Grüner Stachel im Aufwind

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Den Grünen geht es prächtig zurzeit: Ende März, bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, waren sie die großen Gewinner. Sie verbesserten ihre Wahlergebnisse deutlich, in Baden-Württemberg stellen sie sogar den neuen Ministerpräsidenten. Diese Woche zeigte sich in den jüngsten Umfragen auch auf Bundesebene derselbe Trend: Die Grünen überholten mit 28 Prozent sogar die SPD (23 Prozent). Die Euphorie für die kommenden Wahlen in Bremen und Berlin ist deshalb groß.



Auch die Grüne Jugend erlebt momentan eine Blütezeit, die sich in den Parlamenten bemerkbar macht: In Sachsen-Anhalt zog ein Mitglied der Grünen Jugend in den Landtag ein. In Rheinland-Pfalz sind vier grüne Abgeordnete jünger als 30 Jahre, davon ist eine bei der Grünen Jugend. Auch in der Landtagsfraktion von Baden-Württemberg wird das Durchschnittsalter sinken: Bisher saß hier kein Vertreter der Jungendorganisation. Jetzt schon: Alexander Salomon, 24 Jahre, Jurastudent aus Karlsruhe, wurde gerade ins Stuttgarter Parlament gewählt, fast hätte er sogar ein Direktmandat gewonnen. Verändert es die Situation der Grünen Jugend, wenn mehr Junge in den Parlamenten sitzen? „Ich glaube schon, dass uns das helfen wird, unsere Ideen besser einbringen zu können“, sagt Salomon.  

Was man auch schnell lernt, wenn man mit Junggrünen spricht: Die Grüne Jugend ist nicht gleich Grüne Partei. Die Jugendorganisation ist eigenständig, und diese Eigenständigkeit ist ihr wichtig. Sie versteht sich auch als eine Art Stachel, der die etablierten Altgrünen im innerparteilichen Meinungsbildungsprozess manchmal etwas piekst. „Wir vertreten oft etwas radikalere Positionen“ sagt Emily Büning, Sprecherin des Bundesvorstands der Grünen Jugend. Sie lebt in Berlin, stammt ursprünglich aus Hamburg. Ihr Rückruf kommt von unterwegs, aus dem Zug natürlich, sie pendelt mal wieder in die Heimat zum Ortsverband. Über die aktuelle Entwicklung der Grünen Jugend ist sie froh: „Es ist großartig, wenn wir mehr junge Leute in die Parlamente bekommen.“   Auch bei den kommenden Wahlen in Bremen und Berlin könnte das gelingen. Linda Neddermann ist 23 Jahre alt, und damit die jüngste Kandidatin der Grünen für die Wahl der Bremer Bürgerschaft Ende Mai. Sie ist seit zwei Jahren bei den Grünen, Mitsprache für Jugendliche und Tierschutz sind ihre Themen. Jetzt hat sie den Listenplatz 15 bekommen. „Eigentlich ist das kein besonders sicherer Listenplatz“, sagt sie. Aber momentan scheint nichts unmöglich – wenn der aktuelle Höhenflug der Grünen weitergeht, hat sie Chancen, bald ins Landesparlament einzuziehen.


Linda Neddermann kandidiert in Bremen

In Berlin sind im September Wahlen. Die Vorbereitungen laufen schon seit Ende vergangenen Jahres. Auf der Webseite der Grünen Jugend prangt in grünen Lettern der Schlachtruf „Auf ins Abgeordnetenhaus!“ Möglichst viele Junge auf die Liste – das ist das Ziel am kommenden Wochenende auf der Landesmitgliederversammlung. Das Problem: Neulinge landen meist auf den hinteren Listenplätzen, dort also, wo die Aussicht, tatsächlich ins Parlament einzuziehen, normalerweise nicht besonders groß ist. Momentan allerdings erscheinen diese Plätze nicht mehr ganz so aussichtslos. Vor allem aber winken jungen Grünen in Berlin Mandate in den Bezirksparlamenten. Die Grünen könnten in manchen Bezirken ihre Sitze verdoppeln – da wird auch Nachwuchs gebraucht.

Und der könnte bereits unterwegs sein. Die Grüne Jugend hat bundesweit derzeit etwa 8900 Mitglieder. Vor einem halben Jahr waren es noch 8200. Vor allem nach der Reaktor-Katastrophe in Japan gab es viele Neueintritte. „Vor ein paar Tagen habe ich mit unserer Geschäftsführerin telefoniert“, erzählt Emily Büning. „Der war ziemlich aufgeregt, als er mir von den neuen Mitgliederzahlen erzählte.“ Der Zuwachs zeigt sich auch bei der Parteiarbeit. „Nach dem Reaktorunglück in Fukushima hat man in unseren Treffen in Karlsruhe einen Push gespürt“, sagt Alexander Salomon. „Da kommen momentan jedes Mal fünf neue Leute, die sich engagieren wollen.“

Allein, das Interesse der Neuen gilt meistens eher den großen Themen wie Atomkraft als den Fahrradwegen und Sickergruben. „Am Anfang fehlt bei manchen ein bisschen das Interesse für kommunale Themen“, sagt Emily Büning. Die Lösung: In den Ortsgruppen-Treffen wird beides diskutiert – die große Bundespolitik und die lokalen Themen. Ob die Neuen, die von der Atomkraft-Debatte zur Grünen Jugend geschwemmt wurden, auch langfristig dabeibleiben, ist fraglich. Zumindest gibt es Maßnahmen, um sie nicht gleich beim ersten Treffen mit der Realität der Parteiarbeit zu erschlagen – Neulingstreffen mit Keksen und Tee. 



Text: christian-helten - Fotos: dpa/privat

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