Ghostface Killah - das Zünglein an der Heroinwaage

Ghostface Killah - Veteran des Wu-Tang Clan - hat mit "Fishscale" das wohl bislang beste Rap-Album des Jahres abgeliefert. Vielleicht, weil er von den Drogen, über die er rappt, inzwischen die Finger lässt.
jonathan-fischer

Hiphop scheint heute zwiegespaltener denn je: Einerseits hat er dank Kanye West das moralische Bewusstsein und die Kunstsinnigkeit der Mittelklasse für sich entdeckt. Andererseits verkaufen selbststilisierte Gangster wie 50 Cent das Ghetto als wohlfeile Mischung aus Party, Hedonismus und Hochglanz-Verbrechen – ein gut sortierter „Candy Shop“ für Teenage-Fans und Mode-Mitläufer. Wo aber ist all der dramatische Dreck geblieben, der Hiphop einst seine besten Storylines lieferte? Wer glaubt noch an den surrealen Straßenkrimi als Quell der Poesie?

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Illustration: Julia Schubert

Gerade New Yorker Rapper hatten es in diesem Fach einst zu großer Kunst gebracht: Nas dichtete meisterhafte Überlebens-Prosa. The Notorious B.I.G. brachte seine tragische Gangsterlyrik ins Spiel. Und der Wu-Tang-Clan rüstete den Rap Noir mit Drogen-Schwaden und Kung-Fu-Mystik auf. Das ist über ein Jahrzehnt her. Nun will Ghostface Killah – als glaubwürdigster Überlebender der alten Wu-Schule - noch einmal das Shaolin-Schwert entrosten. Und zurückblicken in eine Zeit, als Hiphop schlichtweg die besseren Geschichten erzählte. „Damals ging es uns um Originalität und neue Wortschöpfungen“, klagt Ghostface. „Heute benutzen fast alle Rapper das gleiche Vokabular“. Sein neues Album „Fishscale“ aber färbt nichts schön. Begräbt etwaige Sentimentalitäten in einem düster-hypnotisierenden Groove. Und erinnert an Drogenkriege, geistige Verwirrung und einem eher schmutzigen als glamourösen Überlebenskampf auf der Straße

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Illustration: Julia Schubert

Fotos: Def Jam/Universal Nixen mit Halle-Berry-Haarschnitt und Sponge Bob im Bentley Ghostface heißt Geistergesicht. Und geisterhaft wirkt der 34-jährige Dennis Cole aus Staten Island nicht nur, wenn er mit weißer Gesichtsmaske auftritt. Auf „Fishscale“ führt er sein Publikum vor allem durch Andeutungen, Metaphern und narrative Sprünge in die Irre. Selbst Muttersprachler dürften die Hälfte der Zeit keine Ahnung haben, worüber der Wu-Tang-Veteran eigentlich redet. Schon der Plattentitel! „Fishscale“ bezeichnet eine besonders reine Form von Kokain. Und das weiße Pulver scheint auch den Rapper zu beflügeln. Stichwort „Crack Nostalgia“. In “Kilo” etwa lässt uns Ghostface – mit dem von einer weiblichen Soulstimme gesungenen Refrain „1000 grams are a kilo“ - beim Herstellen, Verpacken und Verticken des Pulvers zuschauen. Doch das Drogengeschäft hat hier keinen goldenen Schimmer: Statt Ruhm produziert es gebrochene Handgelenke, Familienstreit und selbstzugefügte Schussverletzungen. Sparsam produzierte, finster dräuende Beats verstärken die Paranoia. Ob J. Dilla, Pete Rock, MF Doom oder Just Blaze: Die „Fishscale“-Produzenten haben mit trockenen Drums, Streicher- und Soul-Zitaten tief in die Trickkiste der Old-School gegriffen um eines der dichtesten Werke des East-Coast-Rap zu schaffen.

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Illustration: Julia Schubert

Ghostface Erzählstil im Kino-Breitwand-Modus verflicht Beobachtungen, Erinnerungen, Träume. Zum Beispiel „Underwater“: Zu einem mysteriösen Flöten-Sample schwimmt unser Held auf dem Boden des Ozeans, erzählt er in traumähnlichen Allegorien von Nixen mit Halle-Berry-Haarschnitt, von Sponge Bob, der in einem Bentley Coupe sitzt und die Isley Brothers hört – bis Ghostface an einer Moschee landet und Trost in islamischen Chants findet. Ein versteckter Hinweis auf die neu gefundene Religiosität des Wu-Tang-Veteranen. Ansonsten aber trennt Ghostface Leben und Rap. Auch was die Drogen betrifft: „Ich habe seit zwei Jahren keinen Joint mehr geraucht“. Wahrscheinlich das Geheimnis hinter dem genialen Crack-Opus. Schließlich kennt Ghostface die Realität und ihre Kosten nur allzu gut: Sein Wu-Tang-Clan-Kollege Ol’Dirty Bastard war erst 2004 an einer Überdosis Kokain gestorben. "Fishscale" ist vor kurzem bei Def Jam /Universal erschienen.

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