Fußball gegen einen vergessenen Krieg

Vor der Europameisterschaft sprechen alle von der Begeisterung für Fußball. Das "Streetfootballworld"-Turnier zeigt, wie das Spiel auch Wunden heilen kann
philipp-mattheis

„Celik“ bedeutet Eisen. So heißt Iwans Fußballteam. Iwan ist bosnischer Kroate, aber in seiner Mannschaft spielen sowohl Kroaten als auch Moslems und Serben. Später einmal möchte er Medizin studieren. Aber nur, wenn das wirklich nicht klappen sollte mit der Fußballerkarriere. Er ist 16 Jahre alt und seit elf Jahren trainiert er fünf- oder sechsmal die Woche. Vor der Schule und nach der Schule. „No problems“, sagt er. „Einer spielt für alle und alle spielen für einen.“ Während Iwan spricht, kommentiert eine Stimme auf Englisch das kurze Spiel zwischen Deutschland und Irland. Sie sagt Dinge wie „Lovely pass“, „Great effort“ und immer wieder „Streetfootball Foca 08“. In den Pausen wummert Hiphop aus den Boxen. Der deutsche Torwart flucht, als ihm ein kleines irisches Mädchen im grünen Trikot den Ball ins Netz zwirbelt. Zum Glück haben sich die beiden Mannschaften zuvor darauf geeinigt, Tore von Mädchen nicht doppelt zu zählen. „Lovely goal“, sagt die Jahrmarktstimme durch das Mikrofon und am Ende verliert die deutsche Mannschaft 1 zu 2. Alle achtköpfigen Teams des Tuniers spielen ohne Schiedsrichter. Die Mannschaften haben sich zuvor untereinander auf Regeln geeinigt. Nach dem Spiel analysieren sie gemeinsam, was vielleicht verbessert werden könnte. So sollen die Jugendlichen lernen, Kompromisse zu finden. Fußball als internationale Sprache. Foca, gesprochen „Fodscha“, liegt in der Republik Srbska, der serbischen Entität innerhalb der Föderation Bosnien-Herzegovina, 70 Kilometer südöstlich von Sarajewo. Von allen Seiten umgeben grüne Hügel den Ort und durch seine Mitte fließen die klaren Wasser der Drina. Für Foca ist das Streetfootballworld-Tunier ein Großereignis. 24 Mannschaften aus 15 Ländern Europas treffen sich zwei Tage lang, um vom 23. bis zum 25. Mai miteinander Fußball zu spielen. 200 Jugendliche beherbergt an diesem Wochenende der Ort. Der Linienverkehr ist ausgesetzt, weil alle Busse benötigt werden, um die Fußballmannschaften zu befördern. Die Hotels sind ausgebucht und alle reden davon, wie begeistert sie sind, wie großartig das Tunier ist und welch positive Botschaft von dieser kleinen Stadt und vom Fußball ausgeht. Der deutsche Ex-Nationalspieler Karsten Ramelow gibt Kindern Autogramme. Bosnien soll zurück in die Welt oder wenigstens in das Bewusstsein Europas. Während des Krieges, der zwischen 1992 und 1995 das Land und dessen Bewohner verwüstete, fielen in Foca knapp 3000 Moslems den ethnischen Säuberungen zu Opfer. Es kam zu systematischen Vergewaltigungen moslemischer Frauen und Mädchen. Vernes, Iwans Teamkollege, ist Moslem. Sein Großvater fiel im Krieg, da war Vernes gerade zwei Jahre alt. Aber seine Eltern sagen: „Der Krieg ist vorbei und es muss weiter gehen.“ Er hofft, dass Deutschland die EM gewinnt wegen Oliver Kahn. Der habe immer aggressiv mit ganzem Herzen gekämpft. Er hofft auch, dass Bosnien-Herzegowina bald in die EU kommt. Dann gebe es bald mehr Arbeit und weniger Bosnier gingen ins Ausland. Wenig später kriechen wieder Regenwolken über die bewaldeten Hügel hinab in das Tal von Foca und alle strömen in die schwüle Sportgaststätte, in der alte Männer sitzen und Bier trinken. Ihre Gesichter sind zerfurcht, wie die Landschaft, aus der sie stammen.

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„Alle dieser Männer waren damals im Krieg. Sie haben Furchtbares erlebt und sie haben Furchtbares getan.“ Vladimir ist Sportpsychologe und Direktor des Streetfootballworld-Programms. Der 33-Jährige hat Dreadlocks, die ihm bis zur Hüfte reichen. „Wir machen hier Graswurzelarbeit. Streetfootballworld soll den Fußball außerhalb der Organisationen fördern.“ Er spricht mit strahlend blauen Augen von seiner persönlichen Philosophie, die vor allem mit Vorstellungskraft zu tun hat. „Alles, was Menschen sich vorstellen können, ist machbar,“ sagt er. „Aber das kommt nicht von selbst. Um das Ziel zu erreichen, muss man täglich dafür arbeiten.“ Das Ziel ist: Jugendliche nicht nur, aber vor allem aus Bosnien, zusammenzubringen und zusammenzuhalten. Das Ziel ist, Wunden zu heilen und zu vergessen, was geschehen ist. Vladimir legt zwei Flyer des Streetfootballtuniers auf den Tisch. Jeder der Prospekte ist zur Hälfte grün und zur anderen rot. „Stell Dir vor, diese beiden Blätter sind die Städte Foca und Gorazde. Rot sind die Serben, grün die Moslems. Vor dem Krieg lebten in beiden Städten etwa gleich viele Moslems und Serben.“ Dann dreht er die beiden Flyer, überdeckt sie und nimmt zwei weitere hinzu. Eines der Blätter ist nun vollkommen rot, das andere ganz in Grün. „Das war nach dem Krieg.“ Er zeigt auf eine Häuserruine auf den Hügeln. „Heute leben in Foca nur noch Serben. Manche moslemischen Kinder sehen an diesem Wochenende zum ersten die Heimatstadt und die Häuser ihrer Eltern, aus denen sie vertrieben worden sind. Und sie spielen mit Serben zusammen Fußball.“


Vladimir selbst ist dem Krieg entkommen. 47 Mal wollte ihn das serbische Militär zwischen 1993 und 1999 einberufen. Seine Großmutter hat alle Einberufungsbescheide für ihn aufgehoben. Er versteckte sich unter falscher Adresse. Irgendwann wurden seine Augen sehr schlecht. Das war sein Glück; für das Militär war er untauglich geworden. Er ging nach Darmstadt und nach zwei Jahren an die Uni Potsdam, wo er einen Lehrauftrag erhielt. Vor zwei Jahren organisierte er ein solches Tunier in Berlin-Kreuzberg. „Wir haben Jugendmannschaften aus ganz Europa auf dem Mariannenplatz versammelt. Das war unglaublich!“ Dann erzählt er von der Geschichte des Balkans, vom Zweiten Weltkrieg, in dem auch schon Serben gegen Kroaten und Moslems kämpften. Dann lebte man 50 Jahre in Frieden, doch nie habe man vergessen, wer wer war und wer wem etwas angetan hatte. 1992 brachen mit einem Mal alle Wunden wieder auf. Es folgte der blutigste Krieg innerhalb Europas seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Über 100.000 Menschen starben, 40 Prozent davon waren Zivilisten. Und heute? Noch im Februar dieses Jahres, als der Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien erklärte, kam es zu Ausschreitungen in Foca. „Über den Krieg sprechen die Menschen hier nicht mehr. Aber es gibt hier auf dem Fußballplatz keinen Bosnier, der nicht mindestens ein Familienmitglied im Krieg verloren hat. „Auch das Unvorstellbare passiert manchmal.“ Robert ist 38 und spricht über das Unvorstellbare. Auf Deutsch. Sein Urgroßvater war Österreicher gewesen, er kam ins Land, als Bosnien noch Teil Österreich-Ungarns war. Robert war 22 Jahre alt, als das serbische Militär den Ring um Sarajewo schloss. Es folgte die längste Belagerung einer Stadt des 20. Jahrhunderts. Drei Jahre lang beschossen die Serben von den Hügeln aus die Stadt, in der vor allem Kroaten und Moslems lebten. Durchschnittlich schlugen an einem Tag 300 Granaten in Sarajewo ein. Tschetniks, Heckenschützen, töteten leise alles, was sich zur falschen Zeit bewegte. Die Welt sah zu und unternahm nichts – drei Jahre lang. Robert wollte kämpfen und er kämpfte für Sarajewo. Am Ende besiegten ihn nicht die Serben, sondern der Hunger: Knapp 60 Kilo wog er noch, als er die Stadt verließ. Eines Nachts wagte er es. Er flüchtete er in den schmalen Korridor am Flughafen, den die UN noch offen hielt. Unter Todesgefahr. Denn sobald nachts die Scheinwerfer der UNO angingen, begannen die Serben den Korridor unter Feuer zu nehmen. Doch Robert schaffte es. Er ging nach Innsbruck, in die Heimat seines Urgroßvaters, und beantragte Asyl. Zehn Jahre blieb er in Österreich, nur arbeiten durfte er nicht. Er schlug sich mit Schwarzarbeit in Restaurants durch. Als er 1997 zum ersten Mal sein Heimatland wieder sah, war aus Bosnien ein fragiles, traumatisiertes Gebilde geworden. Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei 40 Prozent. Robert lebt wieder in Sarajewo. Heute wiegt er über 100 Kilo, daran sei das deutsche Bier schuld. Hunger hat er keinen mehr. Hoffnung auch nicht. „Ich bin Musiklehrer, ich spreche Deutsch, Italienisch, Englisch und Kroatisch. Aber es nützt mir nichts. Ich finde keine Arbeit.“ Die Kinder sollen optimistisch sein“, sagt er. „Ich kann das nicht mehr. Ich bin enttäuscht.“ Die Regenwolken haben sich verzogen, die Sonne brennt wieder auf die malerische Landschaft hinab. Die Mannschaften Niksic aus Montenegro und Zenica aus Bosnien Herzegovina bestreiten das Finale. Niksic gewinnt. Als Abschiedsgeschenk erhalten alle Teilnehmer einen Ball. Über den Krieg sagt Iwan: „Wir blicken in die Zukunft, über die Vergangenheit reden wir nicht mehr. Es muss weitergehen.“ Mehr zur Fußball-EM: Das Das jetzt.de-EM-08-Sammelbilder-Spiel und Karten gewinnen beim SZ-Magazin

Text: philipp-mattheis - Fotos: Autor

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