Get the hell outta here!

Nur ein englisches Wort oder ein ganzer englischer Satz: Die Wahl des Anglizismus verrät mehr über einen als man denkt.
nadja-schlueter

Es gibt die Guten und die Bösen. Zumindest im Blockbuster oder in Entenhausen. Es gibt sie aber auch in der Gruppe der Anglizismenverwender. Über Anglizismen selbst muss man nicht viele Worte verlieren – das haben Menschen, die sich die Rettung der deutschen Sprache auf ihre Fahne geschrieben haben, schon zu genüge getan. Darum soll hier nun auch nichts Großes gesagt werden über unsere alltäglichen englischen Wörter. Blockbuster zum Beispiel. Gibt’s, nehmen wir hin, finden wir irgendwie, am ehesten ganz normal, am wenigsten störend und außerdem müssten wir sonst „Kassenschlager“ sagen, weil es sonst nichts gibt, und das will ja keiner. Aber es soll etwas gesagt werden über Anglizismen verwendende Menschen und deren Einstellung, die hinter der Verwendung erkennbar wird.



Die guten Anglizismenverwender sind nicht zwangsweise sparsam im Gebrauch englischer Wörter. Es kann sein, dass sie ständig eines im Mund führen. Aber die Tatsache, dass es ein einzelnes ist, das in den Satz hineingestreut oder isoliert ausgesprochen wird, ist dabei von großer Bedeutung. Man kommt mit diesen Menschen aus dem Kino und sie sagen: „Der Film war zwar ganz gut, aber schon ein bisschen strange“ oder man erzählt ihnen davon, wie nachts das Telefon klingelte und am anderen Ende jemand schnaufte und sie sagen: „Scary!“ Niemand, der so spricht, tut dies, um die benutzten Worte und den eigenen Sprachumgang hervorzuheben. Es ist reine Emphase: „Seltsam“ oder „gruselig“ wirken ein bisschen zu brav, zu zurückhaltend, um auszudrücken, was man ausdrücken möchte. Das fremdsprachliche Wort transportiert das Befremden eindeutiger. Ähnlich verhält es sich mit „lame“ oder „wicked“, deren Klang allein die Sache manchmal besser trifft als die deutsche Entsprechung. Das haben jene, die diese Wörter wählen, verstanden. Und ansonsten spielen sie einfach gern.

Schwieriger wird es, wenn jemand mehrere englische Worte in Reihe spricht. Bekannteste Wendung hier: „Good for you.“ Weniger bekannt, aber ähnlich erschreckend: „If you tell me.“ Das erste große Problem dieser Anglizismen-Sätze ist, dass man sich als damit Bedachter nicht ernst genommen fühlt. Sie wirken auf eine ähnliche Art herablassend wie die amerikanischen Mädchen in der Jugendherberge, die einen morgens mit ihrem Krach wecken und mit hellen Stimmen „Oh sweetheart, did we wake you up?“ fragen. „Good for you“ klingt wie „Good for you, mir aber total egal“ und „If you tell me“ wie „If you tell me, ich glaube aber, dass ich es besser weiß.“ Natürlich ist auch ein deutsches „Schön für dich“ oder „Wenn du es sagst“ keine Lobeshymne, aber die anglisierte Version steigert das Maß der Herablassung von „Was du gesagt hast war so naja bis egal“ hin zu „Was du gesagt hast berührt meinen weitschweifenden Geist nicht“ oder „Das habe ich doch schon vor drei Jahren in Vietnam gehört/gesagt/gewusst.“ Die Fremdsprache fungiert hier als Ausdruck der Weltläufigkeit, der Überlegenheit, des Vorsprungs. „Get the hell outta here“, das sagen diese Menschen auch, und sie sagen wirklich „outta“, weil sie verstanden haben wollen, wie man slangt. Die betont amerikanische oder britisch-englische Aussprache ist es schließlich auch, mit der einige Menschen der Gebrauch der englischen Sprache auf die Spitze treiben. Ihre Attitüde ist die Weltläufigkeit inklusive totalem Verständnis für das Andere. „Get the hell outta here“ klingt wie „Zwar verwende ich Anglizismen, bin mir aber dessen bewusst, kenne den Ursprung des Ausdrucks und kann ihn sogar angemessen markieren – und jetzt hau ab.“ Während die guten Anglizismenverwender also mit ihren Worten bloß betonen, hervorheben und herumspielen, schwingen sich die bösen auf das hohe Ross des Manns und der Dame von Welt und galoppieren davon in den sophisticated sunset. Mögen sie dort bleiben.

Text: nadja-schlueter - Foto: secretgarden / photocase.com

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