Fünf Taktiken für Silvester

Weihnachten ist einfach, Silvester ist jedes Jahr wieder schwer. Dabei gibt es eigentlich nur fünf Taktiken für den Jahreswechsel.
max-scharnigg

1. Abwarten: „Ich warte bis mich jemand einlädt!“ Wer Inhaber eines gesunden Bekannten- und Freundeskreises ist, für den ist Stillhalten und Abwarten auf eine Silvester-Einladung die beste Taktik. Schon rein statistisch gibt es in lockeren Bekannschaftsblasen ab zwanzig Personen irgendeinen, der sich berufen fühlt einzuladen. Die Bequemlichkeit hat einen Preis: Es quälen den Abwartenden seit Mitte November Zweifel, ob ebenjener lockere Bekanntenkreis in den vergangenen zwölf Monaten nicht vielleicht zu locker wurde. Das Schlimmste wäre nämlich die post-jahreswendliche Erfahrung, dass es zwar eine (total kinky) Party von dem alten Volleyballkumpel gegeben hätte – der Abwarter aber nicht eingeladen war. Das zu vermeiden, strengt er im letzten Quartal ein schnelles Aufhübschen seiner Sozialbilanz an, telefoniert, kifft mal wieder mit, klopft auf Schultern und legt damit das Fundament für die Ruhe, die er beim Abwarten braucht. Denn wenn erst der 26. Dezember verstreicht, ohne schriftliche Einladung, ohne weitergeleitete Mail-Offerte und sogar ohne vertraulich in die Hand gedrückte Flyer, weht schnell ein kalter Wind durch den Nervenwald. Gar nicht nur, weil der Abwartende so gern feiern möchte - eine Silvester-Schlappe wäre nichts weniger als der Beweis für ein, in gesellschaftlicher Hinsicht, vertanes Jahr. Oder anders gesagt: Die Zahl der Silvestereinladung markiert den Pegel des eigenen Marktwerts. Bei Leuten, die gerne Listen führen, sieht das dann so aus: 2003 – sechs Silvester-Einladungen, davon eine Berghütte, eine intime (Michi). 2004 - sieben Silvester-Einladungen, davon fünf private, keine intime ( F. der Depp!!). 2005 - elf Einladungen, nur drei private, allerdings dafür zwei intime (P. und M.(!)). Erklärung: Private Partys zählen in diesem Ranking natürlich mehr als solche, bei denen ein Club gefüllt oder ein Bierkontingent verkauft werden müssen. Einladungen, bei denen man Eintritt bezahlen muss, zählen gar nicht. Getoppt werden Einladungen zu privaten Partys wiederum von intimen Einladungen – das sind solche, bei denen der Jahreswechsel vor allem unter dem Aspekt inniger erotischer Zuneigung begangen werden soll. Und wer dazu zwei oder mehr Einladungen aufweisen kann, hatte ganz sicher kein ganz verbummeltes Jahr. Notiz: Einladungen auf Berghütten, Inseln oder nach Übersee kommen in eine Extra-Wertung. Nächste Seite: Spätzünden


2. Spätzünden: „Sollen wir nicht doch noch irgendwas machen?“ Interessante Kumulation: Unter dieser Taktik versammeln sich umgefallene Abwarter (Taktik Nr.1), also jene, bei denen sich abzeichnet, dass nichts mehr kommt oder eingetroffene Einladungen nicht annehmbar sind, wie auch umgefallene Verweigerer (Siehe Taktik Nr. 5). Insgesamt also eine recht häufige Taktik mit unterschiedlichen Enden, die aber für gewöhnlich damit beginnt, dass sich die Spätzünder zusammentelefonieren und ihres Status nicht bewusst sind. Sie verlieren deshalb viel Zeit mit dem Denken an unerreichbare Ziele. („Berghütte wäre doch super!“ / „Ein schönes klassisches Konzert vielleicht?“). In einer schmerzhaften Katharsis müssen sie dann im Schnelldurchlauf folgendes durchleben: Alle Hütten vermietet, alle Clubs ausgebucht, alle Restaurants ausgebucht oder geschlossen, Events jeglicher Schmerzgrenzen auch. Die Grobplanunug deutet also recht schnell auf eine festliche Inanspruchnahme von eigener Wohnung und öffentlicher Straße hin. Aber auch da lauert, je später die Spätzünder zünden, ein demütiges Erwachen: Fonduesets ausverkauft, Spiritus fürs Fondue ausverkauft, bzw. Läden am 31. Dezember dummerweise ab mittags geschlossen. Der Tragik einer Silvesterfeier deren Genussvorrat sich aus den Beständen einer Tankstelle bestückt, kann man nur mit großem Interesse an Fatalismus begegnen – und dann wird es evtl. lustig. Wer über diese Gabe nicht verfügt, sollte bestrebt sein, den „Wir stellen schnell noch selber was auf die Beine“- Gedanke in die Luft zu schießen wie eine Rakete und sich in möglichst unauffälliger Art unter professionell Feiernde zu mischen. Denn überhaupt: Partys mit fünf Leuten, die nicht bei anderen eingeladen wurden oder die vorher erwogen hatten „den ganzen Stress einfach zu verschlafen“, sind keine Partys, sondern Selbsthilfegruppen. Nächste Seite: Gewohnheiten pflegen


3. Gewohnheiten pflegen: „Jens und Krispie haben sich noch nicht gemeldet, aber ich gehe mal davon aus…“ Fast noch mehr als an Weihnachten werden an Silvester Gewohnheiten hochgehalten. Es gibt Menschen, bei denen vererben sich Jahreswechsel-Traditionen bereits in vierter Generation (z. B.: Gemeinsam rechte Schuhe an die große Tanne werfen). Und dazu gehört auch die Neigung (vor allem bei Langzeit-Paarungen jeglicher Art), dass man die Jahreswechsel mit der immer gleichen (kleinen) Gruppe an Leuten verbringen möchte, und am Besten auch im immer gleichen Rahmen. Das hat entscheidende Vorteile: man muss nicht viel drüber nachdenken, kennt Abläufe, Absonderlichkeiten und Kleiderordnung und stellt sich darauf ein. Eine gewisse Aufregung besteht eventuell darin, dass man sich von Jahr zu Jahr mit dem Einladen abwechselt und somit sahnige Gelegenheiten bietet, neue Flickenteppiche, ausgebaute Speicher und hinzugeborene Familienmitglieder zu begutachten. Interessant ist, dass diese Silvestergemeinschaften in extremen Fällen auch nur zum Selbstzweck existieren können, das heißt: man kennt die anderen eigentlich nur mit brodelndem Blei in der Hand. Dieses führende Silvester-Modell der 50er-80er Jahre ist angesichts von Patchwork- und Lebensabschnittspartnerschaften leicht überholt. Denn falls sich (was wahrscheinlich ist) Jens und Krispie eines Tages trennen, sie aber mit der Ausrichtung der diesjährigen Einladung für die ebenfalls frisch geschiedenen Jochen und Bine „dran“ gewesen wären, könnte es dazu kommen, dass Bine und Tristan (der Neue) routinemäßig mit der Mousse au Chocolat-Schüssel bei Jens und Käsi (die Neue) klingeln, wo sich wenige Minuten vorher auch Krispie und Veit (der Neue) einfanden. Im besten Fall erwächst aus diesem Abend eine neue Silvestergemeinschaft – mit drei Locations. Was aber, wenn sich die derart eingewöhnten Paare abermals trennen? Wird die Silverstereinladung nach den Mendelschen Gesetzen weitergegeben? Gibt es ein Schneeballprinzip? Stehen eines Jahres 48 Paare mit Mousse au Chocolat-Schüsseln vor der Tür von Jens und Trophäa (die Neue)? Nächste Seite: Die Traditionsparty machen


4. Traditionen bewahren: „Wie jedes Jahr – ab 18 Uhr bei mir“ Hier erlebt man den schönen, seltenen, Fall, in dem die eigene Silvesterparty einer traditionellen Einrichtung gleich kommt und als solche Jahr für Jahr an Strahlkraft dazu gewinnt, wie eine Schneemannkugel bei Pappschnee. („Ey, bei Mütze ist es IMMER irgendwie super!“). Solch stadtbekannte Vorschusslorbeeren macht es einem als Veranstalter jahrelang recht einfach, man muss sich weder durch Innovationen, noch komplizierte Gästeauswahl hervortun, kann im Gegenteil: genüsslich sondieren und sich ansonsten auf der ruhmreichen Geschichte der Party ausruhen. Klar, es gibt wieder Wodka-Ananas-Bowle aus der Badewanne, klar wird wieder das große Feuer vor der Nachbargarage angezündet, klar kommen die Bullen schon vor zehn. Wenn es trotz der bewährten Zutaten eines Jahres langweilig zu bleiben droht, kann man sich darauf verlassen, dass weit angereiste Gäste notfalls mit brutaler Gewalt Erzählenswertes schinden. („Kommt, wir beschmeißen uns mal probehalber mit Essen!“ / „Ich habe dir gerade zum Spaß die Fonduegabel in den Oberschenkel gesteckt!“) Das geht noch zwei Jahre lang gut, dann aber sollte man als Veranstalter die Zeichen der Zeit deuten und entweder Zusammensetzung oder Struktur seines Periodikums ändern. Sonst endet die „legendäre Party“ in einem Sitzkreis sturer Gründungsmitglieder und in einer Stimmung wie auf der letzten Konferenz der Höhlenbären vor dem Aussterben. Nächste Seite: Verweigern


5. Verweigern: „Diesmal lege ich mich einfach um zehn ins Bett!“ Ein beliebtes Prinzip, um sich in individualistischen Ballungsräumen trotz mittlerer Originalität Gehör zu verschaffen, ist das Verweigern allgemein anerkannter Standards. So ist demjenigen der am Mensatisch spricht: „Ich lege mich dieses Silvester einfach um zehn ins Bett“ immer noch ein gerüttelt Maß an Aufmerksamkeit sicher. (Vorausgesetzt, er sitzt nicht allein). Das heroische, das dieser Haltung bei flüchtigem Betrachten anhaftet, ist natürlich nichts anderes als Mist. Schließlich geht man ja die restlichen Tage auch ins Bett wann man will. Wem also danach ist, sollte es tun, sich mit dem Verkünden dieser Tat aber an den anderen 364 Tagen orientieren und also schweigen. Wer ein überzeugter Verweigerer ist, wird, Störung von außen mal vernachlässigt, ruhigen Herzens einschlafen können, am nächsten Tag einen erfrischenden Spaziergang durch die Ruinen seiner Umwelt machen und daraus vielleicht auch eine exzentrische Selbstbestätigung ziehen. Wer aber unsicher mit dem Verweigern ist, wer vielleicht gar nur aus Mangel an interessanten Alternativen oder aus vager Unlust früh ins Bett steigt, der wird sich grausam wälzen und weinen, bis mindestens fünf Uhr morgens. Denn keine Nacht ist anfälliger für melancholischen Wulst, für Schwermutwucherungen und Selbstzweifel, für trauriges Grübeln über verpasste Chancen und alternde Sorgen. Deswegen trinken die Leute ja! Und peitschen sich Goldflitter in die Augen! Also, wer sich nicht ganz sicher ist: raus, wenigstens auf die Straße und eine Wunderkerze schnorren. Illustrationen von: dirk-schmidt

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