Eine der schönsten Formen der Weltflucht sind Zeitschriften. Magazine sind zum Träumen da. Wer High-Fashion-Roben mag, sie sich aber nicht leisten kann, kauft sich stattdessen die „Vogue“. Wer von schönen Häusern träumt, blättert durch „Architectural Digest“ und wer eine Instant-Befriedigung für sein Fernweh sucht, greift zu „Geo Saison“. Und wenn man schon etwas älter ist und Sehnsucht nach einem Gemüsegarten hat, dann gibt es ja auch noch die „Landlust“. Bloß, wenn man ein junger Digital Native ist, aber Bildschirmarbeit, 24/7-Onlinesein und verspannten Nacken trotzdem gerne öfter mal gegen frische Luft, Draußensein und rote Bäckchen eintauschen würde, dann war man bisher nicht versorgt. Marktlücke geschlossen: Seit Mittwoch ist Päng! beim Kiosk deines Vertrauens erhältlich.

Junge Menschen, glückselig beim Versteckenspielen im Park. Die erste Ausgabe von Päng!

Das Leitbild von Päng! lautet: "Für die Wirklichkeit gibt es keinen Ersatz." Im Editorial erklären die Päng!-Macherinnen, was damit gemeint ist: "Je mehr sich unser Alltag technisiert," schreiben sie, "desto intensiver sehnen wir uns nach echten Erlebnissen. Einfach Jacke anziehen, rausgehen und was erleben. Mal schauen, wen man draußen trifft und was passiert. Können wir bitte hier und heute sofort wieder damit anfangen?"

Die knapp 100 Seiten starke erste Ausgabe hat denn auch, passend zur Grundausrichtung und zum beginnenden Frühling, den Titel "Endlich wieder draußen spielen" bekommen. Dazu passend zieren zwei glückliche junge Menschen beim Verstecken Spielen im Park das Cover. Alle drei Monate soll Päng! künftig erscheinen, immer mit jahreszeitlichem Schwerpunkt, der sich durch alle drei Rubriken ("Das wilde Leben", "Selber machen" und "Alles außer Kunst") zieht. Diesmal gibt es etwa den "Drahtesel-Frühjahrscheck", Vorschläge für Ausflüge in den Wald und einen Workshop zum Baumhausbauen.

Das alles kommt total entschleunigt und mit Öko-Chic daher, auf mattem Naturpapier und mit vielen verspielten Details im Layout. Päng! ist ein wahnsinnig hübsches Magazin geworden, das man sofort durchblättern möchte. Hinter dem Magazin steht aber kein großer Verlag. Das ist ein bisschen verwunderlich, denn Päng ist eine Art Kreuzung aus "Neon" und "Landlust" geworden (hätte man ja auch nicht gedacht, dass das möglich ist) - den wohl beiden erfolgreichsten Magazinentwicklungen der letzten zehn Jahre auf dem darbenden Printmarkt. Die Idee zu Päng! stammt aber von Josephine Götz. Josephine ist 25 und hat in ihrer Bachelorarbeit das Konzept für die Zeitschrift entwickelt. Nun ist sie die Herausgeberin des Magazins. Für die erste Ausgabe hat sie per Crowdfunding das nötige Geld eingesammelt, über Anzeigengelder wurde der Druck finanziert.
   

Josephine Götz, 25, hatte die Idee zu Päng! und ist nun Herausgeberin des Magazins.

Das Paradoxe: Besonders zauberhaft ist Päng! immer dann, wenn das Magazin das Draußen-ist-besser-Dogma verlässt, bei einem Wohnungsbesuch bei einer jungen Stuttgarterin etwa, bei einem Interview mit jemandem, der erzählt, wie er das Konzept offene Beziehung lebt oder bei einem Bericht über das Leben mit Albinismus.
    
Wenn aber in der Masse unablässig das schöne Leben an der frischen Luft gepriesen wird - etwa von einer Endzwanzigerin, die sich fragt "Wer hat nur die Arbeit in geschlossenen Räumen erfunden?", nachdem sie auf einer Kräuterfarm eine Auszeit von Bildschirmarbeit und Meetings genommen hat, von Menschen, die auf einem Einrad die Alpen überqueren und von jemandem, der mitleidig zu dem Schluss kommt "Meine Jugend oder Kindheit möchte ich nicht mit einer von heute tauschen" - dann fühlt sich das gar nicht nach Glücklichsein draußen im Freien an, sondern nach elterlicher Ermahnung.

Etwas penetrant schlägt einem in Päng! so ständig der Subtext entgegen: Los, raus an die frische Luft mit dir! Verdaddel deine wertvolle Lebenszeit nicht mit Browsergames, in Online-Foren oder mit Katzencontent. Eigentlich fehlt nur noch der Artikel, der nachweist, dass man vom ausdauernden Bildschirmanstarren wirklich viereckige Augen bekommt. Dieses Pochen auf guten, echten Erlebnissen im "wirklichen Leben" passt nicht zur Lebensrealität vieler junger und auch vieler nicht mehr ganz so junger Menschen, in der das Internet sozial ist und auch im Digitalen viele schöne, lebenswerte Dinge passieren. Auch wenn man dummerweise manchmal Nackenverspannungen davon bekommt. Dass es in der Bildschirmwelt auch sehr aufregend ist, hat übrigens ausgerechnet der Autor des Früher-Kind-zu-sein-war-schöner-Artikels auch erkannt. Er endet nämlich mit den Worten: "Verhängt heute doch einmal über ein Kind Stubenarrest. Es ist keine Strafe mehr."