Gib die Zukunft her! Shai Agassi und sein Kampf fürs Elektroauto

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Shai Agassi hat mit Andre Agassi, dem Mann von Steffi Graf nichts zu tun, aber er ist gerade mindestens so interessant, wie es der Tennisspieler Agassi (acht Grand Slam-Titel) mal war: Shai Agassi, geboren in Israel, hat jahrelang Software programmiert, jetzt will er auf Teufel komm raus die Welt zu einem Better Place machen. So lautet der Name seiner Unternehmung, die die interessierten Menschen in ein großes Lager von Unterstützern und in ein kleines Lager von Nörglern spaltet. Das große Lager freut sich, dass da mal einer ordentlich dem Elektroauto das Wort redet und eine praktische Idee hat. Weil es so ist: Elektroautos können höchstens um die 250 Kilometer mit einer Ladung Strom fahren, dann müssen sie wieder neben einer Steckdose parken. Agassi dachte sich: ‚Ha!’ Wir bauen in allen Ländern Stromtankstellen, in denen Roboter einfach den leeren gegen einen vollen Akkumulator tauschen. Nix mit Ladezeit! Für diese Idee erwärmten sich bislang Israel und Dänemark und die Automacher von Nissan und Renault. Noch in den nächsten Jahren soll in diesen Ländern ein Netz von Ladestationen entstehen und Autofahren soll dann wie Handytelefonie funktionieren: Das Auto gibt es fast umsonst, wenn der Fahrer einen Vertrag mit dem Akkuprovider abschließt. Soweit die Agassi-Vision, der sich vergangene Woche erst wieder ein paar Städte aus Kalifornien angeschlossen haben (siehe Foto). Alle wollen sie unabhängig vom Öl werden, alle wollen sie jetzt endlich mal was sehen von der Energiewende. Sie wollen sehen, dass das geht, mit den Elektroautos, sie gehören zum großen Lager der Unterstützer. Zum erwähnten kleineren Lager gehören jene, die sagen: 'Tjaha, schön gebrüllt, ihr Elektrowürste. Aber schon mal drüber nachgedacht, dass der Strom auch nicht nur aus der Steckdose kommt? Dass es im Moment noch ganz schön Sprit kostet, diesen Strom herzustellen, den ihr da in den Autos der Zukunft nutzen wollt? Shai Agassi ficht das nicht an, er hat mit seinen 40 Jahren schon viel Selbstbewusstsein getankt und das kam so: Agassi wächst in Israel auf und interessiert sich für Computer. Er sammelt Lochkarten und gründet gemeinsam mit seinem Vater im Alter von 22 Jahren die IT-Firma Quick Soft und danach noch ein paar Unternehmen. Eine der Gründungen verändert sein Leben: "TopTier". Dort entwickelt er "Portal-Software" und erregt die Aufmerksamkeit von SAP. Der große Softwareladen kauft schließlich den kleinen für 400 Millionen Dollar und schafft dem damals 28-Jährigen Agassi einen Premiumjob: Er wird von einem der deutschen SAP-Gründer, Hasso Plattner, unter die Fuchtel genommen und soll sich neue Sachen ausdenken. Macht er auch. Als er aber vorschlägt, die SAP-Software doch besser zu verschenken und die Kunden nur noch für den Service zahlen zu lassen, schütteln die Kollegen den Kopf. Dennoch hätte er der Obermufti des ganzen SAP-Imperiums mit mehr als 50.000 Mitarbeitern werden können, was er aber nicht wollte, weil er irgendwann Elektrobusse sah und an Akkumulatoren dachte und schließlich sagte: "Batteriewechselstationen!" Das war Ende 2006. Er durfte auf einem Kongress vor berühmten Menschen wie Tony Blair und Shimon Peres sprechen und schlug Israel vor, unabhängig von Öl werden. Mit Elektroautos und Wechselakkus. Kurze Zeit später rief der damalige Präsident von Israel, Shimon Peres, bei ihm an. Er fragte: "Und, wie sieht es jetzt damit aus?" Schon im April 2007 kündigt Agassi und Hasso Plattner wundert es nicht. „Er ist ein Entrepreneur. Er wollte nicht warten.“ Der Ungeduldige stattet "Better Place" mit 200 Millionen Dollar Startkapital aus und predigt fortan jedem, der nicht rechtzeitig weghört das Batterien-Ding. Elektroautos sollen endlich Massenware werden, Akkus sollen quasi abonniert werden, ein bißchen erinnert das Prinzip an seine Idee mit der verschenkten Software.

Ein Bild vom vergangenen Donnerstag. Wir sehen links Robert F. Kennedy Jr., der für kluge Gründungen Investitionsgeld gibt. Rechts sehen wir den Bürgermeister von San Francisco und in der Mitte ist der Geschäftsführer von "Better Place", Herr Agassi. Die Herren freuen sich, weil mehrere Städte in Kalifornien sich auf etwas Neues geeinigt haben: Sie wollen in den nächsten Jahren ziemlich viele Batterieladestationen in ihren Städten bauen. Heute, eineinhalb Jahre nach Gründung von Better Place sieht es nicht schlecht aus: Renault, Better Place und die israelische Regierung haben sich inzwischen zusammengetan und wollen dem benzinbetriebenen Auto in Israel bis 2015 den Garaus machen. Mit einem dänischen Stromerzeuger gibt es einen ähnlichen Vertrag, in Frankreich will Nicolas Sarkozy auch unbedingt die Elektroauto-Revolution, in Australien dasselbe Bild. In drei Jahren soll Renault nun mit der Massenproduktion der extra angefertigten Autos beginnen. Agassi, den Menschen schon als „extrem charismatisch“ bezeichnet haben, neigt wegen seiner schnellen Erfolge jetzt gern zur Aufgeblasenheit. Dem Magazin des Schweizer „Tagesanzeigers“ sagte er kürzlich: "Man bot mir die Leitung grosser Firmen an, die Führung von NGOs, ich hätte Politiker, Privatier, Investor, ich hätte einfach alles machen können. Aber ich nahm das grösste denkbare Risiko auf mich." Deshalb fahren ihm nun auch die Kritiker vor den Bug und erinnern daran, dass Strom nicht beim Liebemachen entsteht und in der Produktion gehörig viel Sprit frisst. Aber Agassi juckt das nur begrenzt. Er sagt: Würden alle gut 700 Millionen Autos, die zurzeit auf der Welt fahren von Akkus betrieben, hätten wir schon 10 Prozent CO2 gespart. Zudem steigere seine Idee die Nachfrage nach Strom und davon würden vor allem auch die Erzeuger von Erneuerbaren Energien profitieren. Und ganz außerdem: Die Autos könnten den ungenutzen Strom aus, zum Beispiel, Solarzellen nutzen! Nachmittags, wenn der Energieausstoss der Solarzellen am höchsten ist, ist der Bedarf in den Haushalten niedrig - gespeichert kann der Strom nicht werden. Aber genutzt, meint Agassi: in den Akkus, die für seine Elektroautos geladen würden. Er glaubt, dass er gerade so richtig auf der guten Seite steht, Shai Agassi. Und diese Sicht der Dinge lässt er sich auch nicht verderben. "Ich werde weitermachen", sagt er. "Bis wir den Krieg gewonnen haben."

Text: peter-wagner - Foto: ap

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