Go West?

Migranten, das sind immer die anderen.
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Illustration: Julia Schubert

Migranten, das sind immer die anderen. Die afrikanischen Flüchtlinge vor Ceuta, der spanischen Exklave in Marokko, die am Stacheldraht der EU scheitern. Die Menschen in den vollgepfropften Booten vor Italien. Die Einwanderer in den Hochhaussiedlungen Kölns, Frankfurts und Berlins, denen nachgesagt wird, sie würden in Parallelwelten leben. Aber Migration ist kein Phänomen, das auf den transnationalen Raum beschränkt wäre. Denn ganz grundsätzlich bedeutet Migration erst einmal, dass da jemand umzieht, dass jemand aufbricht und den Ort, an dem er bisher war, verlässt, weil die Welt irgendwo anders besser zu sein scheint. Das gilt auch für Jugendliche im Osten Deutschlands, die die Dörfer ihrer Jugend häufig verlassen, um ihr Glück und bessere Jobs im Westen zu suchen. Zum internationalen Tag der Migration an diesem Sonntag ein Blick auf die Migration innerhalb Deutschlands – von Ost nach West. Wenn die Bundesregierung ein Projekt mit Geld und Tatkraft unterstützt, bedeutet das meistens: Hier liegt tatsächlich etwas im Argen. Und das tut es wirklich. In diesem Fall ist es die immer noch massive Abwanderung aus dem Osten Deutschlands. Die Zahl der Menschen, die seit 1990 den Osten der Bundesrepublik verlassen haben, ist immens: 712 000. Das sind über 100.000 Menschen mehr als in Städten wie Stuttgart oder Dortmund leben. „Perspektiven für junge Menschen – gemeinsam gegen Abwanderung“ wurde 2005 in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend gegründet, um Ansätze und Modelle zu entwickeln, wie dieser Wegzug gestoppt oder wenigstens verlangsamt und begrenzt werden könnte. Was aber kann eine solche Initiative tun gegen die Arbeits- und Perspektivlosigkeit? Dieser Frage hat sich neben der Politik auch die Wissenschaft gewidmet. Christiane Dienel ist Professorin an der Fachhochschule Magdeburg-Stendal und hat mit einer Gruppe von Studenten eine repräsentative Studie erstellt, in der mehr als 1000 Abwanderer aus Sachsen-Anhalt ausführlich zu ihren Beweggründen befragt wurden. Das Überraschendste: Es sind nicht die Arbeitslosen, die gehen – im Gegenteil. Meist entscheiden sich junge und gut ausgebildete Menschen für den Wegzug. Weil sie den Glauben verloren haben, dass sie in ihrer Heimat die Chance zum sozialen Aufstieg bekommen. Und weil sie wissen, dass sie in der Lage sind, sich ein besseres Leben zu erarbeiten – woanders.

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Illustration: Julia Schubert

Christiane Dienel, Professorin an der FH Magdeburg-Stendal „Der Schwerpunkt der Abwanderung“, sagt Christiane Dienel, „liegt bei Frauen ungefähr bei 22 Jahren und bei Männern, wegen der Bundeswehr, etwa zwei Jahre später. Der konkrete Anlass ist oft der Arbeits- oder Studienplatz.“ Aber auch das zeigt die Studie der Fachhochschule Magdeburg-Stendal: Es ist fast nie die eigene Arbeitslosigkeit, die Auslöser für das Weggehen ist. „Oftmals sind es gerade die Arbeitslosen, die zurückbleiben“, sagt Christiane Dienel. „Denn die größte Gruppe der Abwandernden hatte auch in Sachsen-Anhalt einen Arbeitsplatz und wollte trotzdem weggehen – weil sie mit ihren Arbeitsbedingungen nicht zufrieden sind.“ Was also kann eine Initiative gegen die Arbeits- und Perspektivlosigkeit tun? „Grundsätzlich“, sagt Frau Dienel, „sind diese Wanderungsbewegungen nur schwer politisch beeinflussbar. Aber im Kleinen kann man die Randbedingungen schon verändern.“ Und: Das Prinzip Hoffnung könnte im Falle dieser Problematik tatsächlich ein Teil der Lösung sein: „Das Stichwort Hoffnung ist sehr wichtig. Migration hat viel mit Image und Stimmung zu tun. In unserer Studie wurde zum Beispiel auch deutlich, dass viele Absolventen in Sachsen-Anhalt nicht einmal mehr nach Arbeitsplätzen suchen, weil sie nicht daran glauben, dass sie ein Platz finden könnten. Dabei herrscht mittlerweile eher Fachkräftemangel.“ Die eigentlichen Gründe für Migration sind vielfältig, weltweit, aber auch im Osten Deutschlands. Und die eine Lösung wird es nicht geben. Aber immerhin: Im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung ist der Vorsatz verankert, den Menschen in den betroffenen Regionen eine Perspektive zu geben. Damit die, die bleiben wollen, auch bleiben können. (Fotos: dpa, FH Magdeburg-Stendal)

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