Gegen Biometrie, für Romantik

Film-Student Ole Kretschmann stellt ausgemusterte Fotokabinen aus den 50er Jahren in deutschen Großstädten auf. Heraus kommen: Charmante Spaßbilder im alten Querstreifen-Format und mit Retro-Kontrast.
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Viermal blitzt es unangekündigt. Das erste Licht kommt wenige Sekunden, nachdem man zwei Euro in den Geldschlitz gesteckt hat. Deswegen ist das erste Bild meistens nicht schön, aber spontan und ehrlich. Starrer Blick, die Augen geschlossen oder Haare im Gesicht. Doch immer charmant. Der Charmeur heißt Ole Kretschmann, ist studierter Drehbuchautor, schrieb aber nach seinem Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin nur für die Schublade. Nach einer spontanen Idee im Urlaub, sich mit Freunden in einen alten Fotoautomaten zu quetschen, kaufte der 34-Jährige zusammen mit Kumpel Asger Doenst die erste Fotokabine, über 50 Jahre alt und auf dem Schrottplatz schon fast eingestampft. Ole arbeitet zwar noch als Drehbuchautor, aber das, was eigentlich mal sein Beruf werden sollte, ist nun ein intensives Hobby. Hauptberuflich ist er Fotokabineninhaber. Angefangen am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz, finden sich mittlerweile 15 Kabinen in vielen deutschen Städten. Zwei Automaten stehen sogar in Paris. Im Interview mit jetzt.de erklärt er, wieso Fotoautomaten im Zeitalter von digitaler Fotografie plötzlich wieder so angesagt sind.

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Illustration: Julia Schubert

Automat in Hamburg jetzt.de: Heutzutage besitzt jeder eine Digitalkamera, mit der lustige Bilder entstehen können. Und Passbilder machen viele beim professionellen Fotografen. Wieso setzen sich die Leute trotzdem in die alten Automaten? Ole Kretschmann: Den Menschen gefällt der unmittelbare Moment. Die meisten Automaten stehen an Hauptverkehrsstraßen im öffentlichen Raum, aber die Enge der Kabine erzeugt eine ganz präsente Sinnlichkeit. Der Moment des Blitzes ist auf dem Bild gefixt und lässt sich danach nicht mehr ändern. Deswegen zeigt der Automat den Menschen ehrlich, wie sie sich in dem Moment gefühlt haben. Digitale Bilder hingegen kann man verändern und retouchieren. Ausserdem hat man nach dem Fotografieren im Automaten einen Streifen in der Hand. Bei digitaler Fotografie ist das nicht sofort möglich. Der Blitz geht sofort los, wenn man das Geld reinsteckt. Sind die ersten Bilder immer die schlimmsten? Im Gegenteil: Die ersten sind die interessantesten. Sie entstehen spontan, weil man nicht erwartet, dass es sofort losgeht. Der Fotografierte hat nicht die Chance, sich zu verstellen oder in das Licht zu rücken, in dem er gesehen werden will. Das erste Bild ist das ehrlichste. Werden die Automaten nur für Spaßbilder benutzt oder auch, um seriöse Passbilder zu machen? Erstaunlich viele Menschen machen ihre Bewerbungsbilder in unseren Fotokabinen. Vor allem in der kreativen Branche, für Bewerbungen an Kunstakademien zum Beispiel. Sie spielen mit dem Verfremdungseffekt, der durch den harten Kontrast von Schwarz und Weiß entsteht. Wieso werden selbst schüchterne Menschen im Fotoautomaten spackig und albern? Obwohl die Kabinen auf großen, viel besuchten Plätzen stehen, ist man allein und für sich, wenn man den Vorhang zuzieht. Den Moment dieser Intimität nutzen vor allem diejenigen zum Experimentieren, die sich sonst nicht gern fotografieren lassen. Kann man auf eine bestimmte Subkultur reduzieren, wer in die Automaten geht? Nein, keine Subkultur, aber es sind Menschen, die die Ästhetik der Fotos verstehen. Die etwas Künstlerisches darin sehen und unterscheiden können zwischen unseren Fotos und den Standard-Fotofix-Bildern. Wer das nicht kann, hat an unseren Fotokabinen keinen Spaß.

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Ihr bekommt oft Automatenfotos zugeschickt. Was machen die Leute darauf? Alles. Die Kabinen geben ihnen die Möglichkeit, kreativ zu sein. Sie küssen, essen, quetschen sich zu fünft oder sechst in den engen Kasten, posen mit Sonnenbrillen, halten Pappschilder mit Sprüchen hoch, ziehen die klassischen Grimassen... …Sex? Klar. Streifen von Leuten beim Sex haben wir auch schon gefunden. Hast du bestimmt schon oft gehört: Die Bilder erinnern an "Die fabelhafte Welt der Amelie". Das höre ich ständig. Und auch wenn es mittlerweile nicht mehr originell ist, freue ich mich immer wieder. Der Film hat die Sinne geschärft für die Romantik alter Fotos. Und wenn das die Automaten auch schaffen, ist das für mich das schönste Kompliment.

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Illustration: Julia Schubert

Automat in Paris Wo die Automaten stehen und mehr findest du hier unter photoautomat.com.

Text: julia-finger - Fotos: Asger Doenst/photoautomat.com

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