Facebook-Intifada?

Videos zeigen, wie und wo potenzielle Täter am besten hinstechen sollen, um Menschen möglichst schwer zu verletzen. Über die Rolle der sozialen Netzwerke bei den aktuellen Ausschreitungen in Israel.
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"Warum machen die das? Das Mädchen in Afula hatte doch sogar einen Abschluss in Biologie von der Technischen Universität in Haifa", sagt Ofir, ein Freund aus Tel Aviv, am Telefon. Er meint die junge Frau, die in Afula, einer Stadt im Norden Israels, versucht hat, einen Soldaten mit einem Messer anzugreifen. Er meint aber auch Alaa Abu Jamal, den Mann aus Ost-Jerusalem, der mit seinem Auto in eine Menschenmenge an einer Bushaltestelle gerast ist, um anschließend mit einem Fleischermesser auf die am Boden liegenden Verletzten einzustechen. Ofir meint außerdem alle, die in den vergangenen Wochen versucht haben, mit Messern, Äxten und Schraubenziehern israelische Zivilisten und Soldaten zu töten und zu verletzen.

Illustration: Julia Schubert


Erleben wir eine "Facebook-Intifada"?

Bei der aktuellen Gewaltwelle in Israel sprechen viele von einer dritten Intifada. Der erste dieser Aufstände beschränkte sich überwiegend auf die von Israel besetzten Gebiete, in der zweiten Intifada sprengten sich radikalislamische Männer aus dem Westjordanland in Israel innerhalb der Grünen Linie in die Luft. Und jetzt also diese Serie von Messerattacken und anderen Angriffen.

Warum machen die das? Diese Frage ist immer schwierig. Diesmal sind sich viele einig – und vor allem die internationale Presse ist es –, dass die sozialen Netzwerke eine große Rolle spielen. Die ohnehin schon angespannte Stimmung werde vor allem durch die Videos und die Bilder der Attacken, die auf Facebook, Twitter und Youtube rasant verbreitet werden, weiter vergiftet. Die von der eigenen Politik allein gelassenen Attentäter würden hier zu ihren Taten animiert. Dem Internet gelingt also, wozu die machtlose Führung der Palästinenser schon lange nicht mehr in der Lage ist: Junge Menschen für die eigene Sache zu mobilisieren.

Zum einen wird auf privaten Profilen oder Twitter-Accounts von bekannten Persönlichkeiten gegen Juden gehetzt und es werden verstörende Bilder und Cartoons geteilt, die die Anschläge verherrlichen und die Opfer verhöhnen. Die Hashtags dazu heißen übersetzt: "Die Intifada hat begonnen", "Dritte Initfada", "Jerusalem Intifada", "Die Messer-Intifada" oder "Juden abschlachten". Mohannad Halabi, der am 3. Oktober zwei Männer in Jerusalem erstach, hatte in vielen Facebook-Posts die dritte Intifada beschworen und unter das Video, das die Festnahme einer jungen palästinensischen Frau zeigte, geschrieben: "Wut, Wut, Wut. Wacht auf und rettet al-Aqsa. Lass die Revolution beginnen".

Zum anderen wurden in den vergangenen Wochen Facebook-Seiten ins Leben gerufen, auf denen zu weiteren Attacken gegen Israelis aufgerufen wird. Schon Ende 2014 zeigte ein Video – vermeintlich von Hamas veröffentlicht – zu lauter und aggressiver Musik, wie man eine "erfolgreiche" Messerattacke verübt. Auch jetzt tauchen wieder ähnliche Videos auf: Bilder zeigen Anleitungen, wie und wo die potenziellen Täter am besten hinstechen sollen, um möglichst schwere oder gar tödliche Verletzungen hervorzurufen. Woher sie genau stammen und wer sie produziert hat, ist nicht verlässlich zu überprüfen.

Die palästinensische Führung setzt die Propaganda jetzt für die eigene Sache ein – und inszeniert die Täter als unschuldige Opfer

Aber offenbar wirken sie. Die New York Times berichtet, dass Subhi Abu Khalifa, ein 19-jähriger Attentäter, durch genau diese Propaganda seinen Entschluss gefasst haben soll, am Morgen des 8. Oktober mit einem Messer auf einen israelischen Soldaten loszugehen. Zuvor hatte er die ganze Nacht damit verbracht, sich immer wieder Bilder und Videos anzuschauen, auf denen zu sehen war, wie eine Attentäterin angeschossen und verletzt wurde. Auch israelische Medien wie Yedioth Ahronot und Haaretz berichten auf ihren Online-Seiten über die Gewalt und den Hass, der sich in und durch die sozialen Medien verbreitet.

Auch von Seiten der palästinensischen Führung wird diese Propaganda nun bewusst für die eigene Sache eingesetzt. So veröffentlicht die palästinensische Autonomiebehörde Meldungen und Videos, die die Täter als unschuldige Opfer inszenieren, die von Israel gnadenlos exekutiert würden. Währenddessen feiert und zelebriert die Hamas die Täter, die bei ihren Aktionen getötet wurden, und erklärt sie zu Märtyrern. Auf israelischer Seite halten die nationalistische Regierung Netanyahu und ihre Unterstützer weiter an ihrer Politik fest. Auch sie nutzen dafür Propaganda, zum Beispiel auf Blogs des israelischen Militärs.

Viele der Bilder, Videos und Seiten, die Palästinenser zur Gewalt aufrufen, sind mittlerweile nicht mehr zugänglich. Facebook hat sie gelöscht oder gesperrt. Auch die Seite "Stab Israelis", auf der zu weiteren Messerangriffen gegen Israelis aufgerufen wurde, ist mittlerweile nicht mehr abrufbar. Allerdings hat das eine Weile gedauert, selbst die Beschwerde einer israelischen Nichtregierungsorganisation hatte nichts bewirkt. Erst ein Bericht auf Ynet, der Webseite der israelischen Tageszeitung Yedioth Ahronot, ließ Facebook umdenken.

Die Frage, wie Medien Gewalt auslösen oder verstärken, ist eine altbekannte und nicht geklärte. Was man aber sagen kann: Das Internet macht die Masse der Täter unübersichtlicher, uneinheitlicher. Dieses Mal kämpfen nicht nur radikalislamische Männer, es kämpfen auch Israelis gegen Israelis, die Täter sind Palästinenser ohne, aber auch mit israelischem Pass, sie sind weiblich und männlich, religiös und säkular, gebildet und ungebildet. Sie sind jung, teilweise sehr jung, sie sind aus den verschiedensten Gründen wütend und frustriert, sie gehören keinen Gruppen an, sie handeln spontan und entschließen sich zu Hause alleine in ihren (Kinder-)Zimmern dazu, zur Waffe zu greifen.

Diese jungen Menschen trage  sehr viel Zorn in sich. Dass die Hetze im Netz ihn weiter anstachelt, ist wenig verwunderlich. Trotzdem: Die Gründe, warum jemand morgens aufsteht und beschließt, mit einem Messer zu töten, sind komplex. Das Warum wird weiterhin strittig bleiben, "wegen Facebook" ist nur eine der möglichen Begründungen. Ofirs Frage ist aber nicht weniger berechtigt, weil es nur vage Antworten darauf gibt.

Text: claudio-musotto - Foto: ap

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