Extreme Lerntypen oder: Vier Psychogramme des Wahnsinns

Gerade ist Prüfungszeit an den Unis und jeder geht sein Lernpensum anders an. Vier Extreme sind der Stressmacher, der Anstreicher, der Entspannte und der Hochdrucklerner. Eine Beschreibung
peter-wagner

Der Hochdrucklerner

Sein Satz Ja, scheisse, ich muss jetzt dann auch langsam mal anfangen. Das ist er Natürlich verhält er sich wie so viele und rückt vor der Lernphase den Kühlschrank aus seiner Verankerung, aus seinem Loch, seinem Gestank, um den Sud aus 20 Wohnheimjahren, der sich dahinter zu einer schwarz-suppigen Demonstration des Hasses versammelt hat, endlich zu entfernen. Es liegt auch nahe: Wann, wenn nicht jetzt? Er muss Zeit verdrängen, um den Druck zu erhöhen, das Auto bekommt seinen Ölwechsel und die Frisur ihren neuen Schnitt, das Altpapier erhält seine chronologische Ordnung. Mithin verkommt die Zeit also durch nützliche Stundenfüllerei, während die Spinne namens „schlechtes Gewissen“ um den Schreibtisch einen Kokon webt. In den steigt der Hochdrucklerner in der letzten Nacht und es herrscht eine Atmosphäre, die eigentlich nur Sensenmänner mit ihren schwarzen Kappen und leeren Fressen aufzubringen in der Lage sind: Der Hochdrucklerner trägt dann eine fast abgebrannte Kerze mit sich, von der Zimmerdecke scheint Grundwasser zu tropfen, so tief muss er in die Einsamkeit, in den entferntesten Winkel, in den Kokon steigen, um dort endlich aus den letzten zehn vor der Prüfung zur Verfügung stehenden Stunden das zu quetschen, was sich Überleben nennt. Und auf den Rängen an den Zimmerwänden sitzen Druden, Elfen, Walfettfänger, die staunend zusehen, wie der Hochdrucklerner dieser Welt ein ums andere Mal wieder entkommt. Und wie er sie wieder betritt. Deshalb ist er so Der Hochdrucklerner leidet unter Antriebslosigkeit, zudem ist ihm der Ehrgeiz fremd, mit dem die Welt im Wesentlichen zu funktionieren scheint. Er windet sich tagein und tagaus darum, diesen weltlichen Wettbewerb namens Wettbewerb überhaupt wahrnehmen und dann auch noch mitmachen zu müssen, erkennt aber im letzten Moment, dass er für den wahren Protest noch nicht stark genug ist. Und steigt dann doch noch in die ihm eigene Hölle. Er wird mal … ein Romantiker. Das bestellt er in der Kneipe: Absinth. Auf der nächsten Seite: der Entspannte


Der Entspannte

Sein Satz Was macht ihr euch eigentlich für einen Stress? Das ist er Wollte man ihm einen Platz zuweisen, er müsste auf einem Mäuerlein neben dem Hochschul-Eingangstor sitzen, eine Sonnenbrille im Gesicht und ein Beck’s in der Hand. An diesem Ort würde er jedem Vorbeihastenden, in Parodie eines Hofnarren, zurufen: Legt eure frohen Gesichter an! Stoppt das Brimborium! Dort drin ist alles leicht! In der Tat ist ihm seine vorgebliche Faulheit nie anzukreiden, weil er bewundernswerter Weise stets die Bestnoten auf seinen Scheinen und Zeugnissen zusammenscharrt. Ihm ist wirklich nicht klar, warum er lernen soll und in der Tat nimmt er Information mit einer stupenden Leichtigkeit auf, sie scheint nicht in seinem Gehirn verarbeitet zu werden, sie scheint in seine Gesamtperson zu diffundieren. Auch wenn es schwer fällt, er ist der Typus, dem man glauben kann, dass er den ganzen Scheiss erst am Abend vorher überflogen hat. Freilich verkommt er, angeweht vom Flügelschlag des Genialischen, leicht zum Trinker. Macht sich seinen Standortvorteil zunutze und verschafft sich schon nach drei Semestern zwei Augenringe, einen Drogendealer und damit das Karma eines Fußballfans aus Manchester. Er lebt in großer Gefahr, weil er von den Lehrern nicht mehr erreicht wird oder die sich nicht einmal die Mühe geben, diesen Windelweich, diesen Ausbund an Smartheit am Schlawittchen zu kriegen und für eine echte Aufgabe in der Wissenschaft zu erwärmen. So geht der Entspannte zu oft für die wirklich wichtigen Aufgaben verloren. Deshalb ist er so Hochbegabtenförderung ist in Deutschland immer noch so ein Ding. Wer nicht mit schierer Strebsamkeit glänzt, ist Lehrerns suspekt, was im Zweifel auch mit ihrer je eigenen Mittelmäßigkeit zu tun hat. Dieser Typus bräuchte einen Mentor, der ihn rettet. Er wird mal … tief fallen oder groß rauskommen. Dazwischen geht nicht. Das bestellt er in der Kneipe seine Flasche Auf der nächsten Seite: der Anstreicher


Der Anstreicher

Sein Satz Das hab ich aber so mitgeschrieben. Das ist er Wegen ihm wurde das Federmäppchen mit seiner Farbauswahl erst erfunden. Kein Wort, das von ihm nicht mitnotiert würde, keine Mitschrift eines frech frühmorgendlichen Seminars, die man von ihm nicht haben könnte und kein Buch, dessen Zeilen nicht in allen Farben der Welt von ihm persönlich und mit Hingabe angestrichen worden wären. Der Ordnung zuliebe werden den Aussagen in den Skripten und Büchern und Mitschriften Wichtigkeitskategorien zugeordnet, wie sie eigentlich nur das US-Heimatministerium in seiner terrorängstlichen Farben-Bewusstheit kennt und Homeland Security Advisory System nennt. Rot für saugefährlich wichtig (jüngstes Gericht Hilfsausdruck), orange für richtig gefährlich wichtig (Obacht geben, länger leben) undsoweiter. Der Anstreicher ist auch ein erheblicher Sammler und eine Art Ersatzbibliothek, weil, sollten Bücher vergriffen sein, diese in ihrer Gänze beim Anstreicher einzusehen sind. Eine zünftige Form der Schwachsinnigkeit ist dem hektischen Tun des Anstreichers nicht abzusprechen, wenn er streicht und exzerpiert und Stichwortkärtchen-Stapel-Armeen auf seinem Schreibtisch errichtet, die ihm freilich die Sicht auf etwas nicht sehr Unwichtiges versperren: das Wesentliche. Deshalb ist er so Ihm geht der Hauch der Gelassenheit ab, die den Entspannten über Gebühr auszeichnet. Vielleicht sind seine Eltern schuld, die ihm stets das Gefühl gaben, nur in geringem Maße zu genügen. Nie hat er sich richtig frei machen können von seinen Pflichten und sucht nun sein Heil in deren Übererfüllung. Er wird einmal ... das Leben führen, das seine Eltern für ihn vorgesehen haben. Das bestellt er in der Kneipe Textmarkerlösung Auf der nächsten Seite: der Stressmacher


Der Stressmacher

Sein Satz Wisst ihr eigentlich, dass es da noch ein Skript gibt? Das ist er Er ist die blöde Sau unter den extremen Lerntypen. Seinem Wesen wohnt Häme inne, sein Trachten ist allein darauf ausgerichtet, der lernenden Umwelt die eigene Geilheit und die je fremde Schwachheit vor Augen zu führen. Er balanciert stets Vor- und Nachteile aus und ergibt sich darin, den inoffiziellen Kommandeur der Lernschwadronen zu geben. Er ist stets über Gebühr über den Sachstand der Dinge (Prüfungszeit, Anforderung, Inhalte, Prüfende, Verhalten der Prüfer) informiert und hascht geradezu nach Zweiergesprächen, die ihn eigentlich nichts angehen, in die er dennoch funkt um dort für seine Klarheit zu sorgen. Kluge Gesellen gehen im aus dem Weg, denn wenn es so etwas wie den eitlen Lernenden gibt, dann ist er es. Eitel, wohlfeil und im Herzen von enormer Unruhe beseelt, nicht gut genug zu funktionieren. Carolin von Germany’s next Topmodel schien diesem Typus arg nah zu kommen, der die da kommenden Schwierigkeiten einfach vorweg nimmt und dem Lernen an sich auf diese Weise einen unangemessen dramatischen Touch verpasst. Deshalb ist er so Dem Anstreicher nicht unähnlich, zurrt und zieht er an allen Fäden, die Fortkommen bedeuten könnten. Er ist im Grunde der eisernste und schlimmstmögliche Karrierist, der womöglich schon vor den Eltern zum Appell antreten musste und gegen die eigenen Geschwister ausgespielt wurde. Er wird einmal … keine Führungsposition einnehmen. Das bestellt er in der Kneipe Wasser

Text: peter-wagner - Illustrationen: Katharina Bitzl

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