Fotografieren und fotografieren lassen

Restaurants verbieten das Fotografieren am Tisch oder veranstalten Food-Fotografie-Workshops, damit die Smartphone-Bilder der Gäste nicht zur schlechten Werbung geraten. Höchste Zeit aufzuhören, ins Essen-Fotografieren so viel hineinzuinterpretieren.
kathrin-hollmer

Wenn man gerade versucht, mit seinem Smartphone einen Muffin zu fotografieren, sieht das ungefähr so dämlich aus, wie wenn man gerade in einen reinbeißt. Weil man dabei nun mal blöd aussieht, aber auch, weil sich Außenstehende einfach fragen müssen, was genau jetzt diesen Muffin auszeichnet, dass er für die Ewigkeit festgehalten werden muss.  

Nachzulesen und vor allem nachzusehen ist dieses Phänomen in zig Beispielen auf dem Tumblr „Pictures of Hipsters Taking Pictures of Food“. Dort sieht man Fotos von Leuten, die gerade ihr Essen fotografieren. Natürlich kommen sie nur selten gut dabei weg und natürlich soll das Ganze eine Form von Satire sein, genauso wie der Tumblr „Sad Desk Lunch“, auf dem traurige Fotos von noch traurigeren Mittagessen am Schreibtisch vor dem Computerbildschirm gesammelt werden. Diese Fotos sollen ehrlicher sein als die mühsam drapierten Instagram-Fotos von Obstsalat und Hühnchen-Curry, auch wenn sie in Wahrheit genauso gestellt sind.  

Man kann sich darüber streiten, ob man eine Haferflockensuppe für die Ewigkeit fotografisch festhalten muss. Hübsch sieht sie auf jeden Fall aus.

Die beiden Tumblrs sind charmante Ideen, trotzdem: Über Leute, die ihr Essen fotografieren, zu diskutieren oder herzuziehen ist ungefähr genauso überflüssig wie Hipster-Bashing. Nun könnte man das Ganze großzügig ignorieren - außer, man arbeitet in der Gastronomie und wird jeden Tag damit konfrontiert.

Genau da bilden sich gerade zwei Exteme: Die einen, wie das New Yorker Restaurant „Momofuku Ko“, verbieten das Fotografieren am Tisch, wie der „Guardian“ auf seiner Website schreibt. Die anderen tun genau das Gegenteil und forcieren, ja, perfektionieren den Fotokult vor dem Teller. Die spanische Restaurantkette „Grupo Gourmet“ zum Beispiel. Dort sieht man es gern, wenn die Gäste in ihren Restaurants in Alicante mit den Smartphones ihre Teller fokussieren. „Bei uns fotografieren die meisten Gäste ihr Essen und das macht und sehr stolz“, sagt Raquel Perramon, 31, die dort die Kommunikation leitet und selbst als @raquelpsroman auf Instagram ihr Essen festhält. „Wenn man es höflich macht, verstehe ich nicht, was das Problem ist.“ Und, natürlich, wenn die Fotos auch gut aussehen.

Aus diesem Grund veransteltet die Restaurantkette seit kurzem Fotografie-Workshops für „Foodies“, zu denen Food-Blogger, Instagram-User und „ganz normale Leute, die gerne fotografieren“ kommen, wie Raquel sagt. „Wir geben schon länger Kochkurse, da entstand die Idee, auch Foto-Workshops zu veranstalten. Wir sind alle gern auf Instagram, Facebook und Twitter unterwegs und wollten selbst gern wissen, wie man richtig gute Fotos hinbekommt.“

Ganz so spontan scheint die Idee dann aber doch nicht entstanden zu sein. Dahinter steckt vor allem eine Marketing-Strategie. Wenn die Gäste bei ihren Besuchen in den Grupo-Gourmet-Restaurants schöne, appetitliche Fotos schießen und mit ihren Facebook-, Twitter- und Instagram-Freunden oder auf Foodspotting.com teilen, haben Raquel und ihre Kollegen natürlich auch etwas davon. Dem „Guardian“ sagte die Chefin der Restaurantkette, María José San Román, das schlimmste an Bloggern, die in ihren Restaurants Fotos machen, sei, dass, wenn sie ihre Sache nicht gut machen oder wenn sie erst fotografieren, wenn sie die Hälfte gegessen haben, das Ergebnis furchtbar aussehe.

Die Tipps vom Kursleiter Rafa Galán, einem Fotografen aus Alicante, sollen die Ergebnisse optimieren, auch wenn sie keine Überraschung sind: Man soll das Objektiv von der Smartphone-Kamera reinigen, keinen Blitz oder die Zoom-Funktion verwenden, wenn man Essen fotografiert, und ein Stativ benutzen oder mit einer Flasche oder ähnlichem improvisieren, damit man die Bilder nicht verwackelt. Außerdem empfiehlt er Foto-Apps wie „Snapseed“ und „Big Lens“.    

Jetzt könnte man natürlich sagen, ganz nett, was die Teilnehmer da lernen, aber dafür lassen sie sich als Marketing-Maschinen instrumentalisieren. Das tun sie, ohne Frage, manche bewusst, manche unbewusst. Auch Raquel sagt: „Wenn unsere Gäste ihre Erfahrungen mit ihrer Familie und ihren Freunden teilen, kommen die eines Tages vielleicht auch nach Alicante.“ Und vielleicht auch in eines ihrer Restaurants, denkt sie bestimmt.
Aber: Will das nicht jedes Geschäft bewirken, wenn die Verkäufer die Waren an der Kasse in hübsche Tüten packen, und jedes Restaurant, wenn es Streichholzschächtelchen verteilen lässt? Man kann sie annehmen, benutzen und zur Schau stellen, wenn man will. Oder man lässt es, weil man es ablehnt, sich kaufen zu lassen. Genauso ist es mit der ewigen Diskussion über das Fotografieren am Tisch. Diejenigen, die eines oder mehrere der fast 14 Millionen Fotos unter dem Hashtag #food auf Instagram gepostet haben, macht es glücklich. Die anderen nervt es, vielleicht, weil es sie doch ein bisschen neidisch macht. Mehr lässt sich da nicht hineininterpretieren.


Text: kathrin-hollmer - Foto: Gortincoiel / photocase.com

  • teilen
  • schließen