagerdiva Nana Mouskouri in Deutschland zum Durchbruch. Mehr als 300 Goldene-, Platin- und Diamantene Schallplatten stehen in ihrem Schrank. Weniger von Erfolg gekrönt waren hingegen Mouskouris Ausflüge in die politischen Sphären Griechenlands und Europas. Auch, wenn das nicht unbedingt ihre Schuld war. Sie saß von 1994 bis 1999 als Abgeordnete der Christdemokraten Griechenlands im Europaparlament. Nach einer Amtszeit hatte sie genug, zu oft sei es „um Machterhalt und Parteipolitik, nicht um Wahrheit und Freiheit“ gegangen, lautete ihre Begründung. Klingt fast so, als wäre die Musikerin schon damals weitsichtiger gewesen, als ihre „professionellen“ Politikerkollegen.

 

Schon Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre widersetzte sich Nana Mouskouri oppositionell der Militärdiktatur der griechischen Obristen. In einem 

 

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Vicky Leandros Und auch die andere Schlagersängerin aus Griechenland hat sich in der Welt der Politik versucht. In den Städten Hamburg und Berlin sollte sie 2001 und 2006 Kultursenatorin werden, aber erst 2007 machte sie mit ihrem politischen Engagement ernst. In der griechischen Hafenstadt Piräus zog sie 2006 als Beauftragte für Kultur und internationale Beziehungen für die sozialdemokratische PASOK in den Landrat.

 

Die inzwischen 59-jährige Schlagersängerin, die 1952 den Grandprix für Luxemburg gewonnen und mit dem Hit „Theo, wir fahr'n nach Lodz" einen der schlimmsten Ohrwürmer aller Zeiten gesungen hat, tritt 2008 von ihrem Amt zurück. Die Politik war ihr zu anstrengend, sie habe den Zeitaufwand für ihre Aufgaben als Stadträtin unterschätzt. Seitdem wurde es still um Vicky Leandros, musikalisch wie politisch.

 

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Gilberto Gil Der 1942 in Brasilien geborene Grammy-Preisträger gilt als einer der erfolgreichsten Musiker Südamerikas. 40 Alben, 11 goldene, fünf Platin- Schallplatten und ein gemeinsamer Song mit Stevie Wonder zeugen von seinem musikalischen Erfolg. Auch in der Politik seines Landes konnte er sich als Umweltschützer und Querdenker einige Lorbeeren verdienen, musste aber auch viel Kritik einstecken.

 

Von 2003 bis 2008 war er unter Präsident Lula da Silva Kulturminister seiner Heimat. Er sorgte für Schlagzeilen, weil er sich für die Legalisierung bestimmter Drogen und kostenslose Musikdownloads einsetzte.  In einemInterview mit der Frankfurter Rundschau sagte er 2012, dass man in Zukunft die Politik viel mehr als eine Kunstform begreifen müsse, um in diesen harten, materialistischen Zeiten zu mehr Spiritualität zu finden.

 
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