"Es geht nicht darum, im Widerstand zu sterben."

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"Das war Horror"


Başak, 26, macht ihr Referendariat in Jura. Vor der Räumung hatte sie uns den Kosmos Gezipark folgendermaßen geschildert: "Es wird getanzt, es wird gelacht, es wird getrauert."

"Ich habe die Leute im Gezipark nie ängstlich erlebt. Aber jetzt hat sich etwas geändert. Hier geht ein Mob zusammen mit der Polizei auf uns los, Erdogan denkt über den Einsatz der Armee nach.
Ich war neulich auf einem Forum. Jeder Stadtteil in Istanbul hält solche Versammlungen ab und berät sich. Auf dem Forum meldete sich jemand und sagte: 'Ich bin hier um zu leben, nicht um zu sterben.' Ich finde, der Mann hat Recht. Es geht nicht darum, im Widerstand zu sterben. Sie leisten ja Widerstand um besser zu leben. Ohne Gängelung der Regierung.

Ich hatte geglaubt, die Proteste enden friedlich. Erdogan sprach mit Leuten aus dem Park. Es sah gut aus. Am Samstagabend haben Leute im Gezipark ein paar mal gerufen: 'Ich rieche Gas.' Da hab ich nur abgewunken, das war für mich unvorstellbar. Aber dann ging es halt los.

Eine Freundin ist total panisch geworden. Ich hab sie gepackt und gesagt: 'Wir kommen hier raus.' Sie war die ganze Zeit an meiner Hand. Wir sind in ein Hotel gerannt und konnten von dort sehen, wie die Polizei das Divan-Hotel stürmt. Das war Horror: Eine halbe Stunde fuhr jede Minute ein Krankenwagen vom Divan ab.  

Als es ruhiger wurde, sind wir gegangen. Auf dem Weg nach Hause waren überall Kämpfe.  
Ich merke in den letzten Tagen wie erschöpft ich bin. Einfach müde. Ich habe Sehnsucht nach dem Gezipark. Ich fühle mich etwas einsam jetzt. Aber ich habe alles im Kopf. Es waren Millionen auf der Straße und die Leute haben so viel Bilder geteilt. Das können die uns nicht wegnehmen."



"Gezipark war ein guter Anfang"


Burak, 24, studiert Medienwissenschaften. Seine Eltern sind für die Erdogan-Regierung. Trotzdem hat er den Protest von Anfang an unterstützt.

"Es ist ein Scheiß-Gefühl, wenn du heute durch die Istiklal-Straße zum Taksim läufst. Die ganzen Schriften an den Wänden, sie sind weg. Es ist so, als wäre nichts gewesen. Das macht mich traurig.  
Am Samstag war ich im Gezipark. Als die Gasbomben im Park einschlugen, brach unter den Menschen Panik aus. Ich bin ins Point-Hotel geflüchtet.  

Wir haben uns alle verloren. Zwei meiner Freunde waren im Divan-Hotel. Dort bin ich hingelaufen. Ärzte versorgten hier viele Verletzte. Kinder waren da, die ihre Familien im Gerenne verloren hatten. Die Polizei wollte das Hotel stürmen. Wir haben uns alle gegen die Türen gestemmt und sie nicht reingelassen. Dann haben sie mit Gasgranaten ins Hotel geschossen.  

Viele bekamen Asthma-Anfälle. Das Gas verteilte sich im Hotel und konnte nicht abziehen.  
Dann fuhr ein Wasserwerfer der Armee vor, ich hatte große Angst. Neben mir standen Nationalisten. Die haben den Soldaten zugejubelt. Sie riefen: 'Der größte Soldat ist unser Soldat.' Das ist deren Spruch. Aber dann hat die Armee mit Pfeffergas und Wasser auf sie geschossen. Alle sind weggerannt und die Kemalisten haben nur noch geflucht.  

Ich bin dann durch die Stadt nach Hause gelaufen. Unterwegs gab es überall Kämpfe – selbst vor meiner Haustür. Ich musste von hinten in meine Wohnung einsteigen. Das Treppenhaus war voller Gas. Meine Nachbarn haben ihr Sofa aus dem Fenster geschmissen und daraus Barrikaden gebaut. Die Kämpfe dauerten bis in den Morgen.  

Auch wenn wir jetzt viel verloren haben, ich glaube, Gezipark war ein guter Anfang."

Die 19-jährige Ezgi, die am Montag ebenfalls zu Wort kam, ist mittlerweile nach Hause zu ihrer Familie nach Denizli gefahren. Sie selbst hat zwar keine Angst, aber ihrer Familie war das lieber. Den 23-jährigen Studenten Özer konnte unser Autor leider nicht erreichen.

Text: johannes-wendt - Fotos: Johannes Wendt

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