Gar nicht lustig: Kim Schmitz singt

Netzpolitik taugt mittlerweile sogar als Werbeclip für einen One-Click-Hoster. Megaupload-Gründer Kim Schmitz fängt dafür sogar an zu singen. Ein Kommentar
dirk-vongehlen
Heute ist der Tag, an dem Kim Schmitz' Biografie um eine überraschende Tätigkeitsbeschreibung ergänzt werden sollte: Neben Internetunternehmer, Hochstapler und Hacker kann dort künftig auch Sänger stehen. Denn seit heute ist sein Song "Mr. President" vollständig im Netz verfügbar. Damit wird musikalisch offenbar auf den 90er-Jahre Dancefloor-Trash der gleichnamigen Band angespielt, die mit Liedern wie "Coco Jambo" einen gewissen Ruhm erlangte. Inhaltlich ist der Titel  durchaus politisch gemeint: "What about free Speech, Mr. President?" singt Schmitz anklagend im Refrain und stellt sich in eine Reihe mit Martin Luther King. Genau wie der  - so Sänger Schmitz weiter - habe auch er einen Traum. Dieser Traum hat offenbar mit den Protesten gegen das gerade abgelehnten ACTA-Abkommen und mit Guy Fawkes Masken zu tun - beide Motive sind im Video durchgängig zu sehen. Dazwischen dokumentarische Bilder von der Verhaftung von Kim Schmitz und - Achtung Symbolik - eine Marionette im Pressesaal des Weißen Hauses, dem Amtssitz des amerikanischen Präsidenten. 

Dass Kim Schmitz als Sänger die Öffentlichkeit sucht, ist nicht nur stimmlich verwunderlich. Immerhin ist er der Mann, dem vorgeworfen wird, mit seinem One-Clickhoster Megaupload Urheberrechtsverletzungen im gewerblichen Maß organisiert zu haben. Er ist nun plötzlich selber ein Urheber. Dass er deshalb die Sympathien der Musik- und Filmindustrie, die gegen ihn vorgehen, gewinnen wird, ist unwahrscheinlich. Darum geht es Kim Schmitz aber auch nicht. Er will viel lieber auf dem Zug mitfahren, dessen Lokomotive in Deutschland die Piratenpartei und ihre erstaunlichen Umfrageergebnisse bilden. Kim Schmitz will sich zum Helden derjenigen machen, die Anfang des Jahres gegen des umstrittene Acta-Abkommen auf die Straße gingen. Und weil das aus guten Gründen nicht von allein klappt, hat er jetzt ein Video gedreht, das 239 ewige Sekunden nur einen sehnlichen Wunsch ausdrückt: die Hymne der Netzgemeinde werden zu wollen.

Dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen. Nicht nur, weil die Musik zu schlecht, die Bilder zu falsch und die kommerziellen Interessen des Megaupload-Machers zu durchsichtig sind. Dieses politisch aufgeladene Werbevideo eines Geschäftsmanns wird vor allem deshalb keine weitere Bedeutung erlangen, weil Kim Schmitz nicht im Ansatz verstanden hat, worum es in der aktuell laufenden Urheberrechtsdebatte eigentlich geht. Niemand ist für seine Geschäftsinteressen auf die Straße gegangen. Die Menschen haben sich vielmehr dagegen gewehrt, für alltägliche Tätigkeiten kriminalisiert und in einen Zusammenhang mit dem Treiben gewerblicher Urheberrechtsverletzer gestellt zu werden.  Wenn ausgerechnet Kim Schmitz jetzt versucht, sich wie in einem zu vollen U-Bahnwaggon in deren Nähe zu drängen, wird er damit kaum Freunde gewinnen. Im Gegenteil: Er diskreditiert eine Bewegung, die mit dem Scheitern von Acta (das bis nach Neuseeland nicht vorgedrungen zu sein scheint)

Kim Schmitz scheint verstanden zu haben, dass sich im Netz eine politische Stimmung geformt hat. Was diese jedoch ausmacht, versteht er keineswegs. Sonst hätte er den Namen seines Angebots vermutlich nicht in die Liste der drei Gesetzesvorhaben gestellt, die allesamt von denjenigen abgelehnt werden, die Schmitz erreichen will: Sopa, Pipa, Acta, Mega" klingt zwar schön, wenn er das jedoch ernst meint, heißt es: Das Netz sollte sich gegen Mega engagieren. Womöglich kann das nötig werden.