Frankfurter Führungszeugnis: Der neue Studiengang 'Leadership'

Ab dem Wintersemester 2007/2008 wird an der Fachhochschule Frankfurt erstmals der neue Masterstudiengang "Leadership" angeboten. Über vier Semester soll den Studierenden das Rüstzeug für fachlich und sozial kompetente Führungspersönlichkeiten mitgegeben werden. jetzt.de hat sich mit dem Studiengangsleiter Prof. Dr. Nicolas Giegler über das Wesen guter Führung unterhalten
henrik-pfeiffer

Prof. Dr. Nicolas Giegler Was genau bedeutet der Begriff "Leadership"? Im Zusammenhang mit unserem neuen Studiengang ganz einfach: Führungspersönlichkeit. Oder besser: Führungsqualität. Warum einen Studiengang für Führungspersönlichkeiten? Wir haben beobachtet, dass Absolventen, wenn sie von der Uni kommen und in eine leitende Position gehen, nicht auf die Verantwortung vorbereitet sind, die da auf sie zukommt. Viele entwickeln ihre eigene Strategie, mit Mitarbeitern und bestimmten Sachverhalten umzugehen – sie bilden eine Art Schutzpanzer, durch den irgendwann keiner mehr durchdringen kann. Das kann fatale Konsequenzen für Mitarbeiter und Unternehmen haben. Wir möchten, dass die Studierenden Persönlichkeiten entwickeln, die sensibel für die Stärken und Schwächen von sich selbst und anderen sind. Wie sieht für Sie eine ideale Führungspersönlichkeit aus? Das perfekte Rezept für eine Führungskraft gibt es nicht. Wir wollen auch gar nicht einen bestimmten Führungstypen erzeugen, sondern eine Vielfalt aus unterschiedlichsten Führungstypen entstehen lassen. Die zentrale Haupteigenschaft, die wir herausstellen wollen, ist Sensibilität – und zwar im Hinblick auf drei wesentliche Faktoren. Erstens: andere Personen, also Vorgesetzte, Kollegen oder unterstellte Mitarbeiter; zweitens: die Situation, also die unternehmerischen Rahmenbedingungen; drittens: sich selbst. Man könnte sagen, eine gute Führungspersönlichkeit birgt eine sensible Wahrnehmung für diese drei Faktoren. Können Sie Beispiele für besonders gute oder schlechte Führungspersönlichkeiten nennen? Jedenfalls nicht einfach so ins Blaue. Es kommt tatsächlich immer stark auf den Hintergrund an, vor dem die Führungspersönlichkeit steht. Zum Beispiel ist in manchen Führungsjobs eine konsequent unternehmerische Sicht der Dinge erforderlich. Solche Führungstypen erscheinen dann von außen betrachtet als sehr hart. Aber in Wirklichkeit machen sie nur ihren Job, der eine gewisse Konsequenz erfordert, um das Unternehmen weiter zu bringen. Deshalb versuchen wir, den Studierenden ein umfassendes Wertespektrum zu vermitteln, das unternehmerische Konsequenz genau so beinhaltet wie ethische Aspekte. Aber ist Führungsstärke nicht eher eine Charakterfrage? Kann man das überhaupt lernen? Ja, das höre ich oft. "Zur Führungspersönlichkeit muss man geboren sein", und so weiter. Aber ich sehe das etwas anders: Führung ist ein Verhalten, und Verhalten kann man trainieren. Wir werden das in unserem Studiengang mit Vorlesungen und Seminaren, aber auch mit fallbezogenen Rollenspielen tun. Es bringt einem wirklich viel, bestimmte Situationen durchzuspielen und danach ein Feedback auf das eigene Verhalten zu bekommen, zu analysieren und die Meinung anderer zu hören. Diese Chance bekommt man später im Berufsleben nämlich eher selten. Was für Leute sind das, die sich auf den Studiengang "Leadership" bewerben? Bis jetzt sind die Bewerbungen absolut vielversprechend. Wir starten in diesem Wintersemester mit 18 Plätzen. Ich hatte gehofft, dass diese Gruppe eine bunte Mischung werden würde, die sowohl den karriereorientierten BWLer als auch den kreativen Freak beinhaltet, und genau so ein Mix zeichnet sich gerade ab. Wir bekommen Bewerbungen aus ganz Europa, was mich auch sehr freut. Je vielfältiger desto besser - jeder soll vom anderen lernen. Ein wichtiger Bestandteil von Mitarbeiterführung ist die Konfliktbewältigung, also der Umgang mit unangenehmen Situationen wie Entlassungen oder Abmahnungen. Wie gehen Sie damit um? Das wird ein gleichberechtigter Punkt sein, der zusammen mit den positiven Aspekten einer Führungsposition erarbeitet wird. Man darf vor den negativen Seiten eines Jobs nicht die Augen verschließen, schon gar nicht, wenn man Personalverantwortung hat. Menschlichkeit und Glaubwürdigkeit heißen die Zauberworte im Konfliktmanagement, und das wollen wir vermitteln. Die heile Welt vorzugaukeln, wäre der falsche Weg. Heißt das, Sie wollen der deutschen Führungselite zu Besserem verhelfen? Das klingt so, als ob sie jetzt total schlecht wäre, und das würde ich nicht sagen. Mir fällt im Rahmen meiner Tätigkeit als Unternehmensberater aber oft auf, dass Führungskräfte sich nicht über ihre Möglichkeiten im Klaren sind. Viele sagen: "Ich würde ja gerne besser mit Angestellten umgehen, sie fairer behandeln, aber das lässt die deutsche Unternehmenskultur ja nicht zu. Wenn ich das mache, verliere ich meinen Job." Ein furchtbarer Trugschluss! Wir wissen heute, dass Verantwortungsbewusstsein und Sensibilität ein Unternehmen kolossal aufwerten, ohne dass die unternehmerische Konsequenz darunter leiden muss. Das Problem liegt oft darin, dass die Unternehmen keine klar abgesteckten Ziele verfolgen, deshalb können ihre Führungskräfte sich nicht konsequent verhalten und geraten ins Schlingern. Gute Führungsqualitäten kann man nur mit einem klar umrissenen Unternehmensziel weiterentwickeln - sowohl in fachlicher als auch in menschlicher Hinsicht. Wären Sie beleidigt, wenn man den Leadership-Masterabschluss als "Führer-Schein" bezeichnet? Kommt drauf an, wie Sie das meinen. Wenn man den Begriff aus der eigentlichen Bedeutung ableitet, nicht. Ein Führerschein befähigt mich ja, ein Fahrzeug mit mir selbst und anderen als Passagier sicher und unbeschadet durch das System Straßenverkehr zu manövrieren. Ein Zertifikat, das einen befähigt, sich und andere Personen sicher und unbeschadet durch das System Arbeitswelt zu manövrieren, das finde ich nicht schlecht. +++ Masterstudiengang "Leadership" an der Fachhochschule Frankfurt am Main: Für die Zulassung ist ein Abschluss in einem betriebswirtschaftlichen oder fachlich verwandten Bachelor- oder Diplomstudiengang mit der Note „gut“ bzw. ein gleichwertiger ausländischer Abschluss mit einer Regelstudienzeit von mindestens 6 Semestern erforderlich. Grundkenntnisse in den Bereichen Betriebs- und Volkswirtschaft, Arbeitsrecht und Englisch sind nachzuweisen. Ein berufspraktisches Semester oder eine mindestens 6-monatige Berufspraxis nach den Studienabschlüssen ist erforderlich. Bewerbungen für das Wintersemester 2007/08 sind noch bis 15. September 2007 möglich. (Foto: FH Frankfurt)

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