Ferien-Mails: Dünnschiss aus der Ferne

Die Mail kam um Mitternacht, wie immer waren die Umlaute verschwunden und alles klein geschrieben wie in einem Bekennerbrief der RAF: servus muchachos, ueber die wahnsinnszeit hier habe ich voellig vergessen, euch zu mailen – ist aber auch boese schwierig, weil hier in bolivien gibt es ausser coca nicht viel und internet ist sooooo langsam.
durs-wacker

Die Mail kam um Mitternacht, wie immer waren die Umlaute verschwunden und alles klein geschrieben wie in einem Bekennerbrief der RAF: servus muchachos, ueber die wahnsinnszeit hier habe ich voellig vergessen, euch zu mailen – ist aber auch boese schwierig, weil hier in bolivien gibt es ausser coca nicht viel und internet ist sooooo langsam. dabei habe ich soviel zu erzaehlen!!! ich sag nur vollrausch auf macchu pichu, mit drei verrueckten israelis in der happy hour am titicacasee und diese kleine backpacker-maus aus kanada, naja, aber der reihe nach, es war ja so: Dann folgten vier Seiten. Da dachte ich: Haben sie in Bolivien nicht Ché Guevara erschossen? Wäre es deswegen nicht vielleicht möglich, ein Erschießungs-Peloton auch für alte Freunde zu reservieren, die gerade auf Weltreise sind und ungefragt Reiseberichte von der Länge einer Gesetzesvorlage nach Hause schicken? Und zwar als Sammel-Mails? Mit drei Dutzend Fotos dran? Leider ist in der bolivianischen Botschaft niemand mehr ans Telefon gegangen. Drei Tage später kam eine neue Mail. Zwei Seiten. Ich habe sie nicht gelesen. Ich wusste sowieso schon, was drin steht – wie toll alles sei und die Freiheit und alles easy, Rückflug verschoben, weil verliebt und hey, gerade drei dufte Typen aus Kalifornien getroffen, glaubste nicht: Nicht alle Amis finden George W. Bush geil, Wahnsinn, oder? Ja, Wahnsinn. Ich hasse wenig so sehr wie diese Sammel-Mails aus der Ferne, die mich glauben lassen, dass es irgendwo auf großen internationalen Flughäfen einen Vernunft-Staubsauger geben muss – da gehen dann vollkommen vernünftige Menschen rein und kommen als verhaltensgestörte Weltreisende raus, die von ihren acht Monaten in Südamerika/Südostasien/Sonstwo sechs Monate im Internet-Café verbringen, um in meterlangen Mails aufzuschreiben, was sie in den restlichen zwei Monaten erlebt haben. Das ist zwar genau das, was auch im Lonely Planet steht, aber sie schreiben es auf wie Karl May persönlich. Ist ja auch irre, so ein fremdes Land, wenn man in Cargo-Hosen und einem Hostel voller Australier steckt und vor seiner Pizza Funghi überlegt, ob man mal rausgehen sollte, um echtes Thai-Curry zu essen – aber Vorsicht vor den Garküchen, wg. Dünnschiss! Dünnschiss wäre aber auch super, weil man dann nach Hause mailen könnte, Dünnschiss zu haben, wg. Abenteuer, aber bitte, bitte, liebe Freunde daheim: Macht euch keine Sorgen. Gut, jeder Mensch hat das unveräußerliche Recht auf Dummheit, wenn jemand also die Grenzen seiner Debilität dadurch ausloten will, dass er ein warmes Bier in Ländern ohne Reinheitsgebot zur Wiederauferstehung von Indiana Jones hochjazzt – bitte sehr. Aber dann soll er das in sein Moleskine-Büchlein rein schreiben. Da kann nichts passieren, niemand muss das lesen. Die E-Mails mit dem Betreff „Aus der Ferne“ oder „Neues aus Namibia“ aber muss man lesen, selbst wenn man an 120. Stelle auf CC steht, sonst werden die Freunde in der Ferne wild wie der Fuchsteufel oder irgendein anderes total gefährliches Tier aus der Gegend, in der sie gerade im Internet-Café sitzen. Wehe, man liest das nicht! Wehe, man kann die Abenteuer nicht aufsagen! Wehe, man mag das nicht! Das ist schlimmer als die Situation vor Ort und wird mit Freundschaftsentzug nicht unter sechs Monaten bestraft. Wenn man Glück hat, sind die Semesterferien dann schon vorbei und die Mail-Flut aus aller Welt lässt nach. Bis zur nächsten Mail um Mitternacht. Illustration: dirk-schmidt

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