Geh doch nach drüben! Wie Studenten in den Osten umgeleitet werden sollen

Die westdeutschen Universitäten erwartet in den nächsten Jahren ein Studenten-Ansturm. Für den Osten ist das Gegenteil prognostiziert, Politik und Wirtschaft schlagen Alarm: Die ostdeutschen Unis müssen besser für sich werben
henrik-pfeiffer

Wenn in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge, genauer gesagt deren Kinder ihr Abitur absolvieren, geht an westdeutschen Unis das Gedränge los. So lauten zumindest die Prognosen. Studienplätze werden knapp, die Zulassungsbeschränkungen verschärft. Den ostdeutschen Hochschulen ist das genaue Gegenteil verheißen. Die Immatrikulationen werden dort zurückgehen, vor allem, weil die Abiturienten in Scharen abwandern. Seit der Wiedervereinigung schrumpft die ostdeutsche Bevölkerung, ihre Geburtenrate ist rückgängig, seit 1991 haben fast drei Millionen Ostdeutsche ihre Heimat verlassen, nur knapp zwei Millionen sind zugewandert. In der Hoffnung auf bessere Berufschancen entscheiden sich vor allem junge Frauen für ein Studium im Westen, wie das Statistische Bundesamt im Juli diesen Jahres ermittelte. Nun suchen Politiker und Uni-Verantwortliche nach Möglichkeiten, diesen Trend umzukehren. Eine Idee für einen Trendwechsel steht in einer Studie über Zu- und Rückwanderung nach Ostdeutschland, die Anfang November das Berliner nexus Institut gemeinsam mit der Hochschule Magdeburg-Stendal und der Uni Leipzig vorstellte. Studiengebühren erlassen? Die Idee: Die Hochschulen im Osten sollen mit ihrer Familienfreundlichkeit werben. „Interviews mit akademischen Müttern und Vätern im Rahmen der Studie belegen, dass das soziale Muster, jung Kinder zu bekommen, in Ostdeutschland besonders stark ausgeprägt ist“, heißt es im Ergebnis. Studierende Eltern seien demnach deutlich sesshafter als kinderlose. Es wäre also ein Ansatz, sagen die Forscher, auf dieses Muster mit einem familienfreundlichen Bildungsangebot zu reagieren. Zum Beispiel, indem man studierenden Eltern im Osten die Studiengebühren erlässt oder „Universitätsgroßmütter“ zur Kinderbetreuung in der Vorlesungszeit zur Verfügung stellt.

Ein Medizinstudent mit seiner Tochter am Computer in seiner Wohnung im neuen familienfreundlichen Wohnheim der Uni Leipzig - ein verlockendes Angebot? (Foto: dpa) Bundesbildungsministerin Anette Schavan gehen solche Ansätze jedoch nicht weit genug. Während aktuell zwischen den Bundesländern ein Hochschulpakt verhandelt wird, um den Studierendenzustrom im Westen handhaben zu können, setzt Frau Schavan auf die Ostumleitung. Mehr Werbung? Es müsse mehr Bestrebungen geben, westdeutsche Studierende an ostdeutsche Hochschulen zu bringen, sagte sie in einem Interview der Sächsischen Zeitung. Darin rief sie die Ost-Hochschulen zu verstärkten Werbemaßnahmen auf, um eine Studenten-Wanderung in Richtung aufgehende Sonne herbeizuführen. „Eine Imagekampagne für das Studium in den neuen Ländern ist beschlossen“, so Schavan. „Im Osten gibt es gut ausgestattete Hochschulen mit vielen attraktiven Studienplätzen. Ich würde es gut finden, wenn es mit Unterstützung der westdeutschen Landesregierungen eine stärkere Bewegung von Studierenden in den Osten gäbe.“ Wie genau die Wanderung attraktiv gemacht werden soll, ist allerdings bislang unklar. Genauso fraglich ist, ob sich für AbiturientInnen die Hochschul-Kinderbetreuung als relevantes Argument für ein Studium in den fünf Ostländern erweisen kann. Endlich die Vorzüge rausstellen: Bedingungen sind ideal Hans-Liudger Dienel ist Projektleiter am nexus Institut und sieht trotzdem gute Chancen, die Abiturienten von morgen an die Ost-Hochschulen zu leiten. „Mit wenigen Maßnahmen könnten die Universitäten kluge Köpfe in den Osten locken, statt sie in Richtung Westen zu verlieren. Die Bedingungen an ostdeutschen Unis müssen nicht zwingend verbessert werden – sie sind in vielen Bereichen jetzt schon ideal. Erforderlich wäre, dass man die infrastrukturellen, hochschul- und sozialpolitischen Vorteile endlich klar herausstellt. Es ist eben stark eine Imagefrage. Wenn es dem Staat gelänge, die Rahmenbedingungen für Studierende flexibler zu gestalten, zum Beispiel im Bereich der Familienförderung, dann wären viele ostdeutsche Unis den westdeutschen gegenüber mittelfristig sogar klar im Vorteil.“ Die bestehenden Vorteile ostdeutscher Unis liegen auf der Hand. Seien es das zahlenmäßig mitunter phänomenal ausgewogene Studenten-Professoren-Verhältnis oder die traumhaften Bedingungen gerade in weichen Studiengängen wie Sozialpädagogik und Musiktherapie (dort fehlen die Frauen): Laut Dienel liegt der Schlüssel zum Erfolg allein darin, die tollen Bedingungen auch zu kommunizieren.

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