Es geht uns gut, sagt die Umfrage

Stimmungen via Umfragen zu diagnostizieren ist verführerisch.
michael-moorstedt

Stimmungen via Umfragen zu diagnostizieren ist verführerisch. Vor allem, wenn an diesen das Label „Repräsentativ“ heftet. Gerade mit der jungen Generation und ihrer Befindlichkeit haben manche Menschen Schwierigkeiten, weil diese Generation in einem Kontext aufwächst, den sie nicht mehr so ganz mitbekommen. Solche Leute arbeiten beispielsweise bei Forsa oder Yam!, machen Jugendumfragen und glauben danach zu wissen: Es geht ihr gut, der Jugend. Die Frage danach stellte das Meinungsforschungsinstitut in Zusammenarbeit mit dem Zentralorgan für Teenie-Befindlichkeiten genau 502 jungen Menschen zwischen 14 und 18 Jahren. Die Antwort – alles Bestens. Das affektierte „No Future“ Gehabe der Generation X ist passé. Will man der Umfrage Glauben schenken, blickt die Mehrheit der Jugendlichen gut gelaunt in die Zukunft: 70 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich als glücklich. 16 Prozent legten sogar noch eins drauf und gaben an, „sehr glücklich“ zu sein. Nur 14 Prozent verweigern sich dem Trend und erklärten, dass es ihnen zur Zeit nicht so gut gehe. Auch die Dinge, die Besorgnis in den jungen Köpfen erregen sind klar: Konkret ist es vor allem das Thema Arbeitslosigkeit (41 Prozent), das bereits in so manchem Kinderzimmer der Republik für Stirnrunzeln sorgt. Andere Stimmungskiller werden eher diffus wahrgenommen und folgen mit deutlichem Abstand - Angst vor Krieg (zehn Prozent) oder Schicksalsschlägen in der Familie (sechs Prozent). Und auch die Antworten nach dem wirklich Wichtigen im Leben sind eher konservativ: Die Familie ist immer noch Favorit (44 Prozent), einige weniger brauchen ihre Freunde ( 17 Prozent) oder Gesundheit (12 Prozent) zum Glücklichsein. Und auch der Blick in die Zukunft ist, entgegen aller medialen Weltuntergangsschwarzmalerei von Seiten der Bild oder des Spiegel, eher optimistisch gefärbt: 90 Prozent der jungen Menschen glauben, dass 2006 ein gutes Jahr wird. Glückseligkeit allenthalben also, stellt sich nur die Frage nach dem Warum? Dabei kann vielleicht der Schriftsteller Joachim Lottmann weiterhelfen, der das Buch „Die Jugend von heute“ schrieb und in einem Interview meinte, das läge vor allem an der virtuellen Realität. Das Internet simplifiziert unser Leben in vielen Bereichen, warum sollte es dann nicht auch glücklich machen. Sagt Lottmann: „Vielleicht begreifen Jugendliche die Realität viel besser als wir. Nicht als Materie aus Stein und Glas und Fließbändern und Arbeitsplätzen, sondern als virtuelle Realität. Wenn sie nachts von vier bis sieben Uhr chatten, die schönsten Mädchen treffen und über Monate virtuellen Sex haben, sind sie aus gutem Grund glücklich. Und ich kann dazu nur sagen: Hut ab!“ Eben.

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